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Fish Tank

(Fish Tank, 2009)

Dt.Start: 23. September 2010 Premiere: 14. Mai 2009 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 123 min Land: UK
Darsteller: Katie Jarvis (Mia), Michael Fassbender (Connor), Kierston Wareing (Joanne), Rebecca Griffiths (Tyler), Harry Treadaway (Billy), Sarah Bayes (Keeley), Charlotte Collins (Sophie), Chelsea Chase (Andree), Brooke Hobby (London)
Regie: Andrea Arnold
Drehbuch: Andrea Arnold


Inhalt

Mia lebt gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester Tyler und ihrer allein erziehenden Mutter Joanne in einer Plattenbausiedlung in England. Gerade ist die 15 Jährige, die ihre Aggression nicht unter Kontrolle hat, von der Schule geflogen. Lediglich im Tanz findet sie Erfüllung und Spaß. Das ohnehin gespannte Verhältnis zu ihrer Mutter wird auf die Probe gestellt, als diese einen neuen Freund nach Hause bringt, Connor. Trotz anfänglicher Ablehnung findet Mia in ihm einen verständnisvollen Verbündeten. Allerdings ist nicht klar, welche Rolle er wirklich in ihrem Leben einnehmen soll.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Fish Tank hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 57%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Fish Tank hat eine Wertung von 57%
Den ungeschminkten Blick nach unten liefert Fish Tank. Star dieser Welt, die von Perspektivlosigkeit dominiert wird, ist die 15-jährige Mia, die noch nie einen Menschen emotional an sich heran gelassen hat. Ihr Leben war stets ein Kampf und das einzige Gefühl, in dessen Umgang sie sich sicher fühlt, ist Aggression. Als ein gut doppelt so alter Mann in ihr Leben tritt, entdeckt sie plötzlich, dass Menschen auch anders sein können. Doch selbst diese Erkenntnis muss Mia mit einer bitteren Erfahrung erkaufen. Starke Mischung aus Coming-of-Age-Drama und Milieustudie, die zu sehr an erzählerischer Schwäche und dem wirren Finale krankt.

Bild aus Fish Tank In diesem Fall ist Omen tatsächlich Nomen. Die Tristesse der Plattenbausilo-Behausung und eines Milieus, das nach "Bodensatz" regelrecht schreit, springt einen in diesem Streifen geradezu an. Fish Tank ist der viel umjubelte Film von Andrea Arnold - erst ihr zweiter Spielfilm - und schon mit internationalen Preisen überhäuft, wie dem Preis der Jury 2009 in Cannes und der Auszeichnung als bester britischer Film. Der Titel trifft es ziemlich genau: Die Hauptfiguren sind gefangen in einem Leben, das viel von der Existenz in einem Aquarium hat: wenig Bewegungs- wie Entfaltungsspielraum und überall Grenzen aus unsichtbaren Mauern.

Angesiedelt ist die Geschichte, in dessen Mittelpunkt die 15-jährige rebellische Mia (Katie Jarvis) steht, in England; tatsächlich könnte sie aber genauso auch in jedem anderen westlichen Land spielen, das all jene, die das Gesamtbild stören, allzu gerne in "Unterprivilegierten-Ghettos" verbannt. Mia lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer vorlauten kleinen Schwester in solch einem plattenbauähnlichen Hochhaus. Sie ist gerade von der Schule geflogen, was die ohnehin überspannte Situation zwischen ihr und ihrer Mutter noch weiter verschärft.

Ihr einziges Fluchtmittel ist ihre Liebe zum Tanz. Während ihre Mutter kurz davor steht, sie auf eine Sonderschule einzuweisen, träumt sie davon, übers Tanzen dieser sinnarmen Existenz eines Tages zu entfliehen. Und als gäbe es zwischen Mutter und Tochter nicht schon genug Probleme, bekommt die emotionale Schieflage zwischen den beiden noch eine pikante Note: Mias Mutter hat ganz frisch einen neuen Freund, Connor (Michael Fassbender), der durch seine Ausstrahlung auch für eine 15-jährige interessant sein könnte. Eines Morgens steht er halbnackt in der Küche. Mia ist zugleich irritiert, wie auch angetan von diesem vitalen und athletischen Mann. Überrumpelt von ihrer eigenen Faszination reagiert sie aber feindlich; vielleicht auch einfach deshalb, da dies in ihrem Leben bisher die einzige Emotion war, mit der sie etwas ausdrücken konnte.

