Erneut eine tragisch-komische Geschichte um einen skurrilen Antihelden, der seinen neurologischen Tics völlig ausgeliefert ist. Der Film erinnert an einige große Vorlagen oder auch an den, vor nicht allzu langer Zeit gelaufenen, Adam. Diesmal sind gleich drei Sonderlinge zu bestaunen, die sich auf eine kuriose Reise begeben. Ein wenig Dramödie, etwas Road- und auch klein wenig Buddy-Movie, thematisiert Vincent will meer eine wenig bekannte Krankheit, wirkt aber etwas steuerlos wie inhaltsflach und vermag deshalb nicht nachhaltig Akzente zu setzen.
Manch ein Schandmaul behauptet, in Hollywood müsste man nur einen Homosexuellen oder eine Figur mit einer seltenen Störung oder Anomalie, wie in Rain Man, Forrest Gump oder Nell, mimen und schon erntet man Lorbeeren, bis hin zum Oscar. Ob die deutschen Filmemacher so etwas im Sinn hatten, als sie Vincent will meer aus der Taufe hoben, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Auf jeden Fall aber ist ihnen positiv anzurechnen, dass sie sich eines seltenen Syndroms angenommen haben, das den Betroffenen das Leben zur Qual werden lässt.
Die Beerdigung von Vincents Mutter gerät zur Freakshow. Wenn Vincent (Florian David Fitz) extrem unter Anspannung steht, macht sich sein Tourette-Syndrom besonders bemerkbar. Es ist wie ein unkontrollierbarer Niesanfall im Gehirn. Die Neuronen feuern wild im Sprach- und Bewegungszentrum, tanzen regelrecht Polka zwischen den Synapsen, nötigen ihn zu absonderlichen Zuckungen und zu verbalen Schimpfkanonaden: Ficken, Fotze, Arschloch. Es schießt stakkatoartig aus seinem Mund und er kann nichts dagegen tun. Die versammelte Kirchengemeinde ist entrüstet und sein Vater, der Frau und Sohn schon vor Jahren verließ, schämt sich zutiefst für seinen abnormen Filius. Am schlimmsten ist es aber für Vincent. Er muss mit dieser Veranlagung leben.
Kaum ist die Ex-Frau unter der Erde, beschließt Vincents Vater (Heino Ferch), das Haus zu verkaufen, in dem Vincent und seine Mutter lebten und seinen Sohn in eine Klinik einzuweisen, die auf psychische und neurologische Störungen spezialisiert ist. Leiterin dieser Klinik ist Dr. Rose (Katharina Müller-Elmau), die Vincent Mut macht: Sie kann ihn zwar nicht vom Tourette-Syndrom befreien, aber vielleicht ihm beibringen, die Ticks und Verbalitäten zu lenken, welche aus ihm herausströmen. Und ihm damit letzen Endes auch dazu verhelfen, etwas Kontrolle über sich und sein Leben zurück zu gewinnen.
In dieser Therapieanstalt ebenfalls zu Gast ist Vincents zukünftiger Zimmergenosse Alexander (Johannes Allmayer); ein unter diversen Zwangsstörungen leidender Neurotiker - darunter ein ausgesprochener Pedanterietick. Charakterlich gehört er irgendwo zwischen Monk aus der gleichnamigen TV-Serie und Jack Nickolson aus Besser Geht's Nicht einsortiert. Und Marie (Karoline Herfurth), eine an Magersucht leidende junge Frau, die Dr. Rose besonders am Herzen liegt, befindet sich - gegen ihren Willen - auch in der Klinik. Sie und Vincent freunden sich rasch an. Beide wären lieber woanders; Vincent würde gerne ans Meer nach Italien und Marie befindet sich schon lange auf einer persönlichen Reise, deren Ziel bereits feststeht. Gemeinsam stibitzen sie Dr. Roses Wagen, müssen aber auch Alexander gegen seinen Willen mitnehmen, da er sie sonst auffliegen lassen würde. Ein skurriler Roadtrip nimmt seinen Anfang, mit drei mackenbehafteten Antihelden. Ob sie aber auch ihr Ziel erreichen werden, ist höchst ungewiss.
