Auf den ersten Blick erinnert Kick-Ass nur an eine weitere Superhelden-Parodie. Hinter der Camouflage verbirgt sich aber eine schonungslose Zeitgeistsatire in einem comichaften Gewand. Erwartungsgemäß gibt es zahllose Referenzen auf Filme, die ihrerseits inzwischen Kultstatus innehaben. Neben den zu erwartenden Superheldenfilmen, fallen Streifen wie Matrix, Kill Bill oder Leon - Der Profi unter die persiflierten Werke. Wer aber denkt, hier werden blindwütig Sidekicks verabreicht oder reihenweise Anleihen genommen, um dem eigenen Werk einen stylischen Charakter zu verleihen, irrt möglicherweise fatal.
Dave (Aaron Johnson) und seine Buddies sind wahre Comic-Nerds. Ihre Rollenvorbilder tummeln sich in den Welten von Marvel, DC & Co. Doch warum lediglich deren Geschichten nachverfolgen und mit ihren Abenteuern mitfiebern? Warum sich seine Helden nicht als Vorbild nehmen und selbst aktiv werden? Superheld sein, ist womöglich mehr eine Sache der Einstellung, als der außergewöhnlichen Kräfte, Fähigkeiten oder eines Hightech-Equipment. Kurzerhand bestellt sich Dave einen sonderbaren grünen Fummel, der viel von einem Schlafanzug der 70er Jahre hat, aus dem Internet und stürzt sich in die Verbrecherjagd. Im Heldengewand samt Maske, um seine Geheimidentität zu wahren und einem Knüppel auf dem Rücken, um die Bösewichter zu vertrimmen, bekommt er auch prompt Gelegenheit, sein neues Dasein als Kick Ass auf den Prüfstein zu stellen: Auf einem Parkplatz überrascht er zwei Kleinkriminelle, die gerade ein Auto knacken wollen; und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
Später, im Krankenhaus, als er seine Röntgenbilder betrachtet und die zahlreichen Metallimplantate sieht, entlockt ihm das nur ein: Wow, ich seh ja aus wie Wolverine! Mit metallverstärktem Skelett und einer, durch die Verletzungen bedingte teilweise Schmerzunempfindlichkeit, startet Dave sein Projekt Kick Ass 2.0. Und schon bald findet er sich inmitten einer Schlägerei wieder, in der er mit Leib und Seele jemanden gegen drei Gangmember verteidigt, während eine johlende Menge die Szenerie mit ihren Handys filmt. Es dauert nicht lange und mittels YouTube wird Kick Ass ein landesweites Medienphänomen und ein Held, den manche für einen Spinner halten, andere aber als nachahmenswertes Vorbild ansehen. Währenddessen mischt im Verborgenen ein echtes Super(Helden)-Duo Namens Hit Girl und Big Daddy (Chloe Grace Moretz und Nicolas Cage) die Unterwelt auf. Die beiden bleiben aber derart unsichtbar, dass der Verdacht auf Kick Ass fällt. Und der muss plötzlich feststellen, dass der gute Wille allein noch keinen Superhelden macht.
Man kann sich durchaus einfach zurücklehnen, und wenn man über ein wenig makabere Veranlagung verfügt, wird man sich köstlich amüsieren. Dieser Umstand allein hebt Kick-Ass bereits aus den Reihen von Persiflagen wie Superhero Movie heraus. Unter dieser Schicht aus Komik gibt es aber noch etwas anderes, eine Subebene, die darauf lauert, jeden von uns auf die Sünderbank zu setzen. Kick-Ass nimmt sich mehr oder weniger deutlich anklagend vieler - durch den Zeitgeist produzierter - Verhaltensweisen an: Warum schauen Menschen unbeteiligt zu, wenn vor ihren Augen jemand zusammengetreten wird und filmen das obendrein aus purer Sensationslüsternheit? Warum sitzen Menschen teilnahmslos vor der Glotze und warten darauf, dass jemand dort auftaucht, mit dem sie sich identifizieren können; und beginnen anschließend ihn zu kopieren, anstatt selber etwas aus sich zu machen? Warum stilisieren Menschen bereitwillig jemanden zum Heiland oder Guru und sind fortan überzeugt, dass er alles richten wird, anstelle zu versuchen selber zumindest im Kleinen etwas Gutes zu bewirken?
