Raymond Carver gehört zu einem der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. So sehr die übertrieben Fiktion uns packen mag, einzig das Authentische, das Reale kann uns wahrlich berühren. In seinen Geschichten geht es um das Leben, wie es nun mal ist. Das Phänomen eines gewissen natürlichen Voyeurismus hat Carver stets zu bedienen gewusst. Sigmund Freud hingegen, Begründer der Psychoanalyse, wusste andererseits, dass kaum ein Thema die Psyche und damit maßgeblich das Leben eines jeden Menschen so sehr beeinflusst wie seine eigene Sexualität. Er sah in Trieben die Impulse menschlichen Verhaltens.
Unter Berücksichtigung dieser Fakten erscheint Edward Burns Film Seitensprünge in New York nur konsequent in seinem Bestreben um das Interesse seiner Zuschauer. Gezeigt wird das Leben von sieben Protagonisten (man erinnere sich an dieser Stelle an die 22 Hauptdarsteller in Robert Altmans Short Cuts), die in New York ihrem Alltag nachgehen. Wie bei Woody Allen geht es hierbei vor allem um deren Sexualleben mitsamt den Irrungen und Wirrungen, die sich so ergeben. So kompliziert wie manch anderer Episodenfilm ist Seitensprünge in New York wahrlich nicht. Edward Burns versteht es, die Geschichte so zu erzählen, dass der Zuschauer stets den Überblick behält. Die Schauspieler tun ihren Part, um ihren Charakteren ein Höchstmaß an Glaubwürdigkeit und Realismus zu verleihen. Daher liest sich auch die Cast-Liste wie der Wunschzettel eines anspruchsvollen Kinogänger: Edward Burns, Dennis Farina, Rosario Dawson, Stanley Tucci, Heather Graham, David Krumholtz und Brittany Murphy.
Seitensprünge in New York verrät bereits, inwiefern der Film zu verstehen ist: es ist wie ein Spaziergang durch New York, bei dem man über dessen Bürgersteige flaniert und dem bunten Treiben der Liebenden zusieht. So führt auch so manche schöne Kamerafahrt durch die Pflaster der pulsierenden Stadt, während bei Innenaufnahmen vorwiegend Totalen der Hauptdarsteller einzelne Elemente dieser 'Liebesstory' aufgreifen. Dabei darf man nicht irrgeleitet werden, es handele sich dabei um eine schnulzige Verfilmung des New Yorker Liebesleben. Vielmehr kann man darin eine gelungene Momentaufnahme aus dem Leben einiger New Yorker Bürger sehen, eine Erzählung über die Soziologie der Großstadt - ohne jemals zu werten oder zur Wertung zu verführen. So kann man einerseits für Griffin, einem fremdgehenden Zahnarzt, Sympathie verspüren und doch verurteilen, was er tut - es ist als bekäme man einen neutralen Bericht über einen guten Freund erzählt, um sich so seine eigene Meinung zu bilden. In dieser Hinsicht steckt in dem Film viel Potenzial, gleichermaßen zu unterhalten und doch reale Sehnsüchte, hinterfragende Gedanken, ja beinahe auch Eifersucht hervorzurufen. Auch wenn es nur ein Film ist: wie bei Carver steckt hierin viel Realitätsnähe und so kann sich der Zuschauer mit vielen der Geschichten identifizieren, weil er sie selbst erlebt hat oder Leute kennt, die es erlebt haben.
Der Film empfiehlt sich in jeder Hinsicht. Er ist äußerst gelungen realisiert und dürfte so manchen Kinogänger erfreuen. Wer allerdings Filme nicht mag, in denen viel geredet wird, sollte sich lieber Blade II oder The Scorpion King ansehen. Leute, die gerne solide Episodenfilme sehen, kann die Hommage an Carver und Freud nur empfohlen werden.