Ganz gleich ob Moslem, Christ oder Zugehöriger einer anderen Religionsgemeinschaft. Die Eigenverantwortung, das Richtige vom Falschen zu scheiden, entscheidet. Glaube an sich ist per se weder gut noch schlecht. Sehr wohl kann der Glaube der Menschen aber verdreht werden, bis daraus etwas Schlechtes entsteht. Zwischen uns das Paradies nimmt am Beispiel eines Liebespaars mit auf eine Reise der Kontraste und skizziert den Wandel von einem liberalen Moslem zu einem Fundamentalisten. Ein Film voller interessanter Ansätze und mit einer wichtigen und klar formulierten Botschaft, nur an der Logik mangelt es zuweilen.
Der Islam hat ein schlechtes Image. Die Medienberichterstattung ist voll von Berichten über verblendete Islamisten, die vor keiner Terrortat zurückschrecken. Hierzulande gelten Moslems aus der Türkei und arabischen Ländern als mit am schlechtesten in die Gesellschaft integriert. Und darüber hinaus erscheinen immer mehr Filme, wie Die Fremde oder Ayla, die das Problem auch auf moslemische Bürger von nebenan verlagern. Diese Filme skizzieren Geschichten aus unserer nächsten Umgebung, in denen Zwangsehen und sogenannte Ehrenmorde fester Bestandteil der Religionsauffassung und Kultur sind. Das führt letztendlich dazu, dass auch friedliebende und voll integrierte Moslems durch dieses Raster wahrgenommen werden.
Zwischen uns das Paradies thematisiert vordergründig die Liebesgeschichte zwischen Luna und Amar (Zrinka Cvitesic und Leon Lucev), einem moslemischen Paar aus Bosnien. Luna arbeitet als Flugbegleiterin und Amar ist Fluglotse. Beide lieben sich sehr und sehnen sich nach einem gemeinsamen Kind. Amar ist aber auf natürlichen Weg nicht zeugungsfähig. Deshalb entscheiden sich beide für eine künstliche Befruchtung. Neben diesem Stress hat Amar leider noch andere Schwierigkeiten: ein Alkoholproblem. Selbst auf der Arbeit trinkt er heimlich und wird eines Tages von einem Kollegen dabei ertappt. Ein Fluglotse, der jeden Tag verantwortlich für das Leben von Hunderten von Menschen ist und auf der Arbeit trinkt, ist der blanke Horror.
Amar wird beurlaubt und ihm wird eine sechsmonatige Therapie verordnet. Luna ist über diese Entwicklung wenig begeistert. Mit ihrem Gehalt allein werden sie kaum über die Runden kommen. Es dauert aber nicht lange, und Amar findet eine Beschäftigung, bei der er gut verdient. Ein alter Freund, mit dem Amar während des Jugoslawien-Kriegs gemeinsam in derselben Einheit diente, bietet ihm an, außerhalb der Stadt in einem Camp, Kindern Computer-Nachhilfeunterricht zu geben. Luna misstraut der Angelegenheit. Amars alter Freund ist Wahabite, eine Form dermaßen streng gläubiger Moslems, dass sie Frauen (den nach ihrer Auffassung "unreinen Wesen") nicht einmal die Hand geben. Als Luna ihren Mann im Camp besucht, laufen dort alle Frauen von Kopf bis Fuß verhüllt herum, sind von den Männern strickt getrennt und allenorten gibt es islamistisches Indoktrinierungsprogramm. Luna möchte nur noch weg; Amar aber scheint dem Ganzen bereits verfallen und beginnt sich, in der nächsten Zeit immer mehr zu verändern.
Man muss anfangs schon mit der Nase drauf gestoßen werden, um für wahr zu halten, dass Luna und Amar Moslems sind. Sie kleiden sich modisch, gehen Tanzen, hängen in Bars ab, trinken, sind nicht prüde und haben bei jeder Gelegenheit Sex miteinander. Glaube ist für die beiden etwas Persönliches und Religion an sich setzt ihrer Entfaltung keine Schranken. Wenn alle Menschen solcherart ihre Religiosität ausleben würden, gäbe es auf der Welt vermutlich viel weniger Konflikte. Den krassen Kontrast dazu bildet die wahabitische Realität mit ihren strikten moralischen Regeln und Konventionen, in der Männer nahezu alles dürfen und Frauen nur zur Zeugung neuer Gotteskrieger dienen. Die große Stärke des Films ist mit Sicherheit, dass er aufzuzeigen vermag, dass beides regelrecht nebeneinander existieren kann. Damit wird kein Werturteil über den Islam abgegeben, sondern lediglich versinnbildlicht, dass sowohl eine völlig liberale Glaubensauslebung möglich ist, als auch eine fundamentalistische. Und um beides zu finden, muss man nicht gleich ins ferne Afghanistan oder den Iran reisen.
Trotz der zugrunde liegenden klaren Botschaft, dass es letzten Endes also immer am einzelnen Menschen liegt, inwieweit er sich von einem Glauben, der politisch missbraucht werden kann und nicht alle Menschen gleich behandelt, einnehmen lässt, mangelt es dem Film aber an grundsätzlicher Plausibilität. Amar ein klein wenig als "Versager" zu charakterisieren, der sich nicht im Griff hat und seinen Job verliert und darüber hinaus nicht in der Lage ist, seine Frau zu schwängern, um ihn gleich in die Arme von Islamisten zu treiben, reicht nicht. Dieser Mensch ist schließlich kein einsamer, isoliert lebender und inhaltsleerer Absonderling. Er hat eine ihn liebende Frau, Freunde, soziales Umfeld. Die wundersame Wandlung kommt damit etwas unglaubwürdig.
Ganz nebenher laufen zudem Erzählstränge über den Jugoslawien-Krieg, ethnische Säuberungen und der Vertreibung der Bosnier aus ihrer Heimat, die dramaturgisch nichts entscheidendes hinzufügen und gut hätten weggelassen werden können. Viel wichtiger und konsequenter wäre es gewesen, sich mehr auf dieses obskure Camp und die Geschehnisse dort zu konzentrieren sowie Amar mit einer Vergangenheit zu versehen, die seine Abkehr von einem weltoffenen Leben hätte nachvollziehbarer machen können. Es klafft somit am Ende die Spanne weit auseinander, zwischen der sehr klaren Grundaussage und dem konstruiert wirkenden Werdegang des Protagonisten. Den Darstellern kann man das nicht ankreiden. Die spielen in Rahmen des Möglichen absolut glaubwürdig und machen Zwischen uns das Paradies unterm Strich dennoch bemerkenswert.