Das Schicksal ist zuweilen unerhört grausam. Nicht genug damit, dass man als Zwölfjähriger die Statur eines Hänflings hat, nun muss man auch noch auf die Middle-School, auf der man zum Frischfleisch zählt. Dass der beste Kumpel obendrein ein drolliger Kindskopf ist, scheint kaum hilfreich. Gregs Tagebuch - Von Idioten umzingelt! ist eine unaufgeregte Dramödie, die den jungen Greg auf seinem steinigen Weg zu elementaren Wahrheiten begleitet. Humoriger Streifen, mit netten Gags, der viele Klischees gekonnt bemüht, insgesamt aber mit unorganisierter Erzählstruktur, die sich spothaft aus Gregs Tagebuch bedient, nicht voll zu punkten vermag.
Wenn man von der Grundschule auf die Junior High School (vergleichbar mit den deutschen Schulklassen 7-9) wechselt, stellt das ein einschneidendes Erlebnis dar: Ehemals gehörte man zu den ältesten und coolsten Kindern der Schule und plötzlich ist man wieder ein Knirps, den jeder herumschubsen kann. Am besten ist es, so wenig wie möglich aufzufallen und sich irgendwie "durchzuwurschteln", bis wieder bessere Tage anbrechen. Ganz besonders wichtig dabei, auf keinen Fall mit anderen Jungs befreundet sein, die etwas freakiges an sich haben: sonst gerät man noch selbst auf die Abschussliste!
Im Falle von Greg (Zachary Gordon), einem schmächtigen, ansonsten aber durchschnittlichen Zwölfjährigen, ist der Plan nicht aufzufallen, gut angedacht; dank seines dicklichen wie trotteligen Buddys, Rowley (Robert Capron), der gerne in lächerlichen Kinderklamotten herumläuft und ein rosa Fahrrad besitzt, auf dem er ungeniert durch die Gegend fährt, wird das aber nicht ganz leicht werden. Rowley ist wahrscheinlich der uncoolste Typ des Universums. Und da Greg es nicht übers Herz bringt, Rowley die Freundschaft zu kündigen, muss er sich auf der Schule in möglichst viele coole AG's einschreiben, wie beispielsweise dem Ringertraining, um sein Image aufzubessern und die Popularitätsskala nach oben klettern zu können. Etwas, das Greg außerordentlich wichtig ist. Dumm nur, dass Greg mit seiner Statur sogar vom einzigen Mädchen in der Ringermannschaft auf die Matte befördert werden kann.
Im Grunde ist diese Geschichte, die sich selber vermutlich gerne als Coming-of-Age-Drama sehen würde, die übliche Heranwachsenden-Leier, die höchstwahrscheinlich nahezu jeder aus eigener Erfahrung vergleichbar erzählen könnte. Gestern gehörte man noch zu denen, die auf dem Schulhof von den Knirpsen Respekt einforderten, und auf einmal ist alles anders: nun ist man Angehöriger einer "unterprivilegierten Schicht" und darf die nächsten Jahre mit der Willkür des Schicksals hadern.
Gregs Tagebuch - Von Idioten umzingelt! bemüht nicht wenige Klischees, um dieses alte Dilemma ebenso anschaulich wie kinotauglich zu verpacken: Das Elternhaus der Hauptfigur ist ein Horrorkabinett; Vater und Mutter wirken wie Außerirdische, die in die Körper von Menschen geschlüpft sind und das Menschsein noch üben müssen; der ältere Bruder, ein Punk-Rocker, lässt keine Gelegenheit aus, Greg zu terrorisieren, und der jüngste Spross der Familie ist eine totale Nervensäge. Dazu der nerdige Kumpel, der einen unvermittelt in peinliche Situationen manövrieren kann und eine moralische Instanz, in Form einer älteren Mitschülerin, die ihren Altersgenossen Lichtjahre voraus ist (ein Wiedersehen mit dem Hit-Girl Chloe Moretz aus Kick-Ass, die erneut beweist, was für ein außerordentliches Potenzial in ihr steckt).
Basierend auf dem überaus erfolgreichen Kinderbuch Gregs Tagebuch von Jeff Kinney, von dem weltweit insgesamt 28 Millionen Exemplare über die Ladentheke gingen, entwickelt Regisseur Thor Freudenthal ein humoriges Buddy-Movie mit soften Dramaqualitäten. Der Coming-of-Age-Charakter kommt dabei allerdings zu kurz, was möglicherweise daran liegt, dass sich die Handlung auf die Zeit eines Schuljahres verdichtet und ein Zwölfjähriger nach dem Verstreichen eines Jahres vom Erwachsenendasein immer noch ein gutes Stück entfernt ist.
Größtes Manko der Geschichte ist aber, dass sie streng genommen ohne echten Spannungsbogen auskommen muss, und auch der Plot wirkt in der Aneinanderreihung skurriler Situationen und Gags insgesamt zerfahren und etwas strukturlos. Überaus eingängig sind dafür die zeitlosen Wahrheiten, dass man wahre Freunde nur selten findet und dass womöglich alles, was man als Heranwachsender heute noch als unglaublich wichtig ansieht, morgen schon lächerlich erscheinen kann. Ebenso wie der Wunsch, von allen gemocht zu werden und zu den "Angesagten" zu gehören, sich als nichts weiter als eine Seifenblase entpuppen mag. All das vermag Gregs Tagebuch - Von Idioten umzingelt! ganz beiläufig schön pointiert rüberzubringen, ohne dabei jemals aufdringlich pädagogisch oder moralisierend werden zu müssen. Das bringt ordentlich Sympathiepunkte, macht aber aus dem Film fürs Kino immer noch nicht ein Must-Have, sollte sich aber mindestens für einen unterhaltsamen DVD-Abend gut eignen.