Viele Menschen suchen jenseits der 40 nach der zweiten großen Chance. Mit der gleichen Unbefangenheit wie die Jugend geht man aber nicht mehr an eine Beziehung heran. Viel zu genau scheint man zu wissen, was gut für einen ist und was eben nicht. Die Liebe der Kinder stellt zwei solche sehr unterschiedlichen Lieben antithetisch gegenüber, vergisst aber völlig, Figuren zu entwerfen, die in irgendeiner Form auch das Interesse des Zuschauers wecken könnten.
Eine neue Mode bei deutschen Filmemachern scheint es zu werden, ihre Filme mit solchermaßen (unter)durchschnittlichen Typen zu bevölkern, dass sie regelrecht schon zum unsympathisch sein hin tendieren. Im Grunde bedeutet dies zwar, das Kind mit dem Bade auszuschütten, aber damit wird sich gewissermaßen die Freiheit erkauft, den Zuschauer gar erst nicht gewinnen zu müssen, um Geschichten zu erzählen.
Die Bibliothekarin Maren (Marie-Lou Sellem), die selbst ein Buch über den (zu Unrecht) nicht ganz so berühmten Biologen Alfred Russel Wallace vorbereitet, und der Baumschneider Robert (Alex Brendemühl), der ein recht bodenständiger Typ ist, haben sich übers Internet kennen gelernt. Beide 40 oder älter und mit fast erwachsenen Kindern suchen sie noch einmal nach einer großen Liebe. Maren, die ein durchaus intellektueller Typ ist, hatte in ihrer Annonce sogar ausdrücklich nach dem "simpler gestrickten Mann" gefragt, mit dem man die einfachen Freuden des Lebens unbelastet teilen kann.
Das erste Date findet leidlich unromantisch an einer Raststätte statt. Man ist sich nicht gerade unsympathisch, nimmt sich sogar ein gemeinsames Zimmer - doch irgendwie ist die Atmosphäre dieses ersten realen Treffens noch viel zu gezwungen, als dass etwas passieren könnte. Maren hält dies alles im Nachhinein sogar für einen Fehler und will den Kontakt zu Robert abbrechen. Ihm gelingt es, die Situation zu retten und beide werden doch noch ein Paar.
Bald schon leben sie gemeinsam in einer Patchwork-Familie. Maren bringt ihre 16-jährige Tochter Mira (Katharina Derr) mit ein und Robert seinen 17-jährigen Sohn Daniel (Tim Hoffmann). In der neuen Situation holt der Alltag das Paar aber schnell ein. Und es zeigt sich, dass geistige Übereinstimmung wohl doch nicht so vernachlässigbar beim Führen einer erfüllten Beziehung sein kann. Während sich Maren und Robert beginnen, voneinander zu entfernen, nähern sich hingegen Mira und Daniel immer weiter an und verlieben sich ineinander. Das geht sogar soweit, dass sie heiraten und auswandern wollen.
Die Liebe der Kinder entpuppt sich als sprödes und über weite Strecken gefühlsnivelliertes Drama, das um das Thema Beziehung und Liebe kreist, ohne wirklich seine Handlungsmitte zu finden oder klar erzählerischen Kurs aufzunehmen. Ob dabei der Beziehung der beiden Pseudo-Stiefgeschwister handlungsfördernd irgendeine Katalysatorfunktion zugebilligt werden muss, sei dahingestellt. Im Mittelpunkt steht diese Romanze, trotz des Filmtitels, allerdings nicht.
Als die große Kunst dieser Geschichte kann ohnehin die des Weglassens begriffen werden. Charakterstudien werden in Die Liebe der Kinder wirklich nicht betrieben. Die einzige Figur, die noch halbwegs einen Unterbau ihr Eigen nennen kann, ist die der Maren; ansonsten schneiden sowohl die Kinder als auch insbesondere ihr Partner blass ab. Bei der Filmfigur Robert kann es sogar passieren, dass man das Kino betritt und nach knapp anderthalb Stunden wieder verlässt, ohne zu wissen, was diesen Menschen eigentlich ausmacht.
Die große Frage an sich ist, ob dieser Film auf der großen Leinwand überhaupt Sinn macht. Im Grunde unterscheidet sich diese unaufgeregte, zuweilen dramaturgisch beinahe lustlos anmutende und ins leicht impressionistische abgleitende, Geschichte kaum von beliebigen samstagabendlichen Konstruktionen der Öffentlich-Rechtlichen. Wobei man bei Die Liebe der Kinder zuweilen den Eindruck gewinnt, dass es schon nicht ganz einfach war, diese knapp 90 Minuten zu füllen; was es nötig machte Zwischensequenzen mit Natur-Stimmungsbildern aufzufüllen, die sich beiläufig am Wandel der Jahreszeiten zu orientieren scheinen - obschon bei dieser Produktion auch die Stimmung eines einzigen müden Herbstabends gelangt hätte.