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Mademoiselle Chambon

(Mademoiselle Chambon, 2009)

Dt.Start: 12. August 2010 Premiere: Oktober 2009 (Frankreich)
FSK: o.A. Genre: Romanze
Länge: 100 min Land: Frankreich
Darsteller: Vincent Lindon (Jean), Sandrine Kiberlain (Veronique Chambon), Aure Atika (Anne-Marie), Jean-Marc Thibault (Vater von Jean), Arthur Le Houerou (Jeremy), Michelle Goddet (Schulleiterin), Geneviève Mnich (Mutter von Veronique)
Regie: Stephane Brize
Drehbuch: Stephane Brize, Eric Holder


Inhalt

In der französischen Provinz lebt der Maurer Jean mit seiner Frau Anne Marie und seinem Sohn Jérémy ein einfaches aber sorgloses Leben. Diese Idylle wird jedoch jäh auf die Probe gestellt, als Jean seinen Sohn eines Tages von der Schule abholt. Denn als er dort Jérémys Klassenlehrerin Véronique Chambon kennenlernt, ist er sofort fasziniert von der jungen Frau. Es entwickelt sich eine zaghafte Beziehung zwischen den beiden und Jean entdeckt Gefühle, von denen er nie zu träumen gewagt hätte.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Mademoiselle Chambon hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 88%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Carmen Porschen
Mademoiselle Chambon hat eine Wertung von 88%
Manche Geschichten sind total komplex und taugen trotzdem nichts, andere Geschichten sind sehr einfach gestrickt aber überzeugen dennoch. Zu letzterer Kategorie gehört die kleine französische Perle Mademoiselle Chambon von Stephane Brizé. Denn eigentlich geht es lediglich um einen einfachen, verheirateten Familienvater, der sich in eine andere Frau verliebt. Doch dem Regisseur lag die Geschichte offenbar sehr am Herzen und so kreierte er mit viel Liebe zum Detail einen Film, der offen, ehrlich und sehr leise von diesem Dilemma erzählt und dabei keine Figur zum bösen Schuldigen macht. Stattdessen ist das Thema realitätsnah umgesetzt und überzeugt auch ohne viele Worte - etwas das nicht vielen Filmen gelingt.

Bild aus Mademoiselle Chambon Jean führt ein einfaches aber zufriedenes Leben. Er ist glücklich verheiratet, hat einen fleißigen Sohn und einen soliden Job, in dem er tun kann, was er mag. Doch dann tritt ganz zufällig und unverhofft Mademoiselle Chambon, die Lehrerin seines kleinen Sohnes Jérémy, in sein Leben. Denn da seine ebenfalls berufstätige Frau einen Hexenschuss erleidet, muss Jean seinen Sohn von der Schule abholen und trifft dabei auf Véronique. Eher durch viele kleine Episoden sehen sich die Beiden immer wieder. Zunächst stellt Jean seinen Maurer-Beruf der Schulklasse vor, dann tauscht er bei der Lehrerin zu Hause ein morsches Fenster aus und entdeckt dabei, dass Véronique, die ständig als Aushilfslehrerin quer durch Frankreich zieht, eine Geige besitzt. Er ist fasziniert von dieser Musik und kann sie dazu überreden für ihn zu spielen. Auf diese Weise entsteht eine ganz besondere Anziehungskraft zwischen den Beiden, die sie vor allem verwirrt. Jean fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der aufkeimenden Liebe für Véronique und seinen Verpflichtungen für Frau und Sohn. Was ist ihm letztlich wichtiger?

Stephane Brizé, der sich 2005 in seinem Spielfilm Man muss mich nicht lieben mit einer ungleichen Liebe zwischen einem älteren Gerichtsvollzieher und einer jungen Tango-Lehrerin beschäftigte, stellt auch in Mademoiselle Chambon die unvorhersehbaren Wege der Liebe in den Fokus. Dabei ließ er sich von dem gleichnamigen Roman von Eric Holder inspirieren und erzählt die Geschichte etwas anders neu. Die Handlung ist dabei simpel und nichts Neues: Ein verheirateter Mann und Vater verliebt sich in eine andere Frau und weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Doch Brizé schafft es auf seine spezielle Weise, diese Grundgeschichte sehr anrührend und dennoch realistisch zu erzählen. Es geht nicht um große Tragödien, um Gefühlsausbrüche und großartige Streitereien, sondern oft braucht die Handlung nicht einmal viele Worte, um verstanden zu werden und beim Zuschauer anzukommen. Daher fehlen auch das gewohnte Konfliktpotential und ebenso die oft auftauchenden Schubladen, in die die Beteiligten gesteckt werden, beispielsweise als böser Übeltäter oder als armes Opfer. Stattdessen werden alle beteiligten Personen recht neutral gezeigt und deutlich gemacht, wie sich die Situation für sie selbst gerade darstellt.

