Das Heilsmonopol haben nicht allein die Staatskirchen inne. Eine ganze Reihe von Organisationen versprechen dies. Manche tarnen sich als menschfreundliche Philosophien, andere als Geistestechniken, mithilfe derer man ungeahnte geistige Potenziale aktiviert. In den 1960ern gelangte die Lehre der Transzendentalen Meditation in die westliche Welt und fiel auf fruchtbaren Boden. Die aufkommende Hippiebewegung hungerte nach einer neuen Form von Spiritualität. Heute zählt dieses System Millionen von Anhänger. Aber verbirgt sich dahinter vielleicht etwas ganz anderes? Ein junger Filmemacher aus Berlin versucht dieser Frage mit einer unterhaltsamen Dokumentation auf den Grund zu gehen.
Mit richtig Fliegen hat das hier leidlich wenig zu tun. Es ist mehr eine skurrile Meditations-Hüftgymnastik, die in der Praxis gar nicht mal allzu gesund aussieht. Das Yogische Fliegen ist gemeint. Die Transzendentalen Meditation (TM), die Guru Maharishi Mahesh aus den indischen Himalajaregionen nach Amerika und Europa brachte. Über sechs Millionen Anhänger zählt diese religionsähnliche Lehre, die sich auch einiger sehr prominenter Befürworter erfreut: Die Beatles entdeckten diese Technik schon Ende der 1960er für sich. Clint Eastwood soll ebenfalls mit dieser Form der Meditation sympathisieren und seit zehn Jahren bekennt sich auch Kultregisseur David Lynch zu Maharishi Mahesh und seiner (Heils)Lehre.
Bei den Beatles hieß es, wäre es die Sinnsuche und die Drogen-Experimentierlust junger vom weltweiten Erfolg bereits gelangweilter Männer gewesen, die sie zu Anhängern machte. Es wundert auch nicht, wenn solche Lehren im für seine Dekadenz verschrienen Hollywood schnell Fuß fassen. Aber Clint Eastwood und einen David Lynch würde man nicht zu den oberflächlichen Glitzer-Flitter-Promis zählen wollen. Für David, einen jungen deutschen Filmemacher aus Berlin, ist David Lynch ein großes Vorbild. Seine Freundin, die als Journalistin tätig ist, hat den Auftrag, Lynch im Rahmen eines Workshops über die Quellen der Kreativität in den USA zu interviewen. Kurzerhand begleitet der Berliner David sie und spricht auch selber mit dem Meister.
Im Gespräch fallen einige Allgemein-Statements über die Transzendentale Meditation, die David Lynch im Privaten sogar seit 30 Jahren praktizieren soll, aber erst seit wenigen Jahren überhaupt darüber in der Öffentlichkeit spricht. David ist fasziniert. Viel weiß er allerdings nicht über den geheimnisvollen Maharishi. Den legendären Guru der 1960er Jahre und Lichtgestalt der Hippies, der sich dem Weltfrieden verschrieb. David möchte mehr wissen - seine eigenen Potenziale ergründen und seiner Kreativität Flügel verleihen. Dank TM scheint alles möglich: Gesundheit, beruflicher Erfolg - ja, selbst Fliegen. Nach einem Besuch der sogenannten Maharishi University of Enlightenment in Iowa schreibt sich David für einen Einführungskurs in der TM-Deutschlandzentrale ein, der alles andere als kostengünstig ist, aber Ungemeines verspricht. Eine mehr als bizarre Reise beginnt, an deren Ende zumindest einige neue Erkenntnisse stehen werden; darunter, dass der Gravitation nicht so leicht ein Schnippchen geschlagen werden kann, wie manch einer verspricht.
Vielleicht nimmt man zuviel vorweg, aber der junge Filmemacher aus Berlin, der mit Vornamen genauso heißt wie der große Regisseur, der Filme wie Dune oder Mulholland Drive - Straße der Finsternis in Szene setzte, nimmt den Zuschauer bei der Hand und macht sich an seiner Stelle selbst zum Experiment. Einerseits ein wenig auch von Michael-Mooresken-Werken inspiriert, andererseits ein klein wenig den Charme der Sendung mit der Maus versprühend; also mit einer liebenswerten Naivität ausgestattet, gelingt es David Wants to Fly mit penetrant kindlicher Herangehensweise und zuweilen detektivischer Methodik, ein System zu entlarven, das sich selbst damit bewirbt, dass es nach dem Weltfrieden strebt.
In Wahrheit konsolidiert sich im Verlauf der Doku der Eindruck, dass Maharishis Versprechen lediglich ein weltweites bizarres Imperium unter einer Zuckerguss-Camouflage verbergen. Einmal die süße aber bröslige Oberfläche durchbrochen, offenbart sich aber, was bei all diesen heilsversprechenden Organisationen im Vordergrund steht: Geld verdienen und es immer weiter mehren. Und prominente Aushängeschilder sind dabei mehr als hilfreich: Mögen es John Travolta und Tom Cruise bei Scientology sein oder ein David Lynch bei der TM. Nicht immer bekommen solche Galionsfiguren zwangsläufig auch den tatsächlichen Umfang der Aktivitäten der Organisationen mit, für die sie einstehen. Sie werden in Privilegierten-Centern betüttelt und umsorgt, während andere mit rigoroser Härte in Bootcamps auf Kurs gebracht werden. Zumindest trifft das auf Scientology zu. All diesen Organisationen ist aber eine Sache gemein, dass sie pyramidal strukturiert sind und der Weg nach oben im Schneeballprinzip funktioniert: Seminar folgt auf Seminar, und von Mal zu Mal werden diese teurer.
Wenn die Promis, die Promotion für die Organisationen machen, darauf angesprochen werden, blicken sie nur staunend aus der Wäsche und wollen von all dem nichts wissen. Oder sie verstummen schnell ganz und geben fortan keine Interviews mehr. Diese Erfahrung macht auch David, als sich seine anfängliche Begeisterung bald in Skepsis wandelt und als er immer tiefer gräbt, Skandalöses zutage fördert. Als er sein Idol Lynch damit konfrontieren will, gibt es ganz schnell keine Statements mehr. Kritiker des Systems sind nicht gerne gesehen. Am Ende der Reise wird David schlauer sein und der Zuschauer mit ihm einige neue Einblicke in die Funktionsweise sektenähnlicher Organisationen bekommen haben. Manch einem wird auch David Lynch danach womöglich in einem anderen Bild erscheinen.
David Wants to Fly liefert zwar keine ausgesprochen spektakulären Einsichten, aber der Film entlarvt aufs Neue, was sich hinter einer scheinbar positiven Lehre und Heilsversprechungen verbirgt. Die locker flockige Inszenierung, die durch ihre Leichtigkeit sehr eingängig ist, mindert keinesfalls das Fazit. Allerdings sind die knapp 100 Minuten nicht immer zwingend genug gefüllt. Die Zeit, in der David seine Erfahrung mit TM macht, wird auch durch Aspekte seines Privatlebens angefüllt. Das verleiht dem Protagonisten zwar viel Tiefe, allerdings handelt es sich nicht um einen Spielfilm, in dem Kunstfiguren im Vordergrund stehen. Bei einer Doku ist das Thema der Star. Und hierauf hätte man sich auch noch mehr konzentrieren müssen.