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Die Unbequeme Wahrheit über unsere Ozeane

(The End of the Line, 2009)

Durchschnittliche Redaktionswertung

91%



Inhalt

Rupert Murray dokumentiert die katastrophalen globalen Auswirkungen der unkontrollierten Überfischung und beleuchtet deren Folgen, wie die Ausrottung des Thunfischs, die Überpopulation von Quallen und weltweite Hungersnöte. Dabei folgt Murray dem Journalisten Charles Clovers und zeigt dessen Konfrontation mit Politikern und Restaurant-Betreibern, die ihren Teil zu der Misere beitragen.

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Die Unbequeme Wahrheit über unsere Ozeane

Kritik

von Florian Lieb

Wertung Kritik

91%

Für 1,2 Milliarden Menschen ist Fisch der Hauptbestandteil ihrer Ernährung. Nach Ansicht von Experten könnten unsere Meere jedoch bei derzeitigem Stand in sechzig Jahren leergefischt sein. Die Schuld tragen neben den verantwortungslos handelnden Politikern auch wir selbst. Rupert Murray gelingt mit seinem Film eine wichtige Bestandsaufnahme und ein Weckruf, dem jeder Folge leisten sollte.

Bild aus Die Unbequeme Wahrheit über unsere Ozeane "Der Mensch ist verrückt. Wir und unsere Welt sind verrückt", presst Haidar El Ali hervor. Lachend, ob des Wahnsinns, der den eigenen Worten innewohnt. "Wir führen Krieg gegen die Fische", sagt Prof. Daniel Pauly, französischer Meeresbiologe der Universität in British Columbia. "Es könnte eine Straße ohne Wiederkehr sein", gibt ein konsternierter Dr. Boris Worm von der Dalhousie Universität zu Bedenken. Traurige Worte, die diese Männer finden, um eine traurige Situation zu beschreiben. In sechzig Jahren könnte es keine Fische und Meeressäuger mehr geben - und niemanden scheint es zu interessieren.

Als Charles Clover zum ersten Mal in einem walisischen Fluss zum Angeln war, fing er gleich den größten Lachs, den er je am Haken hatte. Es war einer der letzten Lachse, die dort gefangen wurden, denn es gab keine Frühjahrswanderung mehr. Und Clover, seines Zeichens Journalist beim "Daily Telegraph", begann sich zu fragen, was eigentlich mit den Fischen passiert. Erst recht, als er 1990 die falsche Pressekonferenz in Den Haag betrat, und stattdessen einen Vortrag über die Auswirkungen der Trawl-Fischerei hörte. Hierbei werden Schleppnetze hinter einem Schiff hergezogen, mit Auswirkungen, die einem Feld gleichkommen, das sieben Mal im Jahr gepflügt wird. "Das veränderte meine Sichtweise", gesteht Clover in Rupert Murrays Dokumentation Die Unbequeme Wahrheit über unsere Ozeane.

Der britische Journalist schrieb ein Buch mit dem doppeldeutigen Titel "The End of the Line" zum Thema, welches von der britischen Wochenzeitschrift "The Econimist" als "unbequeme Wahrheit über die Auswirkungen der Überfischung" bezeichnet wurde. Womit Murrays Dokumentarfilm zu seinem plakativen deutschen Verleihtitel kam, der wie ein Zwitter aus Al Gores Eine Unbequeme Wahrheit und Jacques Perrins bildgewaltigem Unsere Ozeane daherkommt. In seinem Film besucht Murray globale Brennpunkte der Überfischung: sei es Neufundland, der Senegal oder Tokio. Er führt Gespräche mit führenden Experten wie Daniel Pauly und sucht die Ursprünge und Ursachen für die aktuelle Überfischung. Denn seit Jahrhunderten fängt der Mensch Fische. Speziell in Neufundland, wo das Kabeljau-Vorkommen einst Existenzgrundlage war und die Europäer nach Kanada lockte. "Der Kabeljau ist weg", lautet nun das Urteil von Jeffrey Hutchings, Professor an der Dalhousie Universität.

