Geldverleiher sind keine ausgesprochenen Menschenfreunde und verlangen für die verliehenen Moneten überdies oft genug Wucherzinsen. Clemente ist ein Vertreter dieser Zunft. Im Wesen nicht unbedingt ein Misanthrop, ist er aber auch niemand, den man unbedingt zum Freund haben möchte. Als eine Prostituierte, die er früher besuchte, ihm ein Baby aufs Auge drückt, geht ein kleines Beben durch sein durchorganisiertes Leben. Die Verantwortung fürs Kind möchte er aber keinesfalls übernehmen. Lakonischer Film, der sich stets um hintergründige Komik und einen schrägen Blickwinkel auf das Leben bemüht, dabei aber regelrecht vergisst, eine Geschichte zu erzählen.
Filme aus Peru geben sich nicht geradezu inflationär die Ehre in den deutschen Kinos. Nach dem schrägen Mix aus Ethnodrama und magischem Realismus, dem Berlinale-Sieger, Eine Perle Ewigkeit, gelangt nun hierzulande die unaufgeregte Tragikkomödie Im Oktober werden Wunder wahr in die Lichtspielhäuser. Im Mittelpunkt steht der Pfandleiher Clemente (Bruno Odar), der dieses Gewerbe von seinem verstorbenen Vater übernahm. All jene, die Kredite brauchen, von einer Bank aber nichts bekämen, wenden sich an ihn. Gegen ein entsprechendes (wertvolles) Pfand erhalten sie ihren Wunschbetrag und müssen diesen innerhalb einer festgelegten Frist wieder zurückzahlen - plus einem satten Zinsaufschlag. Wer nicht zahlen kann, verliert sein Pfand.
Clemente geht es finanziell nicht gerade schlecht. Er ist aber ein Geizknochen und Pendant, der in einem kleinen schwarzen Buch alle Geldaus- und Eingänge sowie die Fristen und Tilgungstermine fein säuberlich und mit spitzem Bleistift notiert. Seinen Wohlstand sieht man weder ihm, noch seiner Behausung an; vielleicht gehört es zu seinem Plan, auf keinen Fall danach auszusehen, als gäbe es bei ihm etwas zu holen. Freunde hat er keine, außer einen alten Mann, für den er anstelle der Bank etwas Geld aufbewahrt und seiner Nachbarin Sofia (Gabriela Velásquez), die schon lange ein Auge auf ihn geworfen hat. Den einzigen Luxus und die einzige menschliche Intimität, die er sich leistet, sind regelmäßige Besuche bei Prostituierten.
Eines Tages, als er gerade nach Hause kommt, findet er ein Baby in seiner Wohnung vor. Die Mutter, eine Prostituierte, die Clemente früher besuchte, hat ihm den Säugling hinterlassen und sich davon gemacht. Das Kind ist höchstwahrscheinlich seines. Völlig von der Situation überfordert, zieht Clemente los, die Mutter ausfindig zu machen, um ihr den Säugling zurückzugeben. Seine Nachbarin Sofia soll derweil sein Haus und den Säugling hüten. Für sie scheint das, wie die ideale Gelegenheit, zu versuchen sich in Clementes Herz zu schleichen. Und dazu ist sie bereit, ein paar äußert bizarre Rituale anzuwenden. Clemente wusste aber in seinem Leben mit Zuneigung noch nie etwas anzufangen; da kann tatsächlich wohl nur ein Wunder helfen.
Im Oktober werden Wunder wahr ist eine schräge Mischung aus lakonischem Kammerspiel und beiläufiger Sozial- wie Landesstudie. Immer wieder nimmt der Film Anlauf, eine ganz spezielle Art von Humor zu etablieren: sei es, wenn Clemente mit dem Säugling auf der Schulter versucht, seinen Geschäften nachzugehen oder durch das perspektivisch starre filmen, der mechanisch runtergeleierten Kopulationen in den Bordellen. Doch so sehr das alles in der Verknappung der Bilder und Reduzierung auf den immergleichen schrägen Blickwinkel feinherb und skurril anmuten mag, bleibt der zündende Funke leider aus.
Selbst Clementes Quest durch die Rotlichtbezirke auf der Suche nach der Mutter sorgt für keine nennenswerte Pulserhöhung. Einzig und allein, als einige tiefere Einblicke in die spirituelle Seite des Landes gewährt werden, in dem sich auf absonderliche Weise Katholizismus samt ausgeprägter Marienverehrung mit dem weitaus älteren Schamanismus vermischen, erwacht der Film zeitweise aus seiner Bilderstarre und Lethargie. Umso aber richtig verstehen zu wollen, was Sofia für einen (faulen) Zauber veranstaltet und wer der "Gott, der Wunder" (Senor de los Milagros) ist, zu dem sie jeden Tag betet, damit sich Clemente in sie verliebe, muss man vermutlich schon ein halber Ethnologe oder Anthropologe sein.
Trotz einiger sehenswerter Ansätze und ein paar Anflügen von skurrilem Witz ist Im Oktober werden Wunder wahr insgesamt äußerst zähe Kost, die erzählerisch wenig Auflockerndes bietet. Die Geschichte eines emotional extrem verhärmten Mannes, der in der Vergangenheit ausschließlich Misstrauen lernte und sich mit Handschlag-Deals durchs Leben bewegt, erinnert in ihren Grundzügen entfernt an Luc Bessons ausdruckstarkes Killerportrait Leon - Der Profi, erreicht aber nicht annähernd dessen emotionale Qualitäten; oder zeichnet auch nur im Ansatz solche Entwicklungsgänge in den Figuren. Im Versuch mit äußerstem Purismus eine berührende Geschichte zu inszenieren, geht dem Film durch seine erzählerischen Defizite und einige Redundanzen schnell der Atem aus. So kann man zwar noch lange auf ein Wunder im Oktober warten, braucht aber auf keines im Kinosaal zu hoffen.