Ein Therapeut sollte mit gutem Beispiel vorangehen und nichts von anderen verlangen, das er nicht selber auch tun würde. Selbst wenn es darum geht, sich splitterfasernackt auszuziehen. Gordos - Die Gewichtigen konfrontiert vordergründig mit den sehr bizarren Methoden, wie sie von einem Therapeuten in einer Übergewichtigengruppe angewendet werden. Im Verlauf gibt es aber viele interessante Innenansichten zu entdecken, die weit über das rein körperliche hinausgehen. Bizarre Inszenierung mit grotesker Komik, die in ihrem Kern sehr klassische Themen behandelt. Unbedingt sehenswert, aber man sollte es schräg mögen.
Unmissverständlich macht Gordos - Die Gewichtigen in seiner überdeutlichen Bildsprache klar, dass hier Entblößung das Thema ist. Doch wenn auch gleich zu Beginn die Hosen runtergelassen werden, dreht sich eigentlich in diesem Film alles um unvermeidliche Offenbarungen, welche die Protagonisten auf ihrem Weg zur Selbsterkenntnis leisten müssen. Regisseur Daniel Sánchez Arévalo wendet sich in Gordos (wörtlich, die Fetten) vordergründig den Übergewichtigen zu und denen, die sich dafür halten.
Regelmäßig findet sich eine Übergewichtigengruppe bei einem Therapeuten ein, um über die Ursachen zu reden, die bei jedem einzelnen zur Fettleibigkeit führten und um Ansätze zu erarbeiten, wie sich der Zustand vielleicht umkehren ließe. Doch gleich bei der ersten Sitzung fordert der Therapeut die Gruppe auf, sich auszuziehen. Jeder soll sich entkleiden, bis er oder sie nur noch im Adams- oder Evakostüm dasteht. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und lässt ungeniert die Hüllen fallen, bis er vor der Gruppe steht, wie er einstmals zur Welt kam. Nach dieser Aktion schrumpft die Größe der Gruppe gleich mal auf die Hälfte. Nicht alle wollen solch ein unziemliches Spiel mitmachen. Für jene, die bleiben und es ihrem Therapeuten gleichtun, kann vielleicht die Heilung einsetzen.
Einen Film wie Gordos - Die Gewichtigen schaut man sich am besten in einer Überraschungspremiere, einer Sneak oder ähnlichem an. Am besten so wenig wie möglich darüber wissen oder gelesen haben; es ist auch nahezu unmöglich von etwas wie einer Story im klassischen Sinn zu sprechen. Episodenhaft skizziert sich zwar eine bizarre Handlung, die mit der grotesken Nackedei-Szene zu Beginn ihren Anfang nimmt, aber von mehr als einem lockeren Plotrahmen zu sprechen, erscheint vermessen. Selbst im klar formulierten Thema des Fettseins liegt nicht der Pudels Kern: In Wirklichkeit stehen die Evergreens wie Beziehungsverhalten, Treue, Ehrlichkeit und die Frage, was man am Partner wirklich liebt, im Mittelpunkt.
Erst wird sich äußerlich entblößt und später dann folgt der viel bedeutsamere Seelenstrip. Dabei gibt es viel äußerliche "Hässlichkeit", aber auch innere verborgene Schönheit zu entdecken, wie auch Menschen mit offensichtlich beinahe makellosen Körpern, deren Inneres manch Niederung offenbart. Damit gerät Gordos - Die Gewichtigen auch zu einer Studie über die menschliche Natur, die schnell zur Bigotterie neigt. Einher geht ein moralischer Diskurs, der, für einen spanischen Film besonders erwähnenswert, einen seiner Höhepunkte in einem Protagonistenpaar findet, das an seiner gelebten katholischen Sexualmoral zu ersticken droht.
Das alles klingt aber viel ernster als Gordos - Die Gewichtigen prinzipiell inszeniert ist. Der Film ist in Wahrheit eine grotesk-satirische Show und ein Potpourri an surreal anmutenden Wendungen, wobei schlussendlich sogar Motive des magischen Realismus einfließen, die geschmackabhängig den Rahmen durchaus sprengen könnten. Anders betrachtet, dieser gewollt meschuggenen Vorstellung aber erst den letzten Pfiff zu geben vermögen. Trotz der Komik liegt die Stärke des Streifens aber bei den Innenansichten und den Befindlichkeiten, die beleuchtet werden und durchaus zum Nachdenken anregen können; ganz gleich, ob man nun zu den "makellosen Menschen" oder zu den weniger perfekten gehören mag.