In der idyllischen und einsamen Landschaft Irlands treffen eine junge Wilde und ein alter Weiser zusammen und werden sich schnell einig: Arbeit gegen Essen, keine Fragen. Aber so distanziert bleibt das Arrangement nicht lange. Die beiden Eigenbrödler kommen sich still und leise näher und finden aus der frei gewählten Einsamkeit heraus. Regisseurin Urszula Antoniak inszeniert diese sonderbare Beziehung in dem Film Nothing Personal mit viel sagenden Bildern, klassischer Musik und kleinen Gesten. Der preisgekrönte Streifen verändert zwar nicht den Blick auf die Welt, aber gibt einem ruhige Momente. Ein Kontrast zum schnelllebigen Alltag voller Aufgaben und Sorgen, in dem leider gerade die kleinen Zeichen und stillen Augenblicke keinen Platz mehr finden.
Ein silberner Ehering, eine leer geräumte Wohnung und einige Alltagsgegenstände, die als Trödel verramscht werden - das sind die letzten Dinge, die an Annes altes Leben erinnern. Nun bricht sie ihre Zelte in Holland ab, packt nur das Nötigste zusammen und trampt nach Irland. Die junge Frau genießt die Einsamkeit und das unabhängige Leben abseits des Getümmels und der Großstadt. Aber die Freiheit zu tun, was einem gefällt, bringt auch Nachteile mit sich. Das Wühlen im Müll nach essbaren Resten sorgt für abfällige Blicke einer vierköpfigen Familie und der Autofahrer, der sie ein Stück auf seinem Weg mitnimmt, hat es bereits nach kurzer Zeit nur auf das Eine abgesehen. Und das obwohl Anne ungeschminkt, mit wirren Haaren und dicken Wanderklamotten nicht gerade begehrenswert aussieht. Nach diesem Erlebnis zieht sie es vor, zu Fuß zu gehen und sich von allen Menschen fern zu halten.
Doch das Leben in völliger Isolation und absolut auf sich allein gestellt, gelingt Anne nicht besonders lange. Als sie ein abgelegenes Haus in der Idylle Irlands entdeckt, kann sie sich dem Reiz, es zu betreten, nicht entziehen. Kurze Zeit später trifft sie auf den Bewohner: Der um einiges ältere Martin, der dort ganz alleine lebt. Schnell treffen die Zwei eine Abmachung: Sie arbeitet für ihn, dafür gibt er ihr Essen. Darüber hinaus keine Fragen und damit kein persönlicher Kontakt. Einfache Regeln, die in dieser klaren Form aber nicht lange gehalten werden. Nachdem Anne eine Zeit lang darauf besteht, alleine vor dem Haus zu essen, traut sie sich doch irgendwann an Martins Tisch und genießt seine Kochkünste. Auch die Aufgaben, die er ihr gibt, locken sie vermehrt ins Haus hinein und wenn sie sich unbeobachtet fühlt, hört sie seine CDs oder leiht sich Bücher aus seiner reichhaltigen Sammlung. So entsteht auf zaghafte und ungewöhnliche Weise eine Bindung zwischen den Beiden.
Urszula Antoniaks Regiedebüt Nothing Personal ist ein Filmerlebnis mit wenig Worten (zumindest weniger als bei den meisten Kinofilmen gewohnt) und dafür vielen zum Teil ausdrucksstarken Bildern. Mit diesem Konzept konnte die Regisseurin bereits einige Erfolge verbuchen: Bei Filmfestivals in der Schweiz, den Niederlanden und Sevilla erhielt der Film bereits einige Auszeichnungen und bei den Internationalen Filmfestspielen 2010 in Berlin erhielt Hauptdarstellerin Lotte Verbeek den Preis als European Shootingstar. Bei nur zwei Darstellern (bis auf wenige Statisten) ist eine gute schauspielerische Leistung Pflicht, hier gibt es daran auch nichts auszusetzen. Lotte Verbeek spielt gekonnt die "Unbekannte", die sich von Martin nur "Du" nennen lässt. Was hat sie erlebt? Warum sucht sie die Abgeschiedenheit? Warum ihre anfängliche Ablehnung? Das alles sind Fragen, die man sich zwangsläufig stellt und die (zum Glück) unbeantwortet bleiben. Der Film lässt viel Raum für die Vorstellungskraft und Rückschlüsse des Publikums, was der Handlung sehr gut tut.
