Einen poetischen Trip in die eigene Vergangenheit beschert Vertraute Fremde. Allerdings nicht in metaphorischer Hinsicht oder als imaginäre Reise: Der Protagonist erwacht tatsächlich im Körper seines viel jüngeren Ich's und setzt alles daran, seine Zukunft zu ändern, die ihm als Heranwachsendem viel Leid bescherte. Keine neue Idee, aber eine, die ordentlich inszeniert, eigentlich nie ihren Reiz verliert. Hier allerdings umgesetzt, als wäre den Machern kaum etwas Originelles eingefallen.
Eine Frage gibt es, die sich jeder im Leben mindestens einmal stellt: Was würde ich anders machen, was ändern, wenn ich mit dem Wissen von heute noch einmal einige Jahre oder gar Jahrzehnte zurück könnte? Die Frage ist natürlich hypothetisch; niemand kann durch die Zeit zurück reisen. Es existiert auch keine Zeitmaschine, die uns einfach zu einem bestimmten Punkt in der Vergangenheit transportieren könnte, damit wir vermeintliche Fehlentscheidungen ausbügeln können. Außerdem, was für eine Zukunft würde unser (hypothetisches) Handeln produzieren? Könnten wir anschließend überhaupt noch in diese veränderte Zukunft zurück oder hätten wir bloß eine alternative Zeitlinie geschaffen, die mit unserem Leben gar nichts zu tun hat?
Vertraute Fremde ist zwar auch eine Art Zeitreisegeschichte, doch wird das Thema diesmal mittels einer sehr poetischen Weise angegangen, die überhaupt nicht beabsichtigt, naturwissenschaftliche Theoreme oder Paradoxa in die Betrachtung der Geschichte mit einzubeziehen. Basierend auf Jiro Taniguchis literarischem Manga-Comic aus dem Jahre 1997, erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der plötzlich wieder in der eigenen Kindheit erwacht. Er steckt im Körper seines 14-jährigen Ich's, hat aber immer noch den Verstand, das Wissen und die Erfahrungen seines erwachsenen Egos.
Thomas (Pascal Greggory) ist von Beruf Comiczeichner und lebt gemeinsam mit seiner Familie in Paris. An diesem Tag muss er eine Autogrammstunde auf einer Comicmesse in der Provinz geben. Den lieben langen Tag wartet er dort auf Fans seiner Comicbuch-Reihe, aber kaum jemand findet sich ein. Er hat schon lange nichts neues mehr produziert - ist aber auf der Suche nach einer neuen Geschichte. Als er sich abends auf den Heimweg begibt, steigt er irrtümlich in den falschen Zug. Er landet in einem kleinen Nest in den Bergen - dem Ort seiner Kindheit. Der erste Zug in Richtung Paris fährt erst in Stunden; also begibt er sich auf einen kleinen Rundgang durch den Ort, den er seit Jahrzehnten nicht mehr besucht hat. Sein Weg führt ihn schlussendlich zum Friedhof und zum Grab seiner Mutter. Dort holen ihn Erinnerungen ein: Er stürzt und findet sich, gleich einem surrealem Traum, plötzlich in der eigenen Vergangenheit wieder.
Als Teenager (Léo Legrand) muss er sich erstmal in seinem längst vergangenen Leben wieder zurechtfinden. Nach einigen Schwierigkeiten gelingt das auch ganz gut, wenn auch seine Eltern (Jonathan Zaccai und Alexandra Maria Lara) Veränderungen an ihm wahrnehmen, die sie aber darauf zurückführen, dass ihr Sohn allmählich erwachsen wird. Ohne genau zu wissen, ob und wann dieser seltsame Trip enden wird, nutzt Thomas diese unverhoffte zweite Jugend: Er macht mit seinem damaligen besten Freund einen drauf, kostet den Sommer am See aus und schafft es sogar, dass sich die Schulschönheit Sylvie (Laura Martin) für ihn erwärmt; etwas, was ihm in seinem "ersten Leben" als Teenager niemals gelungen war. Eines Tages erkennt Thomas aber den wahren Grund seiner Reise: In wenigen Tagen ist der Geburtstag seines Vaters, der Tag, an dem er plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung die Familie verließ. Mehr als alles andere prägte dieses Ereignis Thomas' künftiges Leben. Und er hat jetzt die Chance, in die Vergangenheit einzugreifen und seine Zukunft zu ändern.
Vom ursprünglichen Charakter der Vorlage blieb in der Realadaption nichts übrig, außer der grundlegenden Idee einer Reise in die eigene Vergangenheit. Und selbst die arbeitet im Prinzip lediglich mit zwei Fragestellungen. Auf einer eher abstrakten Ebene: Kann man die eigene Vergangenheit überhaupt verändern? Und konkreter, auf der "Dramaebene" des Films: Warum verließ der Vater scheinbar grundlos die Familie? Um jede dieser Fragestellungen sind schon reihenweise fabelhafte Filme entstanden. Vertraute Fremde gelingt es aber, das alles derart kaugummiartig und langweilig zu gestalten, dass der Film insgesamt kaum mehr als 30 Minuten Erinnerungsgehalt für sich verbucht.
Trotz einer sehr poetischen Bildsprache und auffallend ästhetischer visueller Komposition bleibt der Streifen besonders auf der Erzählebene schwach. Nötig wäre das zweifellos nicht gewesen: Gerade der Umstand, dass ein erwachsener wie erfahrener Mann nun im Körper eines Pubertierenden steckt, ließe mehr als genug Raum für ein paar Pointen im Stile cool-wie-nie-zuvor zu. Das muss nicht gleich in überdrehtem amerikanischen Teenagerklamauk ausarten, aber etwas Pfiff hätte der ruhigen, fast nüchternen Erzähldynamik nicht geschadet. Doch wenn man schon partout darauf Wert legt, das genauso durchzuhalten, müssen es zumindest die Schauspieler rausreißen. Aber auch hier gibt sich Vertraute Fremde offensichtliche Blößen: Die Profile der Filmcharaktere bleiben unscharf, die Innenleben bestehen aus flüchtig eingefangenen Eindrücken und vor allem das junge Ich des Protagonisten spielt Erwachsener im Teenagerkörper, ist es aber nicht.
Angesiedelt zwischen Drama, Second-Chance-Coming-of-Age-Story, magischem Realismus und Mysterygeschichte vermag Vertraute Fremde in der Schlussbetrachtung zwar eine interessante Idee für sich zu verbuchen, die er aber woanders entlehnt hat, und mit seiner optischen Gestaltung zu punkten. Darüber hinaus zaubert die Zeit der Endsechziger-Jahre etwas Charme auf die Kinoleinwand, aber so was wie echtes Swinging Sixties-Flair kommt nicht auf. Über Gebühr gedehnt, aber mit zu wenig Inhalt gefüllt, wird dann auch aus einer guten Idee eine monotone Leier.