Zwölf Jahre reichten, um aus einer zivilisierten Nation, ein Volk zu machen, das blindlings einem wahnsinnigen Regime folgte. Nicht alle Deutschen waren indes Nazis, aber die Masse schwieg und schaute meist weg. Umso notwendiger erscheint es, die kleinen Geschichten von den Menschen zu erzählen, die kaum einer kennt, die aber tapfer Widerstand leisteten. Der Dokumentarfilm Cato versucht genau dies zu tun. Leider wurde aber darauf verzichtet, dem Film eine klare erzählerische Linie zu geben. Der Versuch, aus der subjektiven Erinnerung der Angehörigen die Hauptfigur portraitieren zu wollen, erweist sich als angestrengte Geduldsprobe.
Ob Spielfilm oder Dokumentation, die NS-Zeit mit ihrem Grauen liefert ein ums andere Mal bewegende Geschichten. Nicht immer sind diese von ihrem "Potenzial" her dafür vorgesehen, zu Multimillionen teuren Produktionen, wie Schindlers Liste oder Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat, verarbeitet zu werden. Erzählt zu werden, sind diese Geschichten es aber allemal wert. Jedem Menschen, der in dieser unsäglichen Zeit den Mut besaß, offenen Widerstand zu leisten, gehört schließlich Hochachtung gezollt.
Der Dokumentarfilm Cato versucht das Leben der 1920 geborenen Cato Bontjes van Beek wiederzugeben. Einer lebenshungrigen und entschlossenen Frau, die sich tapfer im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime engagierte. In Fischerhude geboren, nicht weit von Bremen entfernt, wuchs Cato in einer Familie auf, in der Kreativität und Individualismus großgeschrieben wurden. Die meisten Familienmitglieder - Cato hatte eine Vielzahl Geschwister - betätigten sich in der einen oder anderen Weise künstlerisch. Auch sie wird von dieser freigeistigen Atmosphäre geprägt: In jungen Jahren will sie Schauspielerin, Weltreisende oder Fliegerin werden - eine weitere Leidenschaft der Familie.
In den 1930er-Jahren zieht sie nach Berlin zu ihrem Vater Jan Bontjes, einem bekannten Künstler, der Keramikarbeiten herstellt. Es ist die Zeit des Nationalsozialismus. Den Menschen geht es ökonomisch nach der großen Depression wieder gut. Jeder Deutsche hat Arbeit und das Leben etwas unbeschwertes, nahezu sorgenfreies. Die wenigsten wollen sich mit der außenpolitischen Lage belasten, auch wenn sich die Situation immer mehr zuspitzt. Ebenso, wie sich die meisten abwenden, wenn Juden ein ums andere Mal entrechtet werden. Aus einem Volk von Dichtern und Denkern ist eines von Ignoranten und Wegsehern geworden. Nicht alle nicken das Regime aber nichts-wissen-wollend ab. Mit Kriegsausbruch beginnt Cato sich zu engagieren. Ihr Vater, der der verbotenen kommunistischen Partei nahesteht, ist ebenfalls aktiv.
Zu Beginn stecken Cato und ihre Schwester Mietje lediglich französischen Kriegsgefangenen etwas zum Essen zu. Später bekommt Cato Kontakt zum organisierten Widerstand. Dort erfährt sie vom wahren Ausmaß des Grauens: von den Lagern im Osten und den Verbrechen von Wehrmacht und SS. Gemeinsam mit ihrem Freund Heinz Strelow beginnt sie Anti-Regime-Flugblätter zu produzieren. Schnell wird ihr das aber zum Verhängnis. Sie wird verhaftet, sitzt mehrere monatelang zwischen Hoffen und Bangen im Gefängnis, aus dem sie einige Briefe an ihre Mutter schreibt; stets darauf wartend, dass die Gnadengesuche am Ende Erfolg zeigen könnten.
Das Schicksal der Cato van Bontjes mag nur eine kleine Facette in dieser unsäglichen Zeit gewesen sein, doch es sind genau diese kaum bekannten Geschichten, die dazu beitragen, zumindest teilweise das Bild vom Deutschen in dieser dunklen Zeit zu revidieren. Es fällt leicht, einen Großindustriellen wie Otto Schindler herauszuheben und (richtigerweise) zum Helden zu erheben. Solange man sich aber auch daran erinnert, dass einfache Menschen wie die Aschoffs aus Unter Bauern - Retter in der Nacht und eine Cato Bontjes van Beek existierten, bleibt die Gewissheit, dass das Licht der Vernunft und die Menschlichkeit zu dieser Zeit nicht vollends erloschen waren.
So wichtig also diese vermeintlichen Randnotizen in den Geschichtsbüchern sind, ist es ebenfalls die adäquate filmische Aufbereitung des Themas. Die vorliegende Dokumentation, die nach der Hauptfigur betitelt wurde, erweist dem Ganzen einen zweifelhaften Dienst. Nicht genug damit, dass es solche Dokus als Kinoformat ohnehin außerordentlich schwer haben, bedient sich die Filmemacherin Dagmar Brendecke darüber hinaus einer reichlich gewöhnungsbedürftigen Mischung aus Off-Kommentar, in welchem Cato ihre Briefe und Tagebucheinträge "selbst" vorliest, Interviews mit den heute noch lebenden Angehörigen und Freunden sowie etwas zeitgenössischem Original-Bildmaterial.
Besonders zur Geduldsprobe gerät die erste halbe Stunde. Ohne erkennbare Struktur - nahezu zusammenhanglos - erzählen verschiedene (unbekannte) Personen über eine gewisse Cato, während man ein kleines Mädchen beim Spielen beobachten darf. Nur langsam gelingt es in der Folge, aus dem Chaos von Eindrücken die wesentlichen Informationen herauszufiltern. Der absichtliche Verzicht auf eine konventionelle Einführung erweist sich hier alles andere als förderlich. Und auch später irrlichtert der Film zuweilen in poetisch gewollten Zwischenbildern und stimmungsvoll melancholischen Übergängen, die insgesamt gesehen aber hauptsächlich Längen produzieren. Bei einer TV-Doku wäre man längst versucht gewesen, wegzuschalten; umso irritierender ist es, wenn bei einem fürs Kino bestimmten Film stilistisch derart vorgegangen wird. Trotz der Notwendigkeit, solche Geschichten in den Fokus der Öffentlichkeit zu befördern, muss eine ernstgemeinte Empfehlung für diesen Film, der in seiner Konzeption und Inszenierung weder seinem Anliegen noch dem Publikum einen Gefallen erweist, somit entfallen.