Ein Vampirfilm aus Deutschland - kann das gut gehen? Da sind gerade in furchterregenden Twilight-Zeiten Zweifel berechtigt. 14 Jahre lang hat der Regisseur und Projektinitiator Dennis Gansel an Wir sind die Nacht gearbeitet. Die unvermeidbare Skepsis wischt er mit dem Endresultat erfolgreich vom Tisch. Weckt sein Film anfangs durch betörende Darstellerinnen noch Assoziationen an feuchte Jungenträume, gewinnt er im weiteren Verlauf an Substanz.
Ein Trio Infernale macht das Berliner Nachtleben unsicher. Louise (Nina Hoss, Jerichow), Charlotte (Jennifer Ulrich) und Nora (Anna Fischer) sind jung, begehrenswert - und Vampirinnen. In den illegalen Club, den sie betreiben, verliert sich auch die Kleinkriminelle Lena (Karoline Herfurth, Vincent will meer) und wird prompt von Anführerin Louise gebissen. Denn Lenas Augen lassen in der 250 Jahre alten Schönheit die Sehnsucht nach der ewigen Liebe erwachen. Die Neue verwandelt sich vom abgefuckten Straßenkind zum zauberhaften Geschöpf. Sie wird Teil der Gruppe - und zu ihrem Problem. Denn das letzte Fünkchen Menschlichkeit in ihrer Seele weigert sich beharrlich, die neue Rolle zu akzeptieren. Hinzu kommt: der Polizeikommissar Tom Serner (Max Riemelt, gemeinsam mit Ulrich und Fischer in Gansels Publikumserfolg Die Welle zu sehen) hat es auf Lena abgesehen. Und das hat nicht nur berufliche Gründe.
Eine Woche vor dem Start von Wir sind die Nacht saß Hauptdarstellerin Karoline Herfurth in der NDR Talk Show, um ihren neuen Film zu promoten. Und als hätte sich die Redaktion etwas dabei gedacht, saß mit ihr Marian Gold in der Runde. Der Bandleader von Alphaville war seinerseits gekommen, um über das Comeback der deutschen Combo zu sprechen, die 1983 gewissermaßen über Nacht berühmt geworden war. "Big in Japan" hatte sie damals gesungen - und "Forever Young", jene Hymne, auf die Gold und seine Bandkollegen wohl bis zum Ende ihrer Tage angesprochen werden dürften. "Forever young, I want to be forever young": Inzwischen 56 Jahre alt musste Gold lächelnd zugeben: "Ich habe es nicht geschafft."
Doch der Song - und das vergaß der Musiker nicht zu erwähnen - hinterfrage eher die Gier nach der ewigen Unbeschwertheit. "Do you really want to live forever?" Es ist ein Ansatz, der auch in Wir sind die Nacht zu finden ist und der dem Film zu einer Vielschichtig- und Hintergründigkeit verhilft, die man ihm lange Zeit nicht zugetraut hätte. Zunächst findet sich der Zuschauer in einer Geschichte wieder, die auch ohne stupide Nacktheit wie eine Art Porno wirkt. Mit saftigen Bildern, wilden Actionszenen und jeder Menge Blut in einem beeindruckend in Szene gesetzten Berlin unterhält Gansels Werk auf durchschnittlichem bis solidem Niveau, bevor es eine Wende nimmt: erst ins Augenzwinkernde, dann ins Ernsthafte. Die Entwurzlung aus dem gewohnten Umfeld ist für zwei der vier Vampirinnen eine Qual: Charlotte, die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihrer Familie entrissen wurde und Lena, die Kontakt hält zur anderen Welt, anders etwa als die routiniert abgestumpfte Louise und die flippige Nora, die aus Selbstschutz allein bleiben will: "Menschen gehen so schnell kaputt."
Gansels Neuling hat eine lange Geschichte. Jahre bevor Stephanie Meyer mit Twilight - Biss zum Morgengrauen Teenager-Herzen höher schlagen ließ, hatte der Filmstudent in München seinem Kameraden und heutigen produzierenden Weggefährten Christian Becker das erste Konzept vorgestellt. Bram Stokers Dracula und Interview mit einem Vampir hatten damals für eine blutige Hochkonjunktur gesorgt, bevor der Trend schnell wieder abebbte. Gansel hatte keine Chance auf eine Realisierung, erhielt sie erst durch seinen anhaltenden Erfolg und ironischerweise durch die Twilight-Reihe, eine in den Augen der Macher verweichlichte Herangehensweise an den Stoff. Jan Berger (FC Venus - Elf Paare müsst ihr sein) half bei der Überarbeitung und Aktualisierung des Drehbuchs.
Seine einstige Idealbesetzung für die Rolle der Louise hat Gansel bei der Stange gehalten. Nina Hoss, die Mitte der 90er Jahre in dem von Bernd Eichinger gedrehten Remake Das Mädchen Rosemarie die Fernseh- und Medienwelt zu Begeisterungsstürmen hinriss, hat nichts von ihrem Charisma verloren. Aber auch Karoline Herfurth und die wundervoll distanzierte Jennifer Ulrich drücken Wir sind die Nacht ihren Stempel auf. Hinzu kommen mit großem Aufwand betriebene Special Effects, die teilweise alte Weisheiten über Vampire aufgreifen. Dass diese etwa kein Spiegelbild haben, also auch nicht in Scheiben der Lamborghini oder sonstigen Luxuskarossen zu sehen sein dürfen. Oder dass sie nicht den Gesetzen der Schwerkraft gehorchen. Alles in allem lässt sich feststellen: Gansels langer Atem hat sich gelohnt.