Jahrzehntelang hatten die Neufundländer kein Problem mit dem Kabeljau. Dessen Bestand war so groß, dass man angeblich auf dem Rücken der Fische über das Wasser laufen konnte. "Hatte" , "war", "konnte" - Vergangenheit. Denn die riesigen Kabeljau-Mengen gab es nur bis 1992 als "das Undenkbare geschah": Der damalige Fischereiminister John Crosbie verhängte ein zweijähriges Fangmoratorium wegen Überfischung. Über Nacht verloren 40.000 Fischer ihren Job. Auch fast zwanzig Jahre später hat sich der Kabeljau-Bestand nicht erholt. Und damit ist der Kabeljau nur der Vorreiter für all die anderen Fischarten - ganz besonders für den Blauflossen Thunfisch. Er ist der begehrteste Fisch der Welt, eine Delikatesse, nicht nur als Sushi. Und er ist vom Aussterben bedroht. Der World Wide Fund for Nature (WWF) empfahl der Europäischen Union, die Fangquote für den Blauflossen Thunfisch auf 10 Tonnen im Jahr zu reduzieren. Nur so könne sich der Bestand erholen. Die EU setzte die Quote dagegen drei Mal so hoch an.

"Kein Tag, an dem die EU sich mit Ruhm bekleckert hat", kritisierte der damalige britische Fischereiminister Ben Bradshaw. Insbesondere wenn man bedenkt, dass in Wirklichkeit doppelt so viel Blauflossen Thunfisch gefangen wird, wie die EU festlegte - und damit sechs Mal so viel, wie der WWF empfohlen hat. Gegen die technische Entwicklung haben die Tiere keine Chance sich zur Wehr zu setzen. Der Mensch führt weniger einen Krieg gegen die Fische als vielmehr einen Genozid. Abgesegnet von der Politik. Seit Beginn des industriellen Fischfangs 1950 ging die Zahl der großen Fische um 90 Prozent zurück, so eine Statistik von Boris Worm. Eine Zahl, die manche Kollegen als falsch abtun, seien es doch "allenfalls" 70 Prozent. Was die Lage jedoch keineswegs weniger prekär macht. Und die Zahlen, die Murray zu Tage fördert, werden nicht beruhigender. 1,4 Milliarden Haken werden jährlich ausgeworfen, mit denen man die Erde 550 Mal umwickeln könnte. Ein Zehntel der gefangenen Fische wird tot zurück ins Meer geworfen, weil sie keine Verwendung finden.

Seit 1988 geht der Fischbestand der Weltmeere zurück, doch festgestellt wurde dies erst 2002 - 14 Jahre zu spät. "Die See hat uns im Stich gelassen", ruft ein senegalesischer Fischer resignierend und zeugt damit von der Verantwortungslosigkeit der Menschheit. Das Motto lautet: nach uns die Sintflut. Fischerei ist ein Geschäft des Moments. Je weniger Blauflossen Thunfisch es gibt, desto mehr lässt sich für die Menge verlangen, die man sein eigen nennt. Und wenn die Gattung ausgestorben ist, kommt einfach die nächste dran. Bis es keinen Fisch mehr gibt. Bis er zur Erinnerung in den Biologiebüchern unserer Urenkel verblasst ist. Denn auch mit dem Lösungsansatz der Fischfarmen umgeht man das Problem der Überfischung nicht, sondern macht es nur noch schlimmer. Denn die gezüchteten Fische werden mit Fischmehl gefüttert und für dieses wiederum weiterhin die Meere leergefischt.

"Es könnte eine Straße ohne Wiederkehr sein", so das Urteil von Boris Worm. Und in Alaska scheint man bereits zu reagieren. Hier wird vorausgedacht, für die nächsten zehn, zwanzig Jahre, in denen man ebenfalls Fische fangen möchte. Daher gibt es nur ein bestimmtes Zeitfenster für die Fischer - die Fangquote wird somit reguliert. Die Überfischung stoppen kann aber ein Charles Clover nicht alleine, auch kein Bundesstaat wie Alaska. Hierzu bedarf es verantwortungsvoll handelnder Politiker und Menschen, die bereit sind, ihre Ernährung umzustellen. "Wissen gibt Ihnen die Macht, das eigene Verhalten zu ändern", richtet sich Die Unbequeme Wahrheit über unsere Ozeane zum Schluss an den Zuschauer. Dieses Wissen haben Charles Clover mit seinem Buch und Rupert Murray mit seinem Film bereitgestellt. Für Veränderungen sind wir jedoch selbst verantwortlich. Ehe es dafür zu spät ist.

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