Kindstötung: Ein Verbrechen, welches durch zahlreiche bekannte Fälle auch in Deutschland immer wieder in den Medien präsent ist. Felix Fuchssteiner nahm sich in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm dieses Themas an. Draußen am See zeigt dabei eindringlich, wie eine Familie an dieser aufgeladenen Schuld auseinander bricht.
Der Vater Ernst (Michael Lott, Männersache) und die 14-jährige Tochter Jessika (Elisa Schlott, Giulias Verschwinden) kommen abends nach Hause. Der Hund der Familie kläfft, reißt sich los und rennt ins Schlafzimmer. Als er mit blutigen Pfoten zurückkommt, schaut der Vater nach dem Rechten. Die Mutter Tine (Petra Kleinert) hat ein Kind geboren, ganz still und heimlich, und es dann getötet. Es liegt im Schrank, eingewickelt in eine Decke. Ernst nimmt das Bündel in seine Arme, trägt es hinaus und vergräbt es beim Haus am See. Tochter Jessika sitzt in ihrem Zimmer und beobachtet das Geschehen. Als sie später versucht, ihre Eltern darauf anzusprechen, wiegeln sie ab, wollen das Verbrechen, das sie begangen haben, totschweigen.
Draußen am See behandelt ein wichtiges Thema, welches durch zahlreiche Fälle immer wieder in den Medien präsent ist: Kindstötung. Ein Neugeborenes, das erstickt wird, weil die Mutter überfordert ist, sich in einer schwierigen Lebenssituation befindet oder - wie in diesem intensiven Familiendrama - ihre Schwangerschaft verleugnet und schließlich von der Geburt vollkommen überrascht wird. Umso erschreckender ist dabei, dass die gezeigte Familie in Draußen am See eine ganz normale, gut funktionierende scheint. Zwar hat die Ehe zwischen Ernst und Tine mit kleinen Eifersuchtsproblemen und die Familie mit durch vorübergehende Arbeitslosigkeit verursachten finanziellen Problemen zu kämpfen. Doch erwartet man in diesem trotz allem gut situierten, bürgerlichen Milieu und intakten Familiengefüge nicht eine solche Tat, die so subtil inszeniert wurde, dass sich Beklemmung einstellt. Dies ist dabei der große Verdienst des Drehbuchs von Katharine Schöde und Felix Fuchssteiner.
Interessant ist dabei der Aufbau von Draußen am See. Die Szenen um die Kindstötung sind als Dreh- und Angelpunkt in der Mitte des Films eingesetzt. So kann eine Entwicklung beobachtet werden, wie sich die über 50 Minuten gezeigten, ganz normalen Probleme innerhalb einer Familie (Pubertät, Arbeit, Eifersucht) aus der Perspektive der jüngsten Tochter Jessika nach dem Ereignis verdichten, sich potenzieren. Entwickeln sich vor der Kindstötung langsam Gefühle für den Nachbarsjungen Tim (Maximilian Befort), ist danach keine normale Beziehung mehr zu ihm möglich. Jessika wird von der kleinen, sich normal entwickelnden Tochter in der Pubertät zur psychisch Kranken, die depressives, autoaggressives, gar suizidales Verhalten an den Tag legt. Das um Authentizität bemühte Alltagsdrama verwandelt sich immer weiter in eine Familientragödie. Die Familie bricht zusehends auseinander, Jessika und ihre zwei Jahre ältere Schwester Caro (Sina Tkotsch, Groupies bleiben nicht zum Frühstück) nabeln sich - was etwas unglaubwürdig daherkommt - immer stärker von ihren Eltern ab, die ein scheinheiliges Familienidyll aufrecht zu erhalten versuchen.
Bis dahin funktioniert Draußen am See sehr gut, was auch der ausgezeichneten Leistung des Ensembles zu verdanken ist. Einzig der immer wieder einsetzende Off-Kommentar von Jessika mit altklugen Bemerkungen zu Inserts, die mit der Narration als solcher nichts zu tun haben, nerven mit zunehmender Dauer ein wenig. Zudem wurde bei den Charakterzeichnungen etwas zu dick aufgetragen: Hier der labile Vater, den Arbeitslosigkeit aus der Bahn zu werfen droht, dort das zickige, allzu stereotype Barbiepüppchen von großer Schwester. Abgesehen von diesen kleinen Drehbuchschwächen ist Draußen am See, das Langfilm-Regiedebüt von Felix Fuchssteiner, jedoch ein authentisch anmutendes, beklemmendes und subtil inszeniertes Familiendrama.