Was immer über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geschrieben wird oder was für eine Position eingenommen wird, der Wahrheit kann sich kaum genähert werden, da sie einzig von der individuellen Perspektive abhängt. Im unaufhörlichen Blutvergießen bleibt als einzige Gewissheit, dass ausschließlich die Vermittlung von Bildung und positiven Werten einen Ausweg darstellen kann. Am Schicksal der jungen Miral, die in Ostjerusalem heranwächst, versucht der gleichnamige Film aufzuzeigen, dass dies dort aber ein steiniger Weg ist. Interessanter Ansatz, gefühlvoll erzählt und mit künstlerischem Anspruch inszeniert, aber leider ohne einprägsamen Charakter.
Folgt man den täglichen Nachrichtenbildern der schon Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis, solidarisiert man sich, abhängig von der persönlichen Gemütslage, fast schon zwangsläufig irgendwann mit der einen oder anderen Seite. Entweder man betrachtet die Israelis als ein durch den Holocaust geschundenes Volk, das heute in permanenter Angst vor dem islamischen Terror lebt (was im Prinzip völlig richtig ist); oder man sieht in den Palästinensern im Gazastreifen und dem Westjordan-Land eine entrechtete Volksgruppe, die von Israel in eine Art Lagerhaft gepfercht und um das Recht eines eigenen Staates betrogen wird (woran prinzipiell ebenso viel Wahres ist).
Die Wahrheit in Nahen Osten besitzt also viele Gesichter. Und manche davon sind sogar die der Güte und der Menschlichkeit. Der aktuelle Film von Julian Schnabel skizziert die Leben dreier arabischer Frauen aus dieser Region, in der Zeit von der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 bis ins Jahr 1994 mit dem Friedensabkommen von Oslo endend, das den Palästinensern einen eigenen Staat garantierte und bis heute nicht umgesetzt wurde.
Die eigentliche Hauptfigur, Miral (der Name einer roten Blume, die am Straßenrand gedeiht), des gleichnamigen Films, tritt erst vergleichsweise spät in Erscheinung. In einem ausführlichen Prolog widmet sich die Geschichte zunächst Hind Husseini (Hiam Abbas), der Gründerin einer Reihe von Waisenhäusern und Schulen, worin die zahlreichen Kriegswaisen aus den immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen zwischen Israel und der arabischen Welt, wie im Sechstage-Krieg 1967, ein Heim finden und eine Schulbildung genießen konnten. Schnabel widmet sich dieser Passage, welche den Grundstein für die spätere Handlung bildet, mit sinnlich-poetischer Hingabe und porträtiert mit Zärtlichkeit eine außergewöhnliche Frau, die mit ihrer Selbstlosigkeit unendlich viel Gutes vollbrachte.
Nach einer weiteren Episode, die sich mit dem traurigen Schicksal von Mirals Mutter beschäftigt, springt der Film in die Zeit, als Miral als kleines Mädchen von ihrem fürsorglichem Vater Jamal (Alexander Siddig), dem viel an einer guten Ausbildung für palästinensische Mädchen liegt, in die Obhut von Hind Husseini gegeben wird. Dort lebt und studiert sie in Ostjerusalem am berühmten Dar-Al-Tifl-Institut. Erst aber nach dem letzten Zeitsprung, der in die Kernzeit der Geschichte, die in die Jahre zwischen 1980 und 1990 fällt, offenbart sich die eigentliche erzählerische Richtung.
Es ist eine Story abseits der medialen schwarz-weiß Malerei, die den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus den üblichen Klischees und Stereotypen heraushebt, nichts überzeichnet, niemanden glorifiziert und keinen brandmarkt. Gut und Böse existieren nicht in der Grauzone von Aktivismus, Terrorismus und militärischem Engagement. Doch Gleichzeitig findet sich immer wieder viel Menschlichkeit in dieser rauen und oft von Gewalt geprägten Region, in ganz alltäglichen Handlungen, wann immer es gelingt, nicht in strikten ethnischen oder religiösen Schablonen zu denken.
Miral ist eine interessante Mischung aus Biopic, besonders Hind Husseinis, deren Leben sich als roter Faden durch die Geschichte zieht, sowie Gesellschaftsdrama und Episodenfilm. Gerade aber der Episodencharakter erschwert den Einstieg und lässt den Film zu Beginn etwas irrlichtern. Die finale Episode, die vom Streben der fast erwachsenen Miral (Freida Pinto) nach persönlichem Glück handelt, aber auch die Sogwirkung der politischen Geschehnisse aufzeigt, in die ein junger patriotischer Palästinenser geraten kann, entwickelt zudem leider nicht ganz die Intensität, mit der zu Beginn Hind Husseini porträtiert wurde.
Damit pendelt Miral qualitativ leidlich stark. Und fast schon kompensatorisch scheint sich Schnabel, der nicht nur Regisseur, sondern auch Maler ist, auf die künstlerische Komposition aus Bildern, Licht, Farben und Klangmalereien zu verlassen, um erzählerische Defizite weniger bedeutend wirken zu lassen. Eine klarere Linie in der Inszenierung und eine bessere Balance in der Gewichtung der Episoden und der Hauptcharaktere wären hingegen weitaus sinnvoller gewesen. Miral vermag sich zwar über das Maß durchschnittlicher Nahost-Dramen zu erheben, stellt aber keinen Meilenstein in der Auseinandersetzung mit dieser Thematik dar. Schön anzusehen ist die durchaus berührende Geschichte aber über weite Strecken schon.