Nicht alles, was mit einer guten Idee beginnt, führt schlussendlich zu einem positiven Ergebnis. Heilige Männer hatten oft die Vision, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Andere, die sich selber als solche sahen, hielten es für ein gute Idee, sich des Heilsgedankens dieser großen Männer zu bedienen, um zumindest die Welt in einen Ort zu verwandeln, in dem sie ihre persönlichen Ziele verwirklichen konnten. Eine dieser Messias-Figuren war Bhagwan Shree Rajneesh oder einfach nur Bhagwan, der wegen seiner Predigt des neuen Bewusstseins durch Sex den Beinamen Sex-Guru erhielt und der von Millionen angebetet wurde, an denen er sich bereicherte.
1931 in einem kleinen Ort in Indien mit bürgerlichem Namen Chandra Mohan Jain geboren, studiert Bhagwan von 1951 - 1960 Philosophie. Nach Abschluss seines Studiums erhält er 1960 eine Lehrtätigkeit als Professor. Und unternimmt, wann immer es ihm diese erlaubt, ausgedehnte Vortragsreisen durch Indien. In seinen Ansprachen kritisiert er Gandhi, den Sozialismus und die brahmanische Religion. Nach seiner Überzeugung verherrlichen Gandhi und der Sozialismus die Armut, wohingegen Indien den Kapitalismus sowie moderne Technologien und Geburtenkontrolle braucht. Die brahmanische Religion sei überdies steril; im Prinzip seien, seiner Meinung nach, alle existierenden politischen und religiösen Systeme falsch und heuchlerisch. Mit solchen provokanten Thesen macht er sich bei vielen unbeliebt, zieht aber auch immens die Aufmerksamkeit auf sich.
Ende der 1960er Jahre suchen Millionen Menschen nach einer neuen Form der Spiritualität. Es ist der Beginn der Hippie-Ära, die aufkommende Generation möchte alles Alte abstreifen und neue Wege ergründen. Sowohl die westlichen Religionen, wie auch die östlichen predigen im Grunde aber Ähnliches: Erleuchtung und Erlösung durch Enthaltsamkeit. Zu dieser Zeit beginnt Bhagwan eine davon abweichende These zu vertreten: Es spricht davon, dass die Grundenergie der Sexualität göttlich sei. Sexuelle Gefühle dürfen nicht länger unterdrückt werden; nur wenn der Mensch seine wahre Natur anerkennt, kann er frei sei. Für die Sinnsuchenden, welche die verklemmte Moral ihrer Zeit ein für allemal hinter sich lassen wollten, muss sich das wie eine Offenbarung angehört haben.
Etwa zu dieser Zeit setzt die Dokumentation Guru - Bhagwan, his Secretary & his Bodygard ein. Es ist die Zeit der wilden Siebziger, Bhagwan hat vor ein paar Jahren sein revolutionäres Buch From Sex to Superconsciousness (deutscher Titel: Vom Sex zum kosmischen Bewusstsein) verfasst. In Scharen strömen die Menschen zu ihm, darunter auch der Engländer Hugh, der später viele Jahre lang Bhagwans Leibwächter wird und die junge Inderin Sheela, die nicht nur seine persönliche Sekretärin wurde, sondern auch die Leiterin von Bhagwans Modellkommune, die seine Jünger in den 1980ern in den Bergen Oregons errichteten.
In vielen Interviews berichten der ehemalige Bodygard und die frühere Sekretärin von den persönlichen Erfahrungen mit dem Guru, der den Menschen erzählte, dass die Vollkommenheit darin liegt, wenn es gelingt, die westliche, materialistische Seite, mit der Weisheit der östlichen Philosophien zu verbinden. Er selbst geht diesem Ansinnen mit gutem Beispiel voran: In "Spitzenzeiten" übertrifft nur noch die Anzahl seiner Gespielinnen, die sich in seinem Bett tummeln, die Anzahl an Automobilen der Marke Rolls Royce, die seinen Fuhrpark zieren. Die Menschen aber strömen ungebremst zu ihm und werden von seinem Charisma verzaubert. Als sein Ashram in Indien aus allen Nähten platzt, wird ein großes Stück Land in den USA gesucht. Es soll das neue Zuhause der Bewegung werden. Die Modellkommune in Oregon entwickelt sich aber schnell zu einem Staat im Staat, mit Strukturen, die an totalitäre Regime erinnern. Bürgerinitiativen, CIA und FBI beäugen diese Entwicklung mit Argwohn.
Denjenigen, welche die Ereignisse aus den 1970ern und 80ern bewusst erlebt haben, wird der Film kaum etwas Neues erzählen. Hinzu kommt, dass er nahezu ausschließlich aus der Innenschau berichtet. Die Kombination aus Interviews und altem Filmmaterial vermag leider nur ein Bild zu liefern, das relativ facettenarm ist, wenn es in generellen Zügen die Entwicklung dieser religiösen Bewegung aber durchaus zu skizzieren vermag. Der interessanteste Aspekt dabei womöglich noch festzustellen, dass selbst heute, also nach vergleichsweise langer Zeit und der Chance sich vom Guru selbst zu distanzieren und die Bewegung an sich kritisch zu betrachten, von den Interviewten zum Teil immer noch vieles verklärt wird.
Als kurioses Anschauungsbeispiel, wie Sekten entstehen, Menschen sich freiwillig instrumentalisieren lassen, bereit sind, ihr Hab und Gut einem (selbsternannten) Messias zu schenken und ihm als willige Arbeitssklaven sogar seine eigene Stadt bauen, eignet sich der Film schon; wenn auch beispielsweise David Wants to Fly durch seinen persönlichen Charakter, indem man durch die Augen des Filmemachers an die Strukturen von Sekten herangeführt wurde, noch mehr Reibungspotenzial bot. Dennoch sind die Basisbausteine erkennbar, die allen "elitären" Organisation mit Heilsanspruch inne wohnen: Gehirnwäsche, Gleichschaltung, eine hierarchische Struktur mit mehr Privilegien nach oben hin und eine Erlöser-Figur an der Spitze. Dazu eine Portion Paranoia, um sich von der Außenwelt abzuschotten; und am Ende beginnt die Musterkommune paramilitärische Züge anzunehmen. Aus der Idee, eine bessere Welt zu schaffen, ist ein System entstanden, das beinahe faschistoide Züge besitzt.
Leider hat Guru - Bhagwan, his Secretary & his Bodygard trotz seines chronistischen Anschauungscharakters und den grundlegend wichtigen Einblicken in die Funktionsweisen von Sekten, aber insgesamt relativ wenig Dynamik. Die Dokumentation wirkt somit selten spannend und zuweilen sogar etwas langatmig. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob sich heutzutage noch wirklich jemand für Bhagwan, seine Thesen und Organisation interessiert? Das Ganze ist schließlich schon relativ lange her und besitzt in die aktuelle Zeit hinein keine nennenswerten Auswirkungen. Wirklich für das Kino tauglich ist der Film somit unterm Strich eher weniger und dürfte bald ohnehin auf arte & Co. ein Zuhause finden.