Nur zeitweise sieht es so aus, als ob die beiden Protagonisten ihrer Neugier nicht widerstehen können und im Leben des Anderen herumschnüffeln. Doch dieser Ansatz wird nicht weitergeführt, da diese Dinge auch keine Rolle mehr spielen. Stattdessen treffen zwei Menschen auf einzigartige Weise zusammen, die unter "normalen" Umständen nichts miteinander zu tun gehabt hätten. Beide bleiben voller Geheimnisse und ohne Vergangenheit. Lotte Verbeek agiert mit diesen Attributen sehr gut, manchmal ist sie schroff und unhöflich, dann wieder freundlich und gut gelaunt. Die Niederländerin ist eigentlich Model, Schauspielerin, Tänzerin und Sängerin und spielt in Nothing Personal ihre erste Hauptrolle. Ihr Filmpartner Stephen Rea hingegen war bereits in bekannten Filmen wie V wie Vendetta oder Interview mit einem Vampir zu sehen. Seine Figur hat sich mit der Abgeschiedenheit viel besser arrangiert, denn er hat alles was er zum Leben braucht: Ein Haus, die Natur, gutes Essen und die Musik. Seine Lebensweise scheint mehr aus der Überzeugung zu kommen und nicht aus Rebellion und Widerwillen, so wie bei Anne. Dass nun eine neue Person in sein Leben tritt, bedeutet (Auf)regung. Gekonnt inszeniert Rea die Unsicherheit, die durch die Anwesenheit einer jungen, hübschen Frau in Martins Haus zwangsläufig entsteht.
Auch wenn es auf den ersten Blick so wirken mag, ist Nothing Personal kein Film über die Einsamkeit. Eigentlich ist es vielmehr ein Film über den Versuch in die Einsamkeit zu flüchten - um weiteren Enttäuschungen zu entgehen, um enge Bindungen zu meiden, um vor den Zwängen und Verpflichtungen des Alltags zu flüchten. Aber es gelingt Anne eigentlich gar nicht - denn trotz der anfänglichen Widerstände braucht sie die Bindung zu anderen Menschen und kommt Martin immer näher. Interessant ist es mit anzusehen, was mit der zwischenmenschlichen Beziehung einhergeht: Der Wunsch, dem Gegenüber zu gefallen, seine Erwartungen zu erfüllen, zu erkennen wie er denkt und schließlich auch die Neugier auf ihn. Die gebürtige Polin Antoniak beweist mit ihrem filmischen Werk gewissermaßen, dass es nicht in der Natur des Menschen liegt, lange allein zu sein.
Anders als in dem Aussteigerdrama Into the Wild geht es in Nothing Personal nicht um Naturverbundenheit und grenzenlose Freiheit, denn die Hauptfigur bleibt gar nicht lange alleine. Mit Martin sucht sie einerseits eine unverbindliche Zweckgemeinschaft, dennoch fühlt sie sich von ihm gut behandelt und begehrt und will das ungern verlieren. Eine klassische Liebesgeschichte ist das sicher nicht, aber zumindest eine unkonventionelle Romanze mit vielen stillen Momenten und poetischen Bildern. Wenn die geschälten Kartoffeln im Wasser kochen, wenn der gedeckte Tisch auf Gäste wartet und wenn Anne und Martin zaghaft ihre Hände ineinander legen, wird Antoniaks Gefühl für Feinheiten deutlich.
Der Film hat ganz eigene Ansätze zu Themen wie Einsamkeit, Freiheit und Individualität und genau das kann dem Zuschauer auch bitter aufstoßen. Warum flüchtet sich die offenbar vom Leben enttäuschte Anne in die abgelegene Natur, wenn sie sich dann doch auf ein "Zusammenleben" mit Martin einlässt? Das erscheint stellenweise schon etwas widersprüchlich und unklar. Vor allem aber das Ende - das an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird - gibt zu denken und will sich nicht so recht in das Gesamtkonzept des Filmes einfügen. Manche Filmideen sind zu experimentell und fragwürdig, um noch in ein "poetisches Gesamtbild" zu passen. Man weiß letztlich nicht so recht, ob die Regisseurin, die als einstige Emigrantin selbst mit der Fremde und den Vorurteilen von Menschen zu kämpfen hatte, ein Statement für Einsamkeit und Freiheit abgeben will oder für die Kraft von menschlichen Bindungen, ohne die kein Mensch lange leben kann.
Trotz dieser Abzüge besitzt Nothing Personal ein paar interessante Anknüpfungspunkte, über die es lohnt nachzudenken. Vor allem über die Natur des Menschen und wie sich auch mit minimalem Wissen voneinander ein liebevoller Kontakt untereinander aufbauen lässt. Für den modernden Menschen, der Beziehungen zwischen Stress und Alltagstrott für gewöhnlich sehr impulsiv führt (streitend, diskutierend, sich alles anvertrauend oder sich verletzend), ist es ein wirkliches Schauspiel, wie zwei Personen ohne Zwänge und Ansprüche aneinander leise und vorsichtig zueinander finden. In Antoniaks irisch-niederländischen Co-Produktion wohlgemerkt nur ein Konstrukt, aber in einer angelehnten Weise genauso gut denkbar, egal ob in Irlands Wäldern, auf Hollands Feldern oder in einem anderen abgelegenen Teil der Erde.