Noch ein negatives Beispiel für den Remake-Wahn der Traumfabrik: Die Thrillerromanze The Tourist, das Hollywooddebüt von Das Leben der Anderen-Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, säuft trotz zahlreicher Oscar-Preisträger in der Crew in den Drehbuch-Untiefen von Venedigs Kanälen ab.
Pünktlich zur Vorweihnachtszeit wird insbesondere der Heimkinobereich wieder von einer wahren US-Remakeflut heimgesucht. So erhielt u.a. der schwarze Brit-Humor in Sterben für Anfänger durch die mit Schwarzen besetzte Komödie Sterben will gelernt sein seine amerikanisierte Version, der packende deutsche Psychothriller Das Experiment mit dem flachen Reißer The Experiment. Und das Remake des eher mediokren französischen Agententhrillers Anthony Zimmer schafft es dank Johnny Depp und Angelina Jolie in den Hauptrollen unter dem Titel The Tourist gar in die Lichtspielhäuser der Republik.
Doch sind Entstehungsgeschichten von Big-Budget-Produktionen manchmal interessanter als die Filme selbst - so auch bei The Tourist. Waren zunächst Lasse Hallström (Das Leuchten der Stille) und Bharat Nalluri für den Regiestuhl im Gespräch, wurde es dann Florian Henckel von Donnersmarck, der nach Querelen mit dem potenziellen Hauptdarsteller Sam Worthington eigentlich schon ausgestiegen war. Und wären diese tratschigen Trivia nicht genug, werkelten am Ende turbulenterweise gar drei renommierte Schreiber am Skript mit: Neben Florian Henkel von Donnersmarck (Oscar für Das Leben der Anderen) auch Christopher McQuarrie (Oscar für das Die üblichen Verdächtigen-Skript) und Julian Fellowes (Oscar für das Gosford Park-Drehbuch). Gebracht hat es jedenfalls nichts, betrachtet man das holprige Ergebnis, bei dem ein einfallsloser Kritiker nicht umhin kommt, das Sprichwort mit den vielen Köchen und dem verdorbenen Brei zu bemühen.
Dabei ist die Story von The Tourist durchaus um Eleganz bemüht. Die abtrünnige Agentin Elise Clifton-Ward (Angelina Jolie, Salt) zieht die Aufmerksamkeit von Interpol-Agenten auf sich, weil sie der Kontakt zum mysteriösen Gangster Alexander Pearce ist, der der britischen Regierung 744 Millionen Dollar an Steuergeldern schuldet und ständig Aussehen und Identität wechselt. Zeitgleich macht jedoch auch der halbseidene Casino-Besitzer Shaw (Steven Berkoff), der von Pearce bestohlen wurde, Jagd auf ihn. Als Ablenkungsmanöver spricht Elise den netten Mathematiklehrer Frank Tupelo (großartig: Johnny Depp, Alice im Wunderland) im Zug nach Venedig an, damit alle glauben, dies sei Pearce. Frank versteht die Welt nicht mehr, als er über Dächer und Kanäle von skrupellosen Gangstern und Agenten verfolgt wird.
Da jedoch in diese leidlich spannende, dahinplätschernde 08/15-Thrillerstory, die zwischen pseudo-raffinierten Hitchcock- und nebligen Wenn die Gondeln Trauer tragen-Anleihen hin und her schwappt, eine kitschige Liebesgeschichte hineingepanscht wird, setzt sich The Tourist abseits all der pittoresken Aufnahmen von Venedig und Frau Jolie (aber nur angezogen!) zwischen alle Genre-Stühle. James Newton-Howards voluminöser Streicherscore zwischen Himmel-voller-Geigen-Geschmachte und So-ähnlich-wie-Bourne-Dynamik wirkt ähnlich unentschlossen. Das wäre jedoch halb so schlimm, würde nicht spätestens zum Grande Finale am Canal Grande sämtliche Logik in übelriechenden Drehbuch-Abwässern aus Überkonstruiertheit und Ungereimtheiten ersaufen.
Johnny Depp spielt seine Rolle mit Mut zur Trotteligkeit, sorgt u. a. mit seinem Spanisch in einer Konversation mit Italienern gar für ein paar Lacher, während Angelina Jolie stets auf einen gut aussehenden, eleganten Kleiderständer reduziert bleibt. Florian Henckel von Donnersmarck übt sich bei seiner handschriftfreien, aber soliden Inszenierung in Schadensbegrenzung, kann jedoch auch seine Limitiertheit bei der Regie von Actionszenen, von denen es nur sehr wenige in den Film geschafft haben, nicht verbergen. Eigentlich schade, wenn man bedenkt, wie wenig bei so viel hochdekoriertem Personal herausgekommen ist. The Tourist ist trotz Starpower leider nicht mehr als eine schicke Ansichtspostkarte mit ein paar banalen Grüßen aus dem Abenteuerurlaub.