Mit Cass - Legend of a Hooligan verfilmte Regiedebütant Jon S. Baird das Leben von Cass Pennant, einem bedeutenden Anführer einer Hooligan-"Firma". Leider gelingt es seinem ambitionierten Drama dabei mangels Tiefgang nicht, den ambivalenten Charakter facettenreich zu zeichnen, woran auch der Hauptdarsteller Nonso Anozie (Happy-Go-Lucky) nicht ganz unschuldig ist.
In den 50er Jahren bildete sich in England eine Szene heraus, die als die hässliche Fratze großer Sportevents immer wieder von den Medien aufgegriffen wird. Die Hooligan-Kultur hat sich seitdem immer weiter ausgebreitet und aggressive Stadionbesucher außer Rand und Band sind beinahe an der Tagesordnung, wenn die Gegner auf dem Fußballplatz beispielsweise Hansa Rostock und FC St. Pauli heißen. Ob da noch von "Fans" der Vereine gesprochen werden kann, ist fraglich, wenn die beiden verfeindeten Lager bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen.
Ein Film über Hooligans aus der Perspektive eines Hooligans hat es somit sehr schwer. Die Charaktere sollten trotz ihrer Zugehörigkeit zu diesem Milieu sympathisch sein ohne zu verklären, die Bilder sollen realistisch sein, ohne sich in endlosen Brutalitäten zu verlieren. Von daher ist es schon lobenswert, dass sich Cass - Legend of a Hooligan, die auf realen Ereignissen beruhende Verfilmung der Autobiographie des Anführers einer Hooligan-"Firma", um Tiefgang bemüht ist, sowie die Frage stellt, warum sich verfeindete Fans gegenseitig eigentlich die Köpfe einschlagen.
Leider kann jedoch darauf trotz aller Bemühungen keine befriedigende Antwort gefunden werden. Die Charakterzeichnung der letztlich geläuterten Hooliganpersönlichkeit Cass Pennant bleibt dabei reichlich oberflächlich und dringt nie in die Sphären seines tieferen Empfindens abseits des nur allzu oft herangezogenen "Frau und Familie haben mich verändert"-Klischees vor. Das Milieu, in welchem der dunkelhäutige Cass in den 60er Jahren als adoptiertes Kind jamaikanischer Eltern aufwächst, entpuppt sich dabei als eine authentisch anmutende, aber an Stereotypen nicht arme Gewaltbrutstätte der englischen Arbeiterklasse. Rassismus und Mobbing seitens der Mitschüler sind an der Tagesordnung und nur als Fan von West Ham United findet Cass unter den Gästen eines Pubs Akzeptanz wie Freunde. Das ist schön simpel und plausibel gestrickt, entbehrt aber hintergründiger und neuer Enthüllungen. Einzig wenn diese Subkultur mithilfe von Archivaufnahmen hin und wieder mit Zeitgeschichte - Margaret Thatchers Arm und Reich polarisierende Politik - verknüpft wird, erhält Cass - Legend of a Hooligan die beeindruckende Kontextualisierung auf einer gesellschaftlichen Makroebene.
Immerhin werden aber auch die dunklen Seiten der Hauptfigur nicht ausgespart, die Brutalität, mit der er mit seiner "Firma" vorgeht. Gewalt ist an der Tagesordnung und Cass holt trotz aller Bemühungen, ihr zu entkommen, seine eigene kriminelle Vergangenheit wieder ein. Leider bekommen dabei die familiären Konflikte zu viel Raum. Dies hat weniger mit der insgesamt eher mauen deutschen Synchronisation zu tun, als vielmehr mit zähen Dialogen und mittelmäßigen Darstellern. Nonso Anozie (Die letzte Legion) verkörpert seine ambivalente Hauptfigur solide, doch spätestens in den zu zahlreichen Dialogszenen kommen seine schauspielerischen und in den Kampfszenen seine körperlichen Beweglichkeits-Grenzen zum Vorschein. Jon S. Baird offenbart in seinem statisch wirkenden Langfilmdebüt auch nicht gerade ein Talent als fähiger Actionregisseur. Und so bleibt am Ende ein ganz solider, aber leider nur oberflächlich und tempoarm geratener Einblick in die Psyche einer bedeutenden Hooligan-Persönlichkeit. Gut gemeint, aber nicht wirklich überzeugend.