Der Film hätte bereits letzten Sommer in den USA starten sollen, wurde aber aufgrund der extrem negativen Zuschauerreaktionen bei Testvorführungen noch einmal zurückgezogen und komplett überarbeitet. Nun startete der Film nach mehr als einem halben Jahr Verspätung letzte Woche endlich in den amerikanischen Kinos und ich frag mich jetzt ernsthaft: Wie um alles in der Welt muß dieser Müll denn vor der erneuten Bearbeitung ausgesehen haben? Ist es überhaupt möglich, daß Rollerball in seiner ersten aufs Kinopublikum losgelassenen Version noch miserabler war als in der uns jetzt vorliegenden? Das übersteigt ehrlich gesagt meine Vorstellungskraft. Ich selbst war nie ein großer Fan des Originals aus dem Jahre 1975, aber dieses Remake schlägt dem Faß echt den Boden aus. Ganz nüchtern und objektiv betrachtet gehört Rollerball ohne jeden Zweifel zu den fünf schlechtesten Filmen die ich in meinem Leben bis zum heutigen Tage gesehen habe. Dieser Film läßt Battlefield Earth - Kampf um die Erde wie eine episches Meisterwerk, Showgirls wie ein fesselndes Drama und Ey Mann - Wo is' mein Auto!!? wie eine facettenreiche Charakterstudie aussehen.
Das dem Film zugrunde liegende Drehbuch weist noch einige Parallelen zum Original auf, doch wurde zum Beispiel gleich mal jeglicher gesellschaftskritischer Ansatz lückenlos enfernt. Nachdenkliche Handlungselemente könnte ja von der Action ablenken. Im Zentrum des Films steht nach wie vor die futuristische Sportart Rollerball, eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und Rollschuhbahn. Die absurden Spielregeln (eine Acht fahren, danach durch den gläsernen Kaninchenbau, über die Schanze und dann den Ball gegen die Metallscheibe donnern - Also bitte, wie bescheuert gehts eigentlich?!) erinnern eher an die American Gladiators als an irgendeine ernstzunehmende Sportart. Die Spieler rollen in höchst albernen Kostümen (die für den Zeitraum der Dreharbeiten höchstwahrscheinlich aus dem Fundus der WWF und WCW entliehen wurden) auf Inline-Skates und Motorrädern über den Parkur und hauen den Angehörigen der gegnerischen Manschaft in regelmäßigen Abständen eine auf die Rübe. Das ist zwar irgendwie gegen die Regeln, aber wie kommentiert der uns ständig begleitende Kabinensprecher dies nach dem Erläutern der Regeln fürs Punkten in einer versucht witzigen Szene noch so schön: "Der Rest der Regeln ist in russisch, also keine Ahnung was Sache ist." So dürfte es auch dem Großteil der Spieler gehen, denn die Auswahl ist gewollt international gehalten und so kommen die stahlharten Jungs und Mädels mit den kessen Spielernamen aus allen Ecken der Welt.
Keiner der Spieler hat Spaß am Sport, das Spielergehalt ist der einzige Anreiz bei der bescheuerten Show seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen und Teamgeist sucht man beim Rollerball leider vergeblich. Trotzdem ist für unsere Protagonisten Jonathon Cross (der mit Milchbubi-Gesicht Chris Klein nebenbei bemerkt total fehlbesetzt ist) und dessen Buddy Marcus Ridley zunächst alles in Butter. Kein Wunder, treiben die lustigen Jon-a-Ton Sprechchöre und die Hauseigne Rock-Kapelle (Kann es sein, daß die sich die Cyber-Gitarren von Bill und Ted unter den Nagel gerissen haben?) den Spitzenspieler und sein Team doch stets zu neuen Höchstleistungen. Doch der böse böse Liga-Besitzer Petrovich mit dem obligatorischen Fieslings-Akzent beginnt unverschämterweise damit, das Leben seiner Spieler in spektakulären Unfällen zu opfern, um die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben. Letztere können übrigens durchgehend als Instant Global Rating in leuchtend grünen Ziffern auf einer überdimensionalen Anzeige im schnörkellosen Lastenaufzug-Design abgelesen werden. Interessanterweise steigen die Zahlen nach jeder brutalen Aktion sofort in die Höhe, als ob die Zuschauer infolge einer inneren Eingebung plötzlich das Gefühl haben, beim Rollerball-Spiel gerade eben etwas unheimlich spektakuläres verpaßt zu haben und daher umschalten müssen. Zu Beginn eines jeden folgenden Spiels sind die Quoten dann kurioserweise wieder im Keller. Sollte das nicht genau umgekehrt sein?