Eine Menge Fragen, und es fällt nicht leicht zu glauben, dass gerade ein Film wie Kick-Ass in der Lage sein soll, diese aufzuwerfen. Und dabei gibt es sogar noch mehr: Unser ganzes Medienverhalten, ja unsere Medienhörigkeit, Voyeurismus und Sensationsgeilheit kommen hier an den Pranger: Wie weit würden wir gehen und wann hätten wir endgültig genug? Würden wir sogar bei einer Life-Hinrichtung zuschauen? Ein wenig erinnert Kick-Ass mit dieser Fragestellung an Untraceable, allerdings hält er den Satirekurs, während Untraceable ein ernst gemeinter Thriller war. Vordergründiger als diese sozialkritischen Ebenen, findet sich natürlich ein feuerwerkartiges Persiflagen-Potpourri, das sich vieler bekannter Superheldenfilme annimmt und diese gekonnt durch den Kakao zieht: wie Spider-Man, Batman, The Punisher, um nur ein paar zu nennen. Das macht sicher Laune, ist aber nur ein Teil der größer angelegten Satire-Show.
Für seine nachhaltigere Wirkung bedient sich Kick-Ass aber durchaus auch Mitteln, die für einige Aufruhr sorgen könnten: Eine Elfjährige, die in allerbester Kill Bill-Manier die Schurken massakriert, kann durchaus die Kritiker auf den Plan befördern, die behaupten, dass Kick-Ass vielleicht das Eine will, sich aber derselben Mittel bedient, wie die Streifen und Verhaltensweisen, die er anprangert und somit für die Jugend die gleiche negative Vorlage liefert. Dagegen spricht eindeutig der comichaft-trashige Stil, der speziell diese Einlagen deutlich als absurde Groteske kenntlich macht. Kurioserweise ist der Film aber sonst zu einem Gutteil alles andere als billig gefilmt. Streckenweise erinnert er vom Look sogar an manch genialen Streifen eines Michael Mann. Und der Score würde glatt ausreichen, um eine ganze Reihe Bombast-Blockbuster zu versorgen. Dieser schrille Kontrast verleiht ihm einen ganz eigentümlichen und originären Charakter und könnte dieses böse Machwerk durchaus zum Kultfilm machen.
Was immer man in Kick-Ass sehen will, es bietet sich nahezu jede Möglichkeit dazu. Man kann, sofern man das möchte, sogar sich selbst beobachten und feststellen, dass wir im Grunde alle ähnlich funktionieren. Selbst wenn man die heroischen, cineastischen Strickmuster durchschaut hat, ist mit der richtigen Komposition und Kombination aus Bild, Ton und Last-Man-Standing-Action jeder von uns zu kriegen. Wir schlagen uns automatisch auf die Seite des Underdogs, der heldenmütig wegen irgendeiner abstrusen Sache bereit ist, sein Leben zu geben und lassen uns emotionalisieren, bis zum Rausch.
Diese sehr naiven Mechanismen funktionieren immer wieder und manipulieren uns, ob wir wollen oder nicht. Selbst bei einem Streifen wie Kick-Ass funktioniert es im eindeutig furiosen Finale. Obwohl es völlig einsichtig ist, dass es sich um Parodie handelt, kann man sich dem einfach nicht entziehen. Vielleicht wollen wir das sogar gelegentlich genauso; einfach den Intellekt vorübergehend an der Kinokasse abgeben und im Geiste gemeinsam mit den 300 die Thermopylen verteidigen, mit ein paar flotten Kung-Fu-Kicks die Schöne vor ein paar Strolchen retten oder mit einem breiten Grinsen und einem Spruch a la Yippie Ya Yeah, Schweinebacke! den Schurken seiner gerechten Strafe zuführen. Das ist völlig in Ordnung. Hauptsache, man findet nach der Vorstellung wieder in die Realität zurück.