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Intimacy

(Intimacy, 2001)

Dt.Start: 07. Juni 2001 Premiere: 20. Januar 2001 (Sundance Film Festival, USA)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 119 min Land: Frankreich
Darsteller: Mark Rylance (Jay), Kerry Fox (Claire), Timothy Spall (Andy), Alistair Galbraith (Victor), Philippe Calvario (Ian), Marianne Faithfull (Betty), Susannah Harker (Susan), Rebecca Palmer (Pam)
Regie: Patrice Chéreau
Drehbuch: Anne-Louise Trividic, Patrice Chéreau


Inhalt

Jeden Mittwoch Nachmittag treffen sich Jay und Claire in einer Wohnung um Sex zu haben. Viel wissen sie nicht voneinander und so treibt Jays Neugierde ihn dazu, Claire heimlich zu folgen. Doch je mehr er über sie erfährt, umso mehr gefährdet er ihre gemeinsame Flucht aus dem Alltag.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Intimacy hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 76%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Markus Müller
Intimacy hat eine Wertung von 76%
Wenn jeden Mittwoch eine fremde Frau zum Sex vorbei kommt, ist das an sich eine schöne Sache. Doch da nichts im Leben so einfach ist und unkomplizierter Sex oft entweder Geld kostet oder in einem emotionalen Chaos mündet, sind derartige Sexbeziehungen nicht selten Auftakt des ein oder anderen Dramas. In Intimacy gibt es da keine Ausnahme. Zeitweise als Skandalfilm verschrien, bietet der Film neben offenherzigen Sexszenen mutige, überzeugende Darsteller und eine minimalistische Geschichte, aus der einiges herausgeholt wurde. Leider verliert die Story gegen Ende jedoch deutlich an Fahrt und etwas mehr Tiefgang hätte dem Film auch nicht geschadet, aber letztlich ist Intimacy doch interessant und sehenswert.

Bild aus Intimacy Die Geschichte, die Intimacy erzählt, erweist sich als eine recht einfache, aber durchaus gelungene. Dabei ist der Plot wunderbar prägnant: Ein Mann und eine Frau haben jeden Mittwoch Sex, obwohl sie sich nicht kennen. Doch irgendwann will er mehr wissen. Auch wenn das Ganze kurz und bündig ist, entwickelt sich dennoch eine verhältnismäßig komplexe Geschichte. Diese zehrt von ihren durchaus interessanten, allerdings nicht unbedingt sympathischen Charakteren und einigen wirklich geschickt gestrickten, wenn auch nicht gänzlich unerwarteten Personenkonstellationen. Dass dies zumindest über den größten Teil der Laufzeit funktioniert, verdankt der Film seinen durchgehend guten Darstellern. Neben den beiden Hauptdarstellern Mark Rylance (Engel und Insekten) und Kerry Fox (Die Weisheit der Krokodile), die beide wirklich grandios und nicht zuletzt sehr mutig agieren, weiß vor allem Timothy Spall (Harry Potter und der Feuerkelch) zu gefallen. Sein Spiel ist überzeugend und charismatisch, wobei er jedoch glücklicherweise angezogen bleibt.

Denn das wohl charakteristischste und bewusst vordergründigste Element ist der recht detailliert gezeigte Sex in Intimacy. Die nackten Körper von Mark Rylance und Kerry Fox sind weitgehend vom Hollywood Schönheitsideal entfernt, aber schlicht und ergreifend echt. Der Sex ist schnörkellos, stürmisch und leidenschaftlich, wobei er jedoch nie choreographiert, sondern vielmehr improvisiert wirkt. Dies sorgt für ein hohes Maß an Authentizität und Realismus. Tatsächlich erotisch sind diese Szenen allerdings nicht und von einem Porno ist man, trotz Einstellungen eines erigierten Penises oder einer kurzen Fellatio-Szene, ohnehin meilenweit entfernt. Zu leidenschaftlich und doch unerotisch ist der Geschlechtsakt, als dass der Verdacht entstehen könnte, dass die sexuelle Erregung des Rezipienten im Vordergrund steht. Die Freigabe ab 16, trotz der sonst aus Sicht der FSK für Minderjährige eher ungeeigneten Sexspielchen, ist wohl das eindeutigste Indiz dafür.

Der Sex zwischen Jay und Claire ist viel mehr als nur reines Provokationsmittel. Stattdessen zeigt sich über den Sex, abgesehen von dessen Notwendigkeit für die Story, auch der streckenweise befremdliche Seelenzustand der beiden zwiespältigen Charaktere. Mit diesem kunstvollen Gespür für die Notwendigkeit von einer Prise Voyeurismus und dem recht geschickt umgesetzten Kunstgriff, die Figuren zuerst über ihr Sexualleben zu etablieren, gelang Patrice Chéreau (Gabrielle - Liebe meines Lebens) ein Film, der, trotz der Sexszenen als zentrales Element, nicht nur auf deren Offenherzigkeit beschränkt werden muss. Damit ist Chéreau weit entfernt von der anstrengenden und übermäßig gewollten Provokation eines Ken Park, vollkommen gewaltfrei und letztlich teilweise in nahezu poetische Bilder gehüllt. Hin und wieder fühlt man sich kurz ein wenig an Bertolucci erinnert, der in Die Träumer Sexualität ähnlich elementar für die Geschichte sah und dennoch Ästhetik und Anspruch wahrte.

Vollkommen absurd ist unter diesen Gesichtspunkten der Skandal, den dieser Film bei seiner Erstaufführung in Cannes auslöste. Besonders das amerikanische Publikum zeigte sich streckenweise peinlich berührt und verteufelte den Film aufgrund der Sexszenen als widerwärtig, anstößig und unverschämt. Hätte Chéreau seine Protagonisten in einen Raum gesperrt und dort von Kreissägen zerstückeln lassen, wären die Reaktionen wahrscheinlich gemäßigter gewesen, als bei der Präsentation realistischen Geschlechtsverkehrs, an dem das Verwerflichste ist, dass Jay öfter zu früh kommt.

Es gibt einiges an Intimacy zu loben, doch um von einem durchgehend gelungenen Film zu sprechen, sind die Schwächen zu offensichtlich. So ist spätestens nach einem Dreiviertel der Spielzeit die Story ausgeschöpft und deshalb wird aus der interessanten Charakterstudie recht bald ein Drama, das all zu vorhersehbare und konventionelle Wege nimmt. Darunter leiden dann auch Spannung und Atmosphäre. Die unausweichlichen Konflikte zwischen Jay und Claire kommen zu kalkuliert und streckenweise beinahe ein wenig zu sentimental und am Ende ertappt man sich auch dabei, ein wenig am gesamten Film zu zweifeln. An den richtigen Stellen hätte es mehr Tiefe gebraucht, mehr Poesie, mehr Philosophie, mehr Psychologie. Man hätte aus Intimacy ein filmisches Exposé über Triebhaftigkeit und die zerstörerische Gewalt der Libido machen können, doch stattdessen verliert sich alles in all zu wehleidigen Sentimentalitäten. Einerseits verschenkt der Film somit viel Potential, andererseits ist es vielleicht auch besser so, denn die Gefahr, einen solchen Ansatz gegen die Wand zu setzen, wäre wohl auch zu groß gewesen. So ist Intimacy doch noch auf der sicheren Seite und besonders zu Beginn auch psychologisch durchaus interessant.



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