Für jeden Job gibt es Spezialisten und wann immer ein Konzertflügel aus dem Hause Steinway & Sons perfekt gestimmt werden soll, ruft man den Meisterstimmer und Cheftechniker Stefan Knüpfer. Er ist in der Lage, noch allergeringste Klangverzeichnungen und tonale Defizite wahrzunehmen. Darüber hinaus nennt er das nötige Feingefühl sein eigen, um sich auf die speziellen Bedürfnisse der unterschiedlichen Meistermusiker einzustellen. Pianomania ist eine bezaubernde Musik-Dokumentation, in der sich alles mal anders um die Musik dreht. Mitreißend und ergreifend, ist sie damit bestens für die große Leinwand geeignet.
Wann immer ein Musikgenie scheinbar schwerelos über die Tasten wirbelt und mit ganzer Inbrunst die Werke großer Komponisten zum Besten gibt, verschwendet kaum jemand einen Gedanken daran, dass es nicht nur ein langer Weg war, bis solche Virtuosität erreicht wurde; völlig vergessen wird, dass auch das Einstimmen eines Konzertflügels im Vorfeld des Konzerts eine Kunst und Wissenschaft für sich darstellt. Jedes Instrument ist anders, unterscheidet sich in Nuancen der Klangfarbe und Tonalität von einem baugleichen. Lufttemperatur- und Feuchtigkeit, die Geometrie des Raums, die Anordnung und Verteilung der Zuschauerreihen und zuletzt die (subjektive) Klangempfindung des Solisten selbst sorgen von Fall zu Fall für minimale Unterschiede.
Bei Pianomania ist der Titel Programm und damit im wahrsten Sinne wortwörtlich zu nehmen: Alles dreht sich um die Liebe, sogar die Besessenheit zum Klavier, besonders zum Konzertflügel, der eine Art Hitech-Musikmaschine der Neuzeit darstellt. Als solche braucht sie eine Menge Pflege und muss optimal gestimmt sein, um den Klang voll zu entfalten. Gerade beim Flügel ist das aber ein besonders diffiziler Akt, da ihm kaum ein anderes klassisches Instrument an Komplexität gleichkommt. Flügel, wie sie heute in symphonischen Orchestern eingesetzt werden, gibt es überdies noch gar nicht lange. Wenn wir also heute diesen Sound genießen, haben wir das Privileg, unsterbliche Kompositionen satter und voller zu hören, als es sogar die Komponisten selber seinerzeit vermochten.
Dieser Kino-Dokumentarfilm lebt hauptsächlich von zwei Dingen: der Faszination der Musik, verbunden mit der Suche nach dem perfekten Klang und - ganz wesentlich - von seinem Protagonisten, Stefan Knüpfer, der selbst zwar kein Virtuose an den Tasten ist, aber der Mann mit dem überragenden Gehör, den geschickten Händen und vor allem mit ganz viel Liebe zu seinem Beruf. Er ist es, der aus jedem Flügel den optimalen Klang herauszuholen vermag. Pianomania verfügt über einen mitreißenden Rhythmus, der die Faszination des Meisterstimmers an seinem täglichen Tun ganz vortrefflich wiedergibt. Trotz der klassischen Kompositionen, die gewissermaßen ebenfalls im Mittelpunkt stehen, sind nicht einmal spezielle musikalische Kenntnisse nötig, um diesen Rhythmus aufzunehmen.
Mit viel Humor wird die manische Musikbesessenheit kombiniert, so dass das Pathos der Akteure stets positiv wirkt. Hier offenbart sich noch aufrichtiges Berufsethos, welches allerdings nur entstehen kann, wenn ein Mensch auch die Gelegenheit erhält, seiner wahren Berufung nachzugehen. Solch eine Chance offenbart sich im Leben aber nur einer Handvoll Menschen. Vielleicht steckt, auf diese Weise betrachtet, deshalb auch in Pianomania ein unsichtbares Plädoyer, sich bei der Wahl seines Berufs immer auch ein Stückweit von seinem Herzen leiten zu lassen; in Zeiten, in denen viele Menschen froh sind, überhaupt Arbeit zu haben, klingt das aber zugegebenermaßen irgendwie utopisch. Dennoch ist dieser Film ein inspirierendes Kleinod, das den Fokus der Wahrnehmung - und sei es für anderthalb Stunden - zu etwas Höherem verschieben kann. Auf jeden Fall ist Pianomania aber eine Dokumentation, von der sich viele Spielfilme locker eine Scheibe abschneiden könnten und der somit für einen angenehmen Kinoabend überaus empfehlenswert ist.