Tag für Tag dechiffrieren gigantische Supercomputer mehr und mehr vom Erbgut-Pool der irdischen Lebewelt. Eines Tages werden die Wissenschaftler alles wissen, was sie dazu benötigen, um maßgeschneiderte Lebewesen erzeugen zu können. Genau hier setzt Splice an und beschert einen spannenden wie recht originellen Wissenschaftshorror-Streifen, der über weite Strecken durch seine intelligente Inszenierung zu überzeugen weiß. Leider gelingt es aber nicht, dieses Niveau durchgehend zu halten und besonders zum Ende hin gestaltet sich alles allzu sehr nach den üblichen Schemata des Genres.
Der blinde Wissenschaftsgehorsam und der Glaube an die Allmacht der Forschung standen bereits einige Male am Pranger und wurden bereits von vielen Filmen entsprechend kritisiert. Zu den großen Klassiker gehören dabei jene, die auf literarischen Vorlagen basieren und zumindest in Motiven immer wieder neu aufgelegt werden, wie Frankenstein oder Die Insel des Dr. Moreau. Solche Anleihen treten auch bei Splice ganz offen zutage, allerdings bemüht sich der Fantasy-Filmfestteilnehmer von 2010 um zugleich schöpferische, wie auch Verführungs- und Sündenfall-Aspekte, die mehr mit einer Adam-und-Eva-Story gemein haben.
Schon die Grundkonstellation spricht dafür: Das junge Ehepaar Elsa und Clive (Sarah Polley und Adrian Brody) genießen bereits einen internationalen Ruf als Biogenetiker. Im Auftrag eines großen Konzerns, dessen namensgebenden Initialen aneinandergereiht N.E.R.D. lauten, züchten sie transgene Tierhybriden. Diese besitzen Erbmaterial von einer ganzen Reihe von Tieren und sollen in Zukunft Substanzen produzieren helfen, welche die Menschheit vor allerlei Gebrechen befreien soll.
Im Augenblick gleicht das Vorzeigepärchen an Hybriden aber ein paar amorphen Würsten oder erinnert an gigantische Nacktschnecken. Bei einer Präsentation vor Investoren laufen diese Würste plötzlich Amok und zerfleischen sich gegenseitig. Nach dem Desaster droht die Schließung des Labors und das würde auch das Ende der Forschung bedeuten. Besonders Elsa kommt das alles andere als gelegen; wollte sie doch die gemeinsame Forschung auf die nächste Stufe befördern. Im Klartext: den multigenen Tier-DNA-Cocktail mit menschlichem Erbgut kombinieren.
Es mag polemisch klingen, aber alles was wissenschaftlich auch nur im Kühnsten vorstellbar ist, wird auch irgendwie, von irgendwem, irgendwo ausprobiert werden - so auch in Splice; dort kann Elsa der Versuchung einfach nicht widerstehen. Die Kreatur, die aus diesem sowohl rechtlich illegalen, als auch von der Konzernspitze nicht genehmigten Experiment hervorgeht, ist ein bizarres Wesen, das in seiner ersten Lebensphase von seiner Physiognomie flüchtig an Golum aus Der Herr der Ringe erinnert. In Wahrheit ist es aber eine alptraumhafte Mischung aus fischigen, amphibienartigen und vogel- wie säugetierhaften Anteilen. Und die Kreatur sehnt sich zudem nach Liebe, wie jedes Menschenkind auch. In Elsa und Clive hat Dren, wie das Geschöpf bald getauft wird, aber keine ideale Elternkombination gefunden: Während Elsa beginnt, tatsächlich so etwas wie mütterliche Gefühle zu entwickeln, würde Clive die missratene Schöpfung am liebsten gleich wieder vernichten.
Der Spezialist für originelle phantastische Geschichten (Cube, Cypher) Vincenzo Natali ist wieder zurück und präsentiert diesmal eine gleichsam bizarre wie surreale Mischung aus Fantasy und Wissenschaftshorror mit einer phantasmagorischen Kreatur zum Star. Prominent besetzt ist der an bestes Independent-Kino erinnernde Steifen mit Adrien Brody (The Brothers Bloom, Cadillac Records), der demnächst auch im Reboot der Predator-Reihe zu sehen sein wird, und Sarah Polley (Dawn of the Dead) auf jeden Fall. Und mit David Hewlett ist auch ein alter Bekannter mit an Bord: Der Star aus der Scifi-TV-Serie Stargate Atlantis gehört gewissermaßen zum Standartcast der zweiten Reihe in den Filmen von Natali.
Splice entpuppt sich als dunkle Vision abscheulicher Wissenschaftssünden, ist aber auch voll von schrägem und makaberem Witz. Mit einem männlichen Protagonisten, der sich von seinem weiblichen Gegenpart zum nächsten und übernächsten Schritt in dem Prozess der künstlichen Genesis verleiten lässt, wird das implizite Adam-und-Eva-Motiv mehr als deutlich. Allerdings wird es nicht konsequent durchgehalten, da sich im Verlauf der Handlung die Dynamik der Protagonisten umzukehren beginnt. Trotzdem bleibt die Geschichte in sich recht überzeugend; wurde doch darauf geachtet, halbwegs schlüssige Erklärungen für die Wendungen zu liefern. Auch das Design kann durchaus überzeugen, und wem die Kreatur einige Deja-Vus beschert, dem kann versichert sein, dass dies nicht von ungefähr kommt: einer der ausführenden Produzenten ist schließlich Guillermo del Torro, der Macher von Pans Labyrinth und Hellboy; seine Handschrift ist einfach unverwechselbar.
Es ist mal wieder erfreulich festzustellen, dass gelegentlich ernst gemeinte Horrorfilme inszeniert werden, die tatsächlich noch mit einem ordentlichen Maß an Originalität aufwarten. Zwar gab es die grundlegenden Motive teilweise schon in Filmen aus den 1930ern zu sehen, dennoch gelingt es Splice über weite Strecken etwas Eigenständiges daraus zu kreieren. Die eigentliche Schwäche des Films offenbart sich aber umso deutlicher, desto weiter man zum Finale fortschreitet: Zu wenig wurde sich über ein kreatives Finish Gedanken gemacht, so dass man sich zum Ende hin sehr altbewährter aber leidlich uninspirierter Auflösungskonzepte bedienen muss. Das sorgt leider dafür, dass der Steifen zwar mit einem atemlosen aber auch recht absehbarem Show-Down aufwartet, den der Film eigentlich gar nicht verdient hätte.