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Prodigal Sons

(Prodigal Sons, 2008)

Dt.Start: nicht bekannt Premiere: 29. August 2008 (Festival, USA)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 86 min Land: USA
Darsteller: n/a
Regie: Kimberly Reed
Drehbuch: nicht bekannt


Inhalt

Als Kimberly Reed zu einem Klassentreffen in ihre Heimatstadt in Montana, USA, fährt, muss sie sich darauf vorbereiten, ihren ehemaligen Freunden ihr neues Ich zu präsentieren. Denn als Kimberly die Stadt verließ, war sie der Star-Quarterback des Football-Teams und einer von drei Brüdern. Ihre psychische Transformation zur Frau wird jedoch von den nostalgischen Erinnerungen ihres adoptierten Bruders Marc behindert. Dieser leidet nach einem Unfall an Wutanfällen. Als er herausfindet, dass er der Enkel von Orson Welles und Rita Hayworth ist, scheint jedoch eine Besserung aufzutreten.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Prodigal Sons hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 38%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Florian Lieb
Prodigal Sons hat eine Wertung von 38%
Manche Geschichten sind so abstrus, dass sie eigentlich nicht wahr sein können. Und wenn sie es dann doch sind, fällt es einem umso schwerer, sie zu glauben. Kimberly Reed liefert eine verrückte Dokumentation ab, die vielfach gefeiert wurde und auf Kosten ihres inzwischen verstorbenen Bruders gedreht wurde. Was das ganze Projekt tragisch und qualitativ minderwertig macht.

Bild aus Prodigal Sons Paul McKerrow war einst der Star-Quarterback seines High-School-Teams. Umjubelt von den Zuschauern, beliebt bei den Frauen. Damals galt er unter seinen Mitschülern als die Person mit den besten Zukunftsaussichten. "Jetzt hoffte ich einfach, dass sie mich nicht auslachen würden", erzählt Paul McKerrow, der inzwischen Kimberly Reed heißt. Man sieht Kimberly ihre Geschlechtsumwandlung an. Die breiten Schultern, die große Statur. Im Laufe der Dokumentation erzählt Reed, dass sie schon zu Schulzeiten unsicher war ob ihrer sexuellen Orientierung. Als sie zum Klassentreffen erscheint, lacht sie keiner aus. Ihre Freunde erinnern sich an die vergangene Zeit. "Paul" hier und "Paul" da - Reed lächelt und tanzt mit ihrer mitgereisten Freundin. Heile Welt - fast.

Denn Reed trifft nicht nur auf ihre alten Schulkameraden, sondern auch auf ihren großen Bruder Marc. Die McKerrows adoptierten ihn, weil sie dachten, sie könnten keine Kinder kriegen. Kurz darauf wurde Carol McKerrow mit Paul schwanger, später nochmals mit einem anderen Sohn. Wie Prodigal Sons herausarbeitet, hatte Marc kein leichtes Leben. In der Vorschule hatte er Probleme, musste ein Jahr wiederholen und kam schließlich in dieselbe Klasse wie Paul. Fortan stand er stets im Schatten des gutaussehenden Bruders und Sport-Stars. "Marc hätte alles dafür gegeben, der Mann zu sein, der ich nie sein wollte", resümiert Reed irgendwann aus dem Off ins Mikro: "Wir wurden beide von denselben Erinnerungen geplagt".