Connor setzt Mias Abweisung und Aggression seine ruhige, freundliche und verständnisvolle Art entgegen und gewinnt mit der Zeit ihr Vertrauen. Zum ersten Mal in ihrem Leben existiert jemand, der sich für Mia als Mensch wirklich interessiert und sie in ihren Wünschen und Träumen ernst nimmt. Die Ebene zwischen den beiden wirkt beiläufig betrachtet unschuldig - ist aber energiegeladen; zudem bleibt die Frage ungeklärt, was Mia eigentlich in Connor sieht: Einen Vertrauten, einen Ratgeber und Freund, möglicherweise den Vater, den sie vermisst oder gar etwas ganz anderes.

Mit der Qualität einer ungeschminkten Milieustudie arbeitet sich der Film durch die prinzipiell dichte, aber handlungsarme Story. Drei Menschen, gefangen in einem Dasein von Perspektivlosigkeit, Armut und der Hingabe zum Alkohol, den schon die Jüngsten in dieser Lebewelt konsumieren. Diese Bilder wären hierzulande für jeden Hartz-IV-Kritiker, der die Leistungen immer noch für zu hoch bemessen hält, glatt eine Steilvorlage. Mias Tanzträume erinnern überdies an die unreflektierten Bestrebungen Zehntausender Teenager, die sich Jahr für Jahr misanthropischen Super-Star-Jurys stellen, in der Hoffnung entdeckt zu werden und für eine flüchtige Zeit ein wenig Anerkennung und Ruhm zu ernten.

Trotz erzählerischer Defizite und dünnem Plot wirkt das skizzierte Bild in sich aber glaubwürdig. Zu verdanken ist dies ohne Frage Katie Jarvis, die vergleichbar eines jungen James Dean in seiner Zeit, perfekt das Aufbegehren gegen erstickende Zustände verkörpert. Mit dem Unterschied, dass einige der Grenzen in Mias Leben erst aus ihren eigenen inneren Defiziten entstehen, während es die Emotionalität eines James Dean war, welche die absurde und bigotte Moral seiner Zeit bloßlegte. Im Grunde ähnlich und doch wieder verschieden, sind beide Produkte ihrer Zeit wie Sozialisation - und so haftet ihnen auch beiden gewissermaßen eine Art Zeit- und Gesellschaftszeugnis an.

Es hätte ein kraftvoller und erfrischend unkonventioneller Coming-of-Age-Film werden können, wenn er sich auf diese Aspekte konzentriert hätte; vielleicht eine Art britischer Precious. Leider aber verlagert sich die Dynamik des Films von der Beziehung der beiden Töchter zur Mutter weg und sucht sich fortan einen Weg, der recht klischeehaft wirkt. Nun entschlüsselt sich, wieso die Figur Connors als offensichtlich destabilisierendes Element eingeführt wurde, das gewisse Ereignisse erst in Gang setzt. Dieser Charakter scheint von Beginn an in diese soziale Existenz gar nicht hineinzupassen: Er hat einen Job und entgegen dem biestigen wie regelrecht infantilen Umgang, der dort oft herrscht, wirkt er ausgeglichen und Herr seiner Selbst. Damit ist schnell klar, dass seine Funktion die des Stolpersteins für Mias "Reifeprüfung" ist. Allerdings wirken die Wendungen, die im letzten Drittel des Films etwas poltrig durch die Tür kommen, zuweilen überzogen und mitunter auch leicht konstruiert.

Fish Tank lebt über weite Strecken von der greifbaren Authentizität und seinen herausragenden Hauptdarstellern, Katie Jarvis und Michael Fassbender. Die grundlegende Geschichte ist aber vergleichsweise banal, wenn sie auch eine ordentliche Portion "Schrecken" enthält, der sich beim ungeschminkten Blick nach unten zwangsläufig einstellt. Die Regisseurin bleibt mit der Kamera stets nah an den Protagonisten und fängt deren Seelenleben damit außerordentlich gut ein, die erzählerische Schwäche des Films vermag dies aber insgesamt nicht auszugleichen. In Verbindung mit der etwas aus dem Ruder laufenden Plausibilität zum Ende hin, macht sich das im Gesamtgefüge negativ bemerkbar und entzaubert den Streifen ein Stückweit, wenn es auch die grundlegend interessante Konzeption nicht gänzlich zu zerstören vermag.



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