Viel nackte Haut und eine nicht sonderlich bahnbrechende Liebesgeschichte zweier Menschen, die es zuvor gewohnt waren, Gefühle in Begegnungen mit dem anderen Geschlecht von sich fernzuhalten. Das ist Love and other Drugs - Nebenwirkung inklusive vordergründig. Der Film von Edward Zwick (Unbeugsam - Defiance) droht aufgrund dieser Umstände lange in die Belanglosigkeit abzustürzen. Dass er es nicht tut, ist dem zu verdanken, was sich unter seiner Oberfläche versteckt.
Willkommen zurück in den 90ern. "Two Princes" von den Spin Doctors rauscht aus den Lautsprechern und zieht den Zuschauer - rumms! - in die Handlung hinein. Zu sehen ist Jamie Randell (Jake Gyllenhaal, Brothers), ein äußerst begabter Verkäufer von Multimedia-Geräten und charismatischer Bursche, der - auch das merkt man schnell - keine Gelegenheit auslässt. Weil Jamie es aber allzu unbedacht mit der Freundin seines Chefs treibt, verliert er seinen Job und muss sich einen neuen suchen. Sein Verkaufstalent und seine Wirkung auf Frauen kommen ihm bei seinem neuen Auftraggeber zugute. Er soll Ärzte (unter anderem Hank Azaria, Nachts im Museum 2) davon überzeugen, dass sie Medikamente des Pharmaunternehmens Pfizer verschreiben. Als ein revolutionäres Produkt namens Viagra auf den Markt kommt, beginnt Jamies Stern zu steigen.
Mit welchen schmutzigen Tricks Pharmavertreter arbeiten, hat Jamie Reidy in seinem Buch "Hard Sell: The Evolution of a Viagra Salesman" dokumentiert. Neun Jahre lang hat der heutige Autor und Journalist unter anderem für Pfizer gearbeitet, seine Enthüllungen führten zur prompten Entlassung. Es dürfte also nicht überraschen, dass auf US-amerikanischen Webseiten fleißig darüber diskutiert wurde, wie Pfizer auf die Entstehung eines Hollywood-Filmes mit potenziell gewaltiger Ausstrahlungskraft reagieren würde. Allein: der auf Reidys Buch basierende Film Love and other Drugs - Nebenwirkung inklusive behandelt nicht in erster Linie ethisch bedenkliches Gebaren im Geschäft mit Leben und Tod, sondern ist zuvorderst eine romantische Komödie.
Bei der Arbeit begegnet Jamie eines Tages die Mittzwanzigerin Maggie (Anne Hathaway, Alice im Wunderland), die an Parkinson leidet und dem Womanizer neue Horizonte aufzeigt. Maggie stichelt den Ehrgeiz des Unverbesserlichen an, weil sie gegen seinen Charme zunächst immun scheint und weil sich kurz darauf herausstellt, dass sie schlichtweg ein weibliches Pendant zu ihm ist. Die beiden beginnen eine allein auf Sex fokussierte Affäre und vereinbaren, keine Gefühle füreinander zuzulassen - eine Abmachung, an die sich Jamie nicht lange halten möchte. Die wenig originelle Geschichte zweier Verweigerer mit tief verletzten Seelchen, die an einen Punkt kommen, an dem ein anderer Mensch plötzlich Bedeutung erlangt, nimmt einen großen Teil der Handlung ein. Hier droht der Film in die Belanglosigkeit abzudriften, bietet er doch nur Altbewährtes gewürzt mit jeder Menge nackter Haut. Doch Zwick, der - lang, lang ist's her - 1999 für Shakespeare in Love einen Oscar gewann, beweist wie schon in Blood Diamond, dass er Unterhaltung mit einem Schuss Botschaft machen kann.
Je näher sich die Protagonisten kommen, desto mehr rückt der Konflikt in den Vordergrund, vor dem Jamie steht. Sein beruflicher Erfolg kollidiert mit der Sorgfaltspflicht gegenüber seiner Freundin. Maggie ist unheilbar krank, befindet sich zwar in einem frühen Stadium, hat aber keine Aussicht auf Gesundung. Mag das der Zuschauer eine Weile verdrängen, so dringt die Tatsache in dem Moment mit aller Kraft ins Gedächtnis zurück, in dem Maggie auf eine Versammlung von Gleichgesinnten geht. Es ist der Beginn von ernsteren Tönen.
Gyllenhaal und Hathaway sind für ihre darstellerischen Leistungen für einen Golden Globe nominiert worden - in der Kategorie Musical or Comedy übrigens, so weit geht das Dramatische des Films dann doch nicht. Vor allem Hathaway, die 2009 sowohl bei den Globes als auch bei den Oscars mit Rachels Hochzeit leer ausging, hätte eine Auszeichnung verdient. Ihre Ausstrahlung trägt den Film ganz entscheidend. Sie ist der unumstrittene Star eines Ensembles, in dem das nicht selbstverständlich ist. Und sie dürfte, ähnlich wie Gyllenhaal als Magnet für das weibliche Publikum, einige Neugierige in diese romantische Komödie locken. Was diese davon mitnehmen werden, ist freilich reine Spekulation. Sicher ist aber: es lohnt sich, einen Blick unter die Oberfläche von Love and other Drugs - Nebenwirkung inklusive zu werfen.