Episodenfilm, der splittergleich Bruchstücke aus den Leben einiger Menschen abbildet. Alle Schicksale sind in irgendeiner Form mit der Bosporus-Brücke verbunden, die ihrerseits Asien und Europa miteinander verbindet. Men on the Bridge - Köprüdekiler stellt sich zur Aufgabe, ein Bild von den Wünschen und Bedürfnissen junger Menschen in Istanbul zu zeichnen, ergeht sich aber zu sehr in allgemeinen Statements, um daraus etwas für diese Stadt Typisches herauszukristallisieren. Ebenso wie der zähflüssige Verkehr auf der überlasteten Brücke oft zum stehen kommt, stagniert somit auch die Aussage des Films.
Gerade mal 700 Meter trennen an der schmalsten Stelle des Bosporus Asien von Europa. Diese schmale Furt, welche in ihrer Länge nicht mehr als 30 Kilometer misst, teilt nicht nur diese beiden Kontinente, sondern auch eine der größten Städte der Welt, Istanbul. Ein Teil des urbanen Molochs, den 16 Millionen Menschen ihr Zuhause nennen, liegt auf dem einen Kontinent, der andere auf dem anderen. Die Nabelschnur, welche beide miteinander verbindet, ist die Bosporus-Brücke. 1973 eröffnet, misst sie über 1500 Meter und verfügt in jeder Richtung über sechs Fahrspuren. Täglich durchqueren beinahe 200.000 Autos dieses Nadelöhr.
Diese Brücke ist aber nicht nur eine extrem stark frequentierte Transitstrecke; für viele Menschen ist sie auch ihr Arbeitsplatz. Beispielsweise für den 17-jährigen Fikret (Fikret Portakal). Ohne jegliche Schulbildung schlägt er sich gemeinsam mit Freunden mit nichtangemeldeten Jobs durch. Auf der Bosporus-Brücke versucht er, Rosen an Autofahrer zu verkaufen, die im alltäglichen Stop-and-Go-Verkehr feststecken. Umut (Umut Ilker), fast dreißig, fährt Sammeltaxi und überquert die Brücke mehrmals täglich. Eigentlich braucht er einen besseren Job, um seiner Frau das Leben zu ermöglichen, von dem sie träumt. Als der Umzug in eine bessere Wohnung platzt, steht der Haussegen erstmal schief. Und da ist Murat (Murat Tokgöz). Verkehrspolizist und alles andere als ein Womanizer. Trotzdem versucht er nach der Arbeit hartnäckig sein Liebesglück im Internet zu finden. Leider hat er ein ausgesprochenes Händchen, sich Frauen rauszupicken, die eindeutig in einer anderen Liga spielen.
Episodenfilm in typischer Manier, springt Men on the Bridge - Köprüdekiler munter von einem Schicksal zum nächsten. Die Schauspieler, allesamt Laiendarsteller, mühen sich redlich, den Geschichten ein menschliches Profil und Authentizität zu verleihen. Doch weder werden die Figuren sauber eingeführt, so dass Orientierungspunkte entstehen können, noch entwickelt der Reigen wirklich Charme. Viel zu selten gelingt es dafür der Kamera die Distanz zu den Figuren aufzulösen und den Zuschauer eintauchen zu lassen. Gleiches gilt für den Versuch, so etwas wie Lokalkolorit zu zeichnen. Zwar ist man sich sicher, irgendwo in einer südeuropäischen oder am Balkan liegenden Stadt zu sein, aber warum dies ausgerechnet Istanbul sein soll, wird nie spürbar.
Ganz wunderbar fallen allerdings die visuellen Portraits der Bosporus-Brücke aus. Ob bei Tag oder Nacht: diese endlos-rastlosen Schlangen an sich hinüberwälzenden Automobil-Kordons lassen erahnen, was für eine pulsierende Metropole diese Stadt ist. Die einzelnen Schicksale hingegen vermögen weder exemplarisch noch in ihrer Summe ein Bild davon zu skizzieren. Das mag vielleicht nicht die Absicht von Men on the Bridge - Köprüdekiler gewesen sein, dennoch wird es schmerzlich vermisst. Es gibt zwar einige Ansätze, wie eine unterprivilegierte Jugend, die perspektivlos ohne Schulbildung umherirrt und die allgemein schwierige Jobsituation oder die Problematik erwachsener Singles, einen Partner zu finden. Aber all das könnte auch woanders stattfinden; kleine Lebenssplitter ohne tieferen Bedeutungsinhalt.
Ein einziges Mal greift der Film aber zu. Als das Problem der kurdischen Minderheit in der Türkei zwischen einigen der Protagonisten diskutiert wird. Und während Militärparaden vorbeiziehen, ganze Chöre beginnen nationalistisch zu skandieren, wird ein sehr ambivalenter Blick auf diese Nation geworfen, die sich selbst als moderner westlicher Staat versteht und sich als Laizistische Demokratie bezeichnet. Das ist ein sehr starker Kontrast im Vergleich zu den sonst eher unspezifischen Bildern. Im Widerspiegeln dieser Facette mag man einerseits die mutige Kritik an der Gesellschaftsstruktur und dem politischen System erkennen, andererseits wird der Türkei eben der Klischeestempel aufgedrückt, der regelrecht programmatisch auf seinen Einsatz wartet. Was also genau Ziel dieses sehr ehrlichen Statements war, erschließt sich nicht vollends. Ebenso wie es generell schwer fällt, den Streifen überhaupt einzuordnen. Kaum aus dem Kino raus, wird man sich an kaum mehr als einige spektakuläre Impressionen der Bosporus-Brücke erinnern.