Überzeichnung gehört im Film zu einem probaten Stilmittel, um überdeutlich Besonderheiten hervorzuheben. Dustin Hoffmann war in Rain Man kein durchschnittlicher Autist, er war ein sogenannter Supersavant. Und Jack Nickolson in Besser Geht's Nicht litt unter so vielen Zwangsstörungen und Tics, dass man damit eine ganze Psychiatrie hätte bevölkern können. Die Ausprägung des Tourette-Syndroms ist aber bei allen Menschen nicht gleich heftig. In der Regel treten die Symptome dieser neuro-psychiatrischen Erkrankung um das siebte Lebensjahr auf und maximieren sich zwischen dem 16.-26. Lebensjahr. Bei manchen Personen verschwinden diese später sogar vollständig, so dass ihnen dann wieder ein völlig normales Leben möglich ist. Die Tics, welche mit der Erkrankung einhergehen, manifestieren sich zudem von Person zu Person unterschiedlich, sowohl in der Motorik, als auch in den unkontrollierten Lauten und Flüchen.
Florian David Fitz gibt natürlich mächtig Gas als unter Tourette Leidender, um dem Krankheitsbild ein Gesicht zu verleihen. Das gelingt sichtlich gut, wenn auch mitunter der Eindruck entsteht, dass die Darstellung etwas statisch wirkt. Ob das an der Limitierung der schauspielerischen Mittel oder an den engen Grenzen der gewünschten Interpretation der Krankheit selbst lag, bleibt aber offen. Viel merkwürdiger als das ist der Umstand, dass obwohl Vincents Figur den erzählerischen Mittelpunkt des Films abgeben sollte, der Zwangsneurotiker Alexander zum heimlichen Star des Streifens avanciert. Ohne ihn wäre diese Show nur halb so lustig. Und ohne diesen mitunter sehr makaberen Zug lassen sich solche Geschichten auch generell nicht gut inszenieren, da sie sonst an zuviel Pathos und Endtragik kranken.
Es darf aber nicht aus dem Ruder laufen. Genau hier lässt sich aber problemlos einhaken. In Vincent will meer gerät phasenweise alles zur Karikatur: Nebst den Protagonisten, scheint nahezu jeder der Nebencharaktere auf die eine oder andere Weise ebenfalls absonderlich und schräg. Vincents Vater ist ein grotesker Politikerheini, der seinen peinlichen Sohn am liebsten leugnet. Die Therapeutin Dr. Rose schleppt einen Haufen an Schuldkomplexen mit sich herum und wird von Versagensängsten geplagt; sogar Zufallsbegegnungen auf dem Weg des flüchtigen Trios wirken mitunter reichlich surreal. Hier wird es, um des Effektes willen, mit der Überzeichnung zu weit getrieben. Vor allem deshalb, da es teilweise überhaupt keinen Beitrag mehr zur Story leistet.
Durchaus störend bemerkbar macht sich darüber hinaus auch, dass in dem Trio außer Vincent überhaupt keiner einen Unterbau aufweisen hat. Aus dem Leben und der Vergangenheit von Vincents Begleitern erfährt man rein gar nichts. Zwar steht er im Mittelpunkt der Handlung, aber etwas mehr Charaktergerüst hätten die beiden schon verdient. Insbesondere die Filmfigur Maries, damit Karoline Herfurth auch mal Gelegenheit gehabt hätte, zu zeigen, was für eine talentierte Schauspielerin sie ist. Schließlich ist Marie auch der tragischste aller Charaktere. So bleibt letzen Endes der Film ein Sammelsurium aus dem Kuriositätenkabinett, gewürzt mit einigen romantisch-poetischen Momenten und versehen mit ein paar Buddy-Movie-Motiven sowie mit reichlich makaberer Komik ausgestattet. Ernstlich unter die Haut vermag er aber nicht zu gehen.