Kaum jemand, der sich als ausgesprochene Leseratte versteht, wird mit Paulo Coelho nichts anzufangen wissen. Der brasilianische Schriftsteller gehört zu den zehn international bedeutendsten Autoren unserer Zeit. Ihm verdankt man Bücher wie Der Alchimist, den Hollywood schon lange adaptieren wollte. Nun gelangt ein anderer seiner Romane, Veronika beschließt zu sterben, der sich für Coelhos Verhältnisse geradezu mit einem alltäglichen Daseinsdilemma befasst, in die Kinos. Selbst aber den eingefleischten Liebhabern seiner Literatur wird es vermutlich schwer fallen, dieser langatmigen wie entzauberten Inszenierung etwas abzugewinnen.
Veronika (Sarah Michelle Gellar) ist jung, begehrenswert und beruflich erfolgreich. Sie hat einen Job, in dem sie vermutlich mehr verdient, als viele gleichaltrige Männer in anderen Berufen. Trotz dieses Erfolges ist Veronika aber des Lebens überdrüssig. Sie ist sich sicher, dass nichts Essentielles mehr hinzu kommen wird. All das Erreichte birgt für sie gleichermaßen auch etwas Erstickendes. Dunkle Gedanken treiben sie immer wieder in depressive Schübe. Eines Tages, während eines besonders starken, beschließt sie, ihrem Dasein ein Ende zu bereiten. Mit einem bunten Medikamentencocktail will sie sich ins Jenseits befördern.
Die Todessehnsüchtige wird aber noch rechtzeitig gefunden und landet in der Psychiatrie. Kaum aus dem medikamentösen Delirium wieder einigermaßen bei klarem Verstand, muss ihr behandelnder Arzt Dr. Blake (David Thewlis) eine Hiobsbotschaft überbringen: zwar konnte man ihr Leben gerade noch retten, die wild miteinander eingeworfenen Medikamente haben aber ihr Herz dauerhaft derart geschädigt, dass es früher oder später versagen wird. Veronika bleiben möglicherweise nur noch Wochen.
Kann ein Bewusstsein für einen baldigen Tod, ein Bewusstsein für das Leben schaffen? Die triviale Erkenntnis lautet: dass die Todesbedrohung die Intensität und das Lebensgefühl eines davon betroffenen Menschen durchaus zu steigern vermag. Aber wirkt sich das ebenso auf einen Menschen aus, der offensichtlich mit dem Leben abschlossen hat und sogar bereit ist, es aus eigener Hand zu beenden? Das ist sowohl die These als auch die langweilige Plattitüde dieses langatmigen Kammerspiels.
Die Reduktion auf westentaschenpsychologische Allerweltswahrheiten beraubt die Geschichte um ihre eigentliche Strahlkraft. Bereits Veronikas Selbstmordversuch auf ihre depressive Erkrankung zu reduzieren, verändert die Grundsituation erheblich. Bei Coelho war Veronika durch ihren Erfolg in ein selbstgezimmertes Verließ gesperrt, eine Festung der Einsamkeit, in die sie sich jeden Tag zurückzog, bis sie sich sicher war, dass es kein anderes Morgen geben würde. Dass die Alternative in einem "Zombiedasein" bestünde, in dem sie ein Leben führt, das steril wie langweilig ist; und in einer Ehe mit Kindern, eingefahrenen Lebensmustern und durch Gewöhnung zugrunde gehender Sexualität mündet. Die Filmadaption verdichtet diese Motive soweit, dass es an Auslassung grenzt. Nur ein einziges Mal, während einer Therapiesitzung, sprudelt es aus Veronika heraus. Doch der Leitspruch aller Filmemacher lautet: Don't tell, show it!
Veronika beschließt zu sterben wirkt blutleer und vorhersehbar, da man den Film um beinahe jede mehrbödige Wahrheit brachte. Die Begegnungen der Hauptfigur mit den anderen Insassen der Psychiatrie erfüllen ebenfalls nicht mehr den Zweck der literarischen Vorlage: Das "antipsychiatrische Konstrukt" - etwas mit dem Coelho gerne spielt und dabei die Ebenen von Normalität und Wahnsinn umkehrt - in dem das Irren-Asyl zum Freiraum der Verrückten wird, die dort sein dürfen, wie sie eben sind. Und dadurch eine neue Form der Freiheit und Ausgestaltung des Ichs erlangen, wird ebenso ausgehebelt, wie die Kuckucksnest-Situation: die These, dass Irrenanstalten oft nichts anderes darstellen, als ein Instrument der Herrschenden, jene wegzusperren, die nicht ins Raster passen wollen.
In der Reduktion der eigentlichen Geschichte auf ein Maß, dass nur noch die Vordergründigen Motive beinhaltet, gerät das Irrenhaus zu Begegnungsstätte, in der programmatische Prozesse in den Seelenleben der Figuren ablaufen, die zuweilen überdies noch vorangekündigt werden. Wie in den meisten Coelho-Geschichten ist die Liebe eine unerhört bedeutende Kraft wenn es um Wandlung und Heilung geht; im Film hält beispielsweise ein altes Klavier dafür her, zukünftige Entwicklungen vorwegzunehmen: Erst als die Protagonistin es wieder zu klingen bringt, beginnt ein anderer Patient, Edward, der seit dem Tod seiner Freundin aufgehört hat zu reden, wieder zu sprechen - das offenbart schon beinahe Kitschqualitäten.
Paulo Coelho, der in seinem Leben schon vieles war: Katholik, Atheist, Spiritist, Buddhist, Esoteriker und wieder Katholik, lässt in seinen Geschichte viel Mystisches aus all seinen Erfahrungswelten einfließen. Seine Erzählungen quellen regelrecht vor tiefschürfender Symbolik über. Die Filmadaption von Veronika beschließt zu sterben löscht das überwiegend aus und versucht aus dem Roman ein Trivialstück mit simplen wie durchschaubaren Allegorien zu machen, die anstelle vielschichtiger Wahrheiten mundgerecht portioniert und serviert werden. Das reicht beileibe nicht aus, einen interessanten, geschweige denn kinotauglichen Film zu produzieren. Trotz einer Sarah Michelle Gellar, die sich aus den Niederungen der Teenie-Vampirjägerin emanzipiert hat und sich redlich müht, der Story etwas Leben zu verleihen, langt es hier gerade mal zur Sandmännchenstunde.