Mit Der Andere verfilmte Regisseur Richard Eyre (Stage Beauty) eine Kurzgeschichte von Bernhard Schlink aus der Sammlung Liebesfluchten. Doch leider nimmt die betont verschachtelt daherkommende Handlung dem Drama sämtlichen Tiefgang und auch jegliche Spannung, die das Duell Liam Neeson vs. Antonio Banderas hätte hergeben können.
Bernhard Schlink begann seine Karriere als Romanautor erst recht spät. Nachdem er zuvor jahrelang als Jura-Professor lehrte, schrieb er zusammen mit Walter Popp 1987 seinen ersten Krimi. Sein Vorleser, welcher von der Bewältigung der NS-Vergangenheit, Liebe und Schuld handelt, gehört mittlerweile gar zur Pflichtlektüre im Schulunterricht und wurde mit Kate Winslet in der Hauptrolle sehr gelungen verfilmt. Man kann es also Regisseur und Co-Autor Richard Eyre (Tagebuch eines Skandals) nicht verübeln, dass auch er auf eine Vorlage von Schlink zurückgriff.
Doch besteht zwischen Stephen Daldrys Der Vorleser und Richard Eyres Der Andere ein entscheidender Unterschied, ein Klassenunterschied, um genau zu sein. Daldry adaptierte mit viel Gespür für die Darstellungsmöglichkeiten des Mediums Film einen ganzen Roman, also um die 200 Seiten, Eyre ohne narratives Gespür eine Kurzgeschichte namens Der Andere von einem Bruchteil der Länge. Dabei ist Der Andere stets um eine verschachtelte Erzählweise bemüht, die sich letztlich mit seinen bemüht cleveren Wendungen mangels Substanz als heiße Luft entpuppt. Fehlende Spannung, eine verwirrend achronologische aneinandergereihte Abfolge der Geschehnisse und mangelnde Intensität, dafür Oberflächlichkeit bei der Charakterzeichnung der Figuren sorgen dafür, dass Der Andere weder als Thriller noch als Drama zu überzeugen weiß.
Dabei fängt doch alles so gut an: Die beiden Eheleute Lisa (Laura Linney, Die Geschwister Savage) und Peter (Liam Neeson, Kampf der Titanen) sprechen nach Besuch einer Modenschau über Seitensprünge. Dann geht Lisa eines Tages und taucht nicht wieder auf. Peter forscht in den Dateien ihres Computers nach und kommt einer Affäre auf die Spur. Lisa betrog ihren Mann mit dem Spanier Ralf (Antonio Banderas, Die Legende des Zorro). Also stattet Peter ihm einen Besuch ab und will mehr über die Umstände der jahrelangen Liaison herausfinden.
Leider enttäuscht dieses lahme Drama sämtliche Erwartungen. Entgegen einiger wütender Bekundungen gibt der blasse Liam Neeson nicht wieder den brutalen 96 Hours-Racheengel, wobei solche Exzesse dem Film sicherlich gut getan und kurzweilig gestaltet hätten. Auch Antonio Banderas ist schon sichtlich in die Jahre gekommen, was die ihm einmal mehr aufgedrückte Klischee-Attitüde des umtriebigen Latin Lovers nicht glaubhafter macht. Laura Linney ist dabei einmal mehr die positive Überraschung - weil sie trotz vergleichsweise wenig Screentime auch ernsthaft schauspielern darf. Neben ein paar hübschen Aufnahmen von Mailand ist sie das einsame Highlight dieser Gurke mit fragwürdiger Intention.
Bleibt zu hoffen, dass sich Richard Eyre in der Zukunft wieder auf seine durchaus vorhandenen Fähigkeiten zurückbesinnt. Diese lose und arg verquast inszenierte Adaption einer Kurzgeschichte von Bernhard Schlink ist ein Tiefpunkt in seiner langen Karriere. Dazu passend wundert es auch kaum, dass Der Andere nun erst, knapp 2 Jahre nach seiner Fertigstellung, den Weg in Deutschlands Lichtspielhäuser findet.