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Die kommenden Tage

(Die kommenden Tage, 2010)

Dt.Start: 04. November 2010 Premiere: 04. November 2010 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 129 min Land: Deutschland
Darsteller: Bernadette Heerwagen (Laura Kuper), Daniel Brühl (Hans), August Diehl (Konstantin), Johanna Wokalek (Cecilia Kuper), Susanne Lothar (Martha Kuper), Sebastian Blomberg (Arkadenprophet), Jürgen Vogel (Melzer), Vincent Redetzki (Philip Kuper), Ernst Stötzner (Walter Kuper)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Dr. Christina Kallas


Inhalt

In einem Berlin der nahen Zukunft sehen sich die Mitglieder einer Mittelstandsfamilie mit großen Unsicherheiten und Veränderungen konfrontiert. Während sich Cecilia Kuper aufgrund einer unerfüllten Liebe einer neuen Terrorismusbewegung anschließt, zieht ihr jüngster Bruder Philip für Deutschland in einen aussichtslosen Krieg um die letzten Ölfelder Asiens. Derweil muss sich Cecilias Schwester Laura Kuper nach einer seltenen Krankheit zwischen ihrem Wunsch nach Kindern und der großen Liebe ihres Lebens entscheiden.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Die kommenden Tage hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 64%
Kurzkritik
von Daniel Licha
Wertung von 81 für Die kommenden Tage

Die komplexe Geschichte dieser tristen Zukunftsvision gefällt von der ersten Minute, die Figuren sind zum greifen nah und gerade in den emotionalen Momenten versteht Kraume wie schon in Keine Lieder über Liebe sein Gespür für lebensnahe Figuren. Hervorzuheben sei hier die erste Szene im Krankenhaus und die darauf folgenden Minuten: Gänsehaut pur! Die starbesetzte Darstellerriege kann überzeugen, wobei Johanna Wokalek einmal mehr den Zuschauer mit ihrem Spiel verblüfft und sich auch die bislang recht unbekannte Bernadette Heerwagenin der Hauptrolle für weitere Werke empfehlen kann. Für deutsche Verhältnisse sicherlich ein sehr ungewöhnlicher Film, der vor Ideen und Szenarien nur sprüht; fast schon ein wenig zu sehr sprüht, denn wenn man dem Film etwas anlasten kann, dann dass er zu viel in zu kurzer Zeit will. Wahrscheinlich wäre eine Mini-Serie das bessere Format für die Geschichte gewesen, aber auch so ein sehr empfehlenswerter Film.

Kritik

von Benjamin Schieler
Die kommenden Tage hat eine Wertung von 46%
"Die Zukunft gehört denen, die um sie kämpfen." Mit seinem 129 Minuten langen Film Die kommenden Tage wagt sich der Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume an einen Balanceakt. Kraume, Mitbegründer der Produktionsfirma Badlands Film, vereint ein tolles Schauspielerensemble, um die Geschichte einer zerrütteten Wohlstandsfamilie mit der Vision einer um Ressourcen streitenden Zivilisation am Abgrund zu kombinieren - und schmiert mit seinem überambitionierten Versuch trotz faszinierender Ansätze letztlich dramatisch ab.

Bild aus Die kommenden Tage Berlin im Jahr 2012. Die Welt, da irrten die Mayas und Roland Emmerich, geht nicht unter. Aber die Zivilisation rollt auf den Abgrund zu. Der vierte Golf-Krieg hat begonnen, ein Ringen um die saudischen Ölquellen, ein Kampf um Energie und Überleben. Fassungslos verfolgen die Schwestern Laura und Cecilia Kuper (Bernadette Heerwagen und Johanna Wokalek) sowie Cecilias rebellischer Freund Konstantin (August Diehl) die Geschehnisse. Konstantin will ein Zeichen setzen - notfalls mit Gewalt. Als eine Protestaktion gegen den zufällig in Berlin anwesenden saudischen Ölminister aus dem Ruder läuft - mit Cecilia und Konstantin an vorderster Front - lernt das Paar auf einer Polizeistation den charismatischen Franzosen Vincent kennen. Er führt die beiden in die Untergrundorganisation "Schwarze Stürme" ein. Deren Ziel ist es, die Fundamente einer verbohrten und rücksichtslosen Gesellschaft zu destabilisieren, in der Hoffnung auf eine bessere Welt.