Das alles beginnt schon damit, dass Jean kein unglücklicher Mensch ist, der nach einem Ausbruch aus seinem Dasein sucht. Er führt ein einfaches Leben, aber fühlt sich darin durchaus wohl. Er ist dabei das Produkt seiner Erziehung und eines bestimmten Milieus. Er geht arbeiten, ernährt seine Frau und seinen Sohn und kümmert sich zudem noch um den alternden und seit dem Tod der Frau allein lebenden Vater. Natürlich hat sich eine Routine eingestellt in diesem Leben, aber er ist nicht gelangweilt oder unzufrieden damit. Demnach verbirgt sich auch hinter der Begegnung mit Mademoiselle Chambon zunächst nichts weiter, sondern die Gefühle zwischen ihr und Jean entstehen ganz von allein und ohne eine tiefe Sehnsucht danach. Der Regisseur nimmt sich durchgehend viel Zeit für jede einzelne Sequenz und legt viel Gewicht darauf, das Unsichtbare einzufangen. Dinge hinter den Worten, die in der Stille, im Zögern und in Blicken liegen. Das funktioniert im Film auch ganz hervorragend. Er wird durch diese Sparsamkeit nicht langweilig sondern vielmehr sehr tiefgründig und emotional. Außerdem zeigt sich, dass Vieles gar nicht ausgesprochen oder in extremer Art und Weise dargestellt werden muss, um Wirkung zu haben und beim Zuschauer anzukommen.

So gibt es Szenen, in denen kaum oder sogar überhaupt nicht gesprochen wird, aber dennoch - oder gerade deswegen - kann sich im Kopf des Zuschauers so viel entfalten, was im Film gar nicht hätte dargestellt werden können. Gleichzeitig sind die am Geschehen Beteiligten in ihrem Handeln durchaus nachvollziehbar. Niemand tut sich leicht mit der Situation und das zeigt auch die Schwierigkeit einer solchen Lage, in die Jeder von uns kommen kann. Was tun, wenn eine neue Liebe entsteht, obwohl es bereits einen Partner und Kinder gibt? Diese Zwickmühle wird hier sehr gefühlvoll angepackt, aber keinesfalls schnulzig, sondern sehr menschlich und realistisch. Es handelt sich bei Mademoiselle Chambon quasi um das absolute Gegenstück zu den überspitzten Hollywood-Filmen, in denen solche Themen eher fernab der Realität verarbeitet werden. Das kann zwar auch manchmal ganz lustig und unterhaltsam sein, doch bei diesem eher leisen und zurückhaltenden französischen Film erhält diese Thematik eine ganz neue Tiefe. Auch das oft gesehene Hin und Her der Person, die sich neu verliebt hat, die Mal zu der einen mal zu der anderen Liebe tendiert, wurde weitestgehend vermieden. Nur in einer Phase deutet es sich an, wird aber zum Glück doch schnell wieder fallen gelassen.

Die schauspielerische Leistung spielt dabei natürlich eine große Rolle, denn gerade bei Szenen, in denen Blicke und kleine Gesten allein so viel transportieren müssen, ist der Darsteller gefragt. Doch Vincent Lindon als Jean, Sandrine Kiberlain als Véronique und Aure Atika als Anne-Marie spielen diese Rollen überzeugend. Interessant ist dabei auch, dass Vincent und Sandrine im realen Leben ein Paar waren und trotzdem dieser intensiven Geschichte zusagten. Es wird deutlich, dass die Liebe ein Gefühl ist, das sich nicht planen, kontrollieren oder beeinflussen lässt - egal in welcher Lage sich der Mensch befindet. Brizé verarbeitet diesen Grundgedanken sehr gelungen und achtete von Anfang bis Ende auf die Details. Um das Spielen der Geige so realistisch wie möglich darstellen zu können, übte Sandrine Kiberlain fünf Monate lang jeden Tag mit einer professionellen Geigenspielerin. Im Film spielt sie zwar dennoch mit Playback, aber ihre Fingerbewegungen sind dadurch sehr präzise. Außerdem achtete der Regisseur genau auf die Kostüme, Orte, Farben und Licht. Das ist dem Film auch anzumerken, denn er vermittelt unterschwellig diese Liebe zum Detail. Genau genommen spiegelt Mademoiselle Chambon visuell wieder, wie das Gefühl von Liebe funktioniert. Es entsteht in kleinen Momenten, ohne dass es Beteiligte genau erklären können. Liebe schafft daher in erster Linie keine Schuldigen, sondern eigentlich großes Glück. Umso trauriger wenn sie zum falschen Zeitpunkt kommt und Leute betrifft, die unter den gegebenen Umständen nicht in der Lage sind, dieses Gefühl auszuleben. Wie tragisch das eigentlich ist, transportiert Brizés Film auf eine ganz besondere und absolut sehenswerte Weise.



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