Brillant die Szene in der unser Held einsieht, daß hinter der üblen Verletzung die sich einer seiner Teamkameraden zugezogen hat, mehr als nur ein Unfall steckt. Als ihm seine Kollegen offenbaren, daß der Helmverschluß des betreffenden Spielers durchgeschnitten wurde, setzt Jon-a-Ton blitzschnell seinen "Hier ist doch was oberfaul"-Blick auf, ungeachtet der Tatsache, daß er selbst nie den Verschluß seines kleinen feuerroten Helmchens schließt. Sogleich macht er sich auf den Weg zu Petrovich, um sich ihm in dieser Sache anzuvertrauen, obwohl natürlich schon jeder Zuschauer geschnallt hat, daß eben jener hinter der ganzen Sache steckt. Stunden später raffens dann auch unsere Hauptfiguren, unternehmen einen kläglichen Fluchtversuch und zetteln nach dessen Scheitern ganz spontan eine Revolte an. Diese wird durch eine kurzfristige Regeländerung vor Beginn des großen Entscheidungsspiels überhaupt erst ins Rollen gebracht. Die Änderung besagt kurz und knapp: Ab jetzt ist alles erlaubt. Es gibt keine Fouls, keine Schiedsrichter und keine Strafzeiten mehr. Völlig klar, daß diese schwachsinnige Modifikation des Spiels in einer sinnlosen Gewaltorgie endet. Das ist dann auch wieder einer dieser (in diesem Film zahlreich vorhandenen) Momente in denen man sich ans Hirn langt und kurz darauf seinen Schädel minutenlang monoton gegen den Vordersitz hämmert, weil man die offenkundige Dummheit und Dreistigkeit des Drehbuchs einfach nicht erträgt.
Das sind bisher wirklich alles nur grobe Eckpfeiler der unverschämt dämlichen Handlung, über die man sich noch wochenlang auslassen könnte. Da wären die Gemeinschaftsumkleiden, die man (frei nach dem Vorbild Starship Troopers) als peinlichen Vorwand auf-Teufel-komm-raus Brüste zeigen zu wollen outen muß. Da wäre die leidenschaftslose Sexszene zwischen Chris Klein und Rebecca Romijn-Stamos, die eine Nominierung für die unerotischste Erotikszene ever verdient hat. Da wäre zu klären, ob es wirklich sinnvoll war den Handlungsort des Films nach Osteuropa und Asien zu verlegen, um wie McTiernan so schön erklärt "zu zeigen, daß aggressiver Kapitalismus sich überall auf der Erde ausbreiten kann". Rollerball dauert nicht einmal zwei Stunden und liefert in dieser kurzen Zeit allein inhaltlich soviel Mist, daß man damit noch ganze Jahrzehnte lang düngen kann. Die Charaktere sind schon gar nicht mehr als klischeehaft zu bezeichnen, sind sie doch eher schlechte Abziehbilder von total überzeichneten Karikaturen. Die Schauspieler sind allesamt entweder fehlbesetzt oder sowieso indiskutabel weil völlig offensichtlich ohne Talent und Gastauftritte wie die von Pink oder Slipknot heben das Niveau nun auch nicht gerade.
Was einen jedoch wirklich überrascht: Rollerball ist auch rein handwerklich eine bodenlose Frechheit, eine Unverschämtheit sondersgleichen. Ohne jegliches Gespür für Rhythmus, Bildkompositionen oder Spannungsaufbau reiht Regisseur John McTiernan hier ein Frame an das nächste und bastelt eine unstimmige Action-Sequenz nach der anderen zusammen. Man bekommt zu keinen Zeitpunkt ein Feeling für die Sportart Rollerball, ist nicht eine Sekunde lang vom Geschehen auf dem Feld gefesselt, hat sogar Mühe sich in dem heillosen Durcheinander an bunten Bildern irgendwie zurecht zu finden. Und sowas kommt von einem Mann der noch vor zehn Jahren mit Stirb Langsam und Jagd auf Roter Oktober Filmgeschichte geschrieben hat. Heute bekommt man von ihm Schnitte und Übergänge geboten, daß es einen echt die Schuhe auszieht: Verletzter Spieler liegt am Boden, gegenerischer Motorradfahrer heizt auf ihn drauf, gibt einen gezwungen lässigen One-Liner zum besten und braust wieder weiter. In dem Moment in dem das Motorrad den Körper verläßt kommt ein offensichtlicher, plumper Schnitt von der reglosen Puppe auf den sich bewegenden Schauspieler, der sogleich aufsteht und weiterspielt. Es gibt Homevideos von langweiligen Geburtstagsfeiern die raffinierter geschnitten sind.
