Bildpoesie und visuelle Magie sind das Kennzeichen von Honig, einer Geschichte die in den abgelegenen Bergregionen der Türkei angesiedelt ist und vom Schicksal des kleinen Yusuf und dessen Vater, des Imkers Yakup, erzählt. Typischer Arthousefilm, der ohne konkrete Handlung auskommt und der sich zudem in Punkto Dialoge und Geschehen durch übergroßen Purismus auszeichnet. Insgesamt zwar wunderschön anzusehen, aber irgendwie nicht erschöpfend.
Arthousefilme aus Anatolien sind hierzulande in aller Regel bestenfalls in Insiderkreisen bekannt und damit im besten Sinne typisches Festivalkino. Genau in diese Kategorie reiht sich Semih Kaplanoglus Honig ein. Erwartungsgemäß ist es vermutlich auch nur wenigen bekannt, dass der Film den Abschluss seiner Yusuf-Trilogie bildet, die vom Aufwachsen und Leben eines Dichters in den ländlichen Regionen der Türkei handelt. Jetzt, im dritten Teil, kehrt Kaplanoglu zu den Anfängen der Kindheit des Dichters zurück und stellt dessen Verhältnis zum Vater in den Mittelpunkt seines visuell starken, regelrecht bildpoetischen Werks.
Der Film glänzt durchgehend mit außergewöhnlichen Perspektiven und wundervollen Landschaftspanoramen aus abgelegenen Regionen der Türkei, die ganz anders sind, als das eher karge und trockene Bild, das man sonst von diesem Land hat. Die Aufnahmen in den Bergwäldern entfalten zudem regelrecht eine magische Anziehungskraft. Und Kaplanoglu gelingt es beinahe, diese Eindrücke multisensorisch festzuhalten: Landschaft, Töne, Farben, Licht und Schatten verschmelzen zu einer einzigartigen cineastischen Symphonie - fast glaubt man, es wäre gar möglich die Waldluft zu riechen und zu schmecken.
So berauschend diese Seite des Films aber auch sein mag: viel zu erzählen hat Honig nicht. Im Mittelpunkt steht der kleine Yusuf, der mit seinen Eltern in den waldreichen Bergen der Schwarzmeerregion im Nordosten der Türkei lebt. Am liebsten begleitet er seinen Vater, zu dem er ein besonders inniges Verhältnis hat, beim Aufstellen der Bienenkörbe tief im Wald. Yusuf's Vater verdient den Lebensunterhalt der Familie als Imker und gewinnt den berühmten schwarzen Honig der Rize-Region. Als eine heimtückische Seuche die Bienen heimsucht, ist Yakup gezwungen, in weit abgelegene Gegenden auszuweichen, um neue Bienenstöcke aufzustellen. Dorthin kann ihn Yusuf nicht begleiten.
Das einzige, neben der Optik, wirklich auffallende ist die Langsamkeit, mit der sich die karge Handlung entfaltet. Minutenlange Einstellungen, in denen es kaum Bewegung gibt, folgen aufeinander. Der lebendigste Part dabei sicherlich noch der Beginn, der (typisch türkisches Kino) das Ende bereits halb vorweg nimmt und den Zuschauer mit einer 50:50-Spannung zurücklässt. Einige Abwechslung in diese Stillleben-Malerei mit der Kameralinse bringen ansonsten vielleicht noch Yusufs Bemühungen, korrekt Lesen zu lernen. Anfangs deutet aber wenig darauf hin, dass dieser kleine Junge später einmal ein wortgewandter Dichter werden soll: Er spricht ausschließlich mit seinem Vater, bei seiner Mutter schweigt er stets und in der Schule gelingt es ihm nicht einmal, ordentlich aus einem Lesebuch vorzutragen. Diese Defizite bei seiner sprachlichen Entwicklung lassen sich aber nur dann in den richtigen Kontext rücken, wenn man die Vorgängerfilme, die chronologisch eigentlich Nachfolger sind, kennt. Mit diesem Problem wird man prinzipiell durchgehend konfrontiert werden.
Eines ist bei Honig aber mal sicher: Der Film stellt visuell eindeutig hohe Filmkunst dar. Eine Menge Filmemacher könnten sich, was szenische Gestaltung angeht, hier mehr als eine Scheibe abschneiden. Und obwohl im wahrsten Sinne des Wortes nicht wirklich viel los ist, gelingt es dem Film trotzdem, nicht langatmig zu wirken. Das alles muss man dem Film eindeutig zugute halten; dennoch wird der Streifen - trotz wunderschöner Bilder - kaum in der Lage sein, einen nachhaltigen Reiz auszuüben. Die Wirkung dieses berauschenden Bilderbogens ist trotz allem zu flüchtig. Mag sogar sein, dass der einzige Lerneffekt der sein könnte, dass die Türkei nicht nur aus trockenen Landstrichen, Hotels, Clubanlagen und Strand besteht.