Im Fahrwasser von Konstantin driftet Cecilia ins Radikale ab, während Laura - die grundsolide, die bürgerliche - sich trotz aller Untergangsstimmung einzig ein traditionelles harmonisches Familienleben mit ihrer großen Liebe Hans (Daniel Brühl) und Kindern wünscht. Doch im scheinbar so perfekten Portrait der Familie Kuper werden noch weitere Risse deutlich. Der jüngste Sprössling Philipp betrinkt sich wahllos und droht sein Abitur zu vermurksen. Schuld ist das Gerücht, dass Familienoberhaupt Walter Kuper gar nicht Philipps leiblicher Vater ist und der daraus resultierende schwelende Konflikt mit Mutter Martha (leicht hysterisch: Susanne Lothar).Und als wäre das allein nicht schon belastend genug, stellt sich heraus, dass Hans und Laura biologisch inkompatibel sind. Aufgrund einer seltenen Genkrankheit können sie keine gemeinsamen Kinder kriegen.

Die Weltordnung, wie wir sie kennen, endet in Die kommenden Tage. Der Krieg um die Ölquellen breitet sich mehr und mehr aus, in Deutschland wird die soziale Kluft so offensichtlich, dass keiner sein Auge davor verschließen kann. Die Politik hat keine Antwort mehr, die Europäische Union zerbricht an ihrer Entscheidungsunfähigkeit, Zentraleuropa schottet sich gegen die scharenweise vor dem Elend ihrer Heimat fliehenden Afrikaner ab, der neue Terrorismus (der sich doch altbekannter Methoden bedient) gewinnt an Macht. Wer sich bei dieser Thematik an Alfonso Cuaróns Children of Men erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch. Kraume ließ sich während der mehrjährigen Arbeit an seinem Projekt vom Werk des Mexikaners inspirieren. Doch bei dem Deutschen läuft der Bruch der Gesellschaft nur en passant, soll nur den Rahmen bieten für die eigentliche Geschichte: die Geschichte der problemüberladenen Familie Kuper und ganz im Speziellen die Geschichte zweier grundverschiedener Schwestern und ihrer grundverschiedenen Lebensgefährten. Menschen eines Alters, die Zukunft gestalten wollen: die eigene und die der Gesellschaft, in der sie leben.

Dass die Protagonisten der Familie und ihres näheren Umfelds zu zentralen Figuren des großen Ganzen werden, ist folgerichtig. Aus dem Darstellerensemble ragen erwartungsgemäß die wandlungsfähigen August Diehl (Inglourious Basterds) und Johanna Wokalek hervor, die nach ihrem fulminanten Auftritt als Gudrun Ensslin in Der Baader Meinhof Komplex erneut eine Terroristin spielt. Daniel Brühl (an der Seite von August Diehl ebenfalls in Quentin Tarantinos Publikumserfolg aus dem Jahr 2008 zu sehen) spult routiniert sein gewohntes Programm ab, während Bernadette Heerwagens (Ich bin die Andere) biedere Rolle keine große Glanzleistung zulässt. Die Fokussierung auf Laura und Hans sowie Cecilia und Konstantin wird mit fortschreitender Zeit jedoch immer heikler. Zu stark verschmelzen Mikrokosmos und Makrokosmos miteinander, zu sehr zieht das Nebeneinander nur schwer nachvollziehbare Folgen nach sich, die sich als Handlungsschwächen herausstellen. Der experimentierfreudige Regisseur (Kismet - Würfel dein Leben und Keine Lieder über Liebe) scheitert an den eigenen Ambitionen.

Nun ist es der Dystopie immanent, dass sie erst im Nachhinein fair zu beurteilen ist. Einige Elemente von Kraumes Welt von morgen wirken tatsächlich sehr gut vorstellbar, sind zuweilen sogar schon von der Wirklichkeit eingeholt und bestätigt worden. Auch in Deutschland scheint im Herbst 2010 ein neuer bürgerlicher Geist einzukehren, eine neue Protestkultur zu entstehen. Die Politik steht dem mit einer gewissen Ohnmacht gegenüber. Doch je weiter sich Kraumes Geschichte ihrem Finale im Jahr 2020 nähert, desto mehr marschiert sie ins Unglaubwürdige, ja teilweise ins Absurde. Das gilt erneut gleichermaßen für viele Ungereimtheiten im globalen Kontext wie im privaten Fokus. "Spannend bis zum Schluss", fand der Zukunftswissenschaftler Professor Dr. Horst W. Opaschowski Die kommenden Tage. Dem ist nur bedingt zuzustimmen. Sein Verweis auf Bertold Brechts berühmten Epilog aus "Der gute Mensch von Sezuan" hingegen schon. "Ein Film mit vielen offenen Fragen", schreibt Opaschowski. Wenn der Vorhang fällt, sind es zu viele.



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Dt. Start: 09. Nov 2006
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