Auch die (eigentlich sowieso unnötigen) Action-Szenen außerhalb des Rollerball-Feldes setzen neue Negativ-Maßstäbe. Besonders der Fluchtversuch unserer beiden Helden bleibt einem (hoffentlich nicht für immer) im Gedächtnis. Zunächst einmal ist die gesamte Szene in einer unerträglichen Nachtsichtgerät-Optik gefilmt, die an den popeligen Nightvision-Modus eines handelsüblichen Camcorders erinnert. Das Bild ist grün, grobkörnig und unscharf, macht es dem Zuschauer extremst schwer der Handlung zu folgen, da man vor allem bei etwas stärkerem Gegenlicht (Scheinwerfer der verfolgenden Autos, Flugzeuge usw.) eigentlich so gut wie gar nichts mehr sieht. Cross und Ridley düsen also mit Atomgeschwindigkeit Richtung Freiheit, werden jedoch wenige Meter vor dem rettenden Grenzposten vorerst von ihrem Motorrad gepustet. Jetzt heißt es schnell handeln, denn die Brücke die als letztes Hindernis vor ihnen liegt wird just in diesem Moment mitten in der Nacht aus völlig unerfindlichen Gründen geöffnet. Natürlich folgt nun erst einmal der obligatorische Dialog zwischen zwei ehrenhaften Männern: "Wir schaffen es nicht gemeinsam. Nimm Du das Motorrad." - "Nein, nimm DU das Motorrad!" - "Nein, Du hast Frau und Kinder, Du MUßT das Motorrad nehmen." - "Das kann ich nicht zulassen, DU mußt die Chance nutzen." Irgendwann begreifen die zwei dann, daß sie das Spiel nicht ewig so weiter treiben können, da es sonst keiner von ihnen schaffen wird und so schwingt sich LL Cool J auf den heißen Ofen und heizt in einem waghalsigen Stunt über die geöffnete Brücke, natürlich immer im Visier der Verfolger, die nur deshalb noch nicht abgedrückt haben weil Obermacker Petrovich (ja, der ist ebenfalls vor Ort) noch sehen möchte, ob sein Spieler dieses Manöver hinbekommt. Als Ridley schließlich sicher auf der anderen Seite landet wird er endlich abgeknallt, was bei seinem besten Freund Jon-a-Ton selbstverständlich zu einem kleinen, fassungslosen Schreikrampf führt. Witzigerweise konnte der Klein(e) das gar nicht sehen, versperrt ihm doch eine meterdicke Betonbrücke die Sicht auf das dramatische Geschehen.
Rollerball ist eigentlich nichts weiter als eine plumpe, unkoordinierte und mit lauter Musik unterlegte Aneinanderreihung von Rollerskates, Brüsten, Helmen, Autos, Knieschonern, Motorrädern, kreischenden Fans, Fernsehbildschirmen, Brüsten, dummen Gesichtern, Plastikscheiben, fliegenden Körpern, Rollerskates und (nicht zu vergessen) Brüsten, eine völlig unübersichtliche Montage die scheinbar als Endlosschleife konzipiert knapp zwei Stunden lang durchläuft und nur ab und an von ein paar stumpfsinnigen Dialogen unterbrochen wird. Der Film hat keinerlei Inhalt, keinen Rhythmus und entbehrt jeglicher Logik. Jeder Filmstudent im ersten Semester wäre nach Abgabe eines solchen Werkes wahrscheinlich von Dozenten und Komilitonen in einer gemeinsamen Nacht-und-Nebel-Aktion im Wald ausgesetzt und dem Hungertod überlassen worden. Das so eine stümperhafte Arbeit von einem Veteranen des Actionkinos stammt und auch noch satte $80 Millionen verschlungen hat ist eine absolute Frechheit. Eine totale Bankrotterklärung aller Beteiligten. John McTiernan sollte dazu verdammt werden, in den nächsten 20 Jahren nur noch Dogma Filme mit Insassen einer Nervenheilanstalt drehen zu dürfen.