Hinzu kommt dann noch, dass Marc mit 21 einen schweren Unfall hatte, bei dem ihm ein Teil seines Gehirns entfernt werden musste. Was es genau für ein Unfall war, wird nie erläutert. "Es war eine harte Zeit", gibt Marc konsterniert zu Protokoll. Auf jeden Fall führten der Unfall und die Entfernung eines Teils des Gehirns zu Wutanfällen bei Marc, die scheinbar unkontrolliert auftreten. In einem Moment spricht er ganz ruhig, im nächsten Augenblick werden Bilderrahmen eingeschlagen, auf seine "Schwester" eingeprügelt und mit einem Messer an Weihnachten auf die Familie losgegangen. In diesen Momenten fragt man sich, wie Marc es eigentlich zu seiner Ehefrau und der gemeinsamen Tochter gebracht hat. Erklärungen könnte ein Arzt bieten. Oder besser noch: Marcs Arzt. Denn er hat einen, schließlich muss er den ganzen Tag Medikamente schlucken. Aber mit Marcs Arzt oder irgendeinem Arzt spricht Reed nicht.

Schließlich geht es in Prodigal Sons nicht um Marc, sondern um Kimberly. Selbst dann, als sich herausstellt - aus heiterem Himmel -, dass Marcs biologische Mutter die Tochter von Orson Welles und Rita Hayworth war. Endlich kriegt Marc die Aufmerksamkeit, die ihm Zeit seines Lebens von seinem Bruder Paul geraubt wurde. Gemeinsam fliegt er mit Frau, Tochter und natürlich auch Kimberly nach Kroatien, um dort Oja Koder, Welles' langjährige Lebensgefährtin bis zu seinem Tod, zu treffen. Es fließen Tränen, es wird umarmt. Herzschmerz. Dann zeigt Marc Kindheitsphotos, auf denen natürlich auch Kimberly beziehungsweise Paul zu sehen ist. Diese fühlt sich unwohl, spricht das auch später an. Sie scheint gefangen in den Erinnerungen ihres Bruders. Dieser spricht sie abwechselnd mit "er" und "sie" an, erscheint immer noch unsicher ob der Geschlechtsumwandlung seines Bruders.

Nur: Mit den Erinnerungen der ehemaligen Klassenkameraden hat Kimberly kein Problem. Eine heuchlerische Prozedur, die Marc zum Problemfall werden lässt. Immer wieder heißt es: "Wir waren uns näher als je zuvor". Um dann abgelöst zu werden von Gewaltszenen. Marc, der ausflippt und losprügelt. Marc, der komischerweise alleine zum Familienweihnachten kommt und dort zu einem Messer greift. Die Familie ruft die Polizei, Marc verbringt die Feiertage erst im Knast, dann in einer Anstalt. "Das ist das Beste, was passieren konnte", sagt die Mutter und Reed ergänzt: "Mein Bruder und ich waren uns noch nie näher". Man wartet auf das Statement eines Arztes. Auf den damaligen Unfallhergang, auf die Entfernung des Gehirnes, auf die Folgen, auf Erklärungen für Marcs Verhalten. Warum er neue Medikamente bekam und es ihm besser, dann jedoch wieder schlechter ging. Man wartet vergeblich. Prodigal Sons ist kein Film über Marc - Marc ist nur Mittel zum Zweck.

Ein Statement seiner Frau, die sich im Laufe der Dokumentation von ihm scheiden lässt, fehlt ebenfalls. Flippte Marc öfter aus? Schon während der Ehe? Ihr gegenüber? Der Tochter gegenüber? Man weiß es nicht. Vermutlich nicht, sonst hätte Reed es integriert, es ausgewälzt. Ausgenutzt. Als der Polizist an Weihnachten erscheint, fragt er, ob alle Anwesenden dabei gewesen seien, als "was auch immer passierte, was passiert sein soll". Dass er dabei von einer Kamera aufgezeichnet wird, stört ihn nicht. Dies passiert in der Hälfte der Doku, die sich bereits zu diesem Zeitpunkt wie eine Farce anfühlt. Eine abstruse Geschichte, die sich Charlie Kaufman und Pedro Almodóvar zusammen nicht besser hätten ausdenken können. Eine seltsame Familie, diese McKerrows. Drei Söhne hat sie, Carol McKerrow. Der Älteste hat einen Hirnschaden und ist der Enkel von Orson Welles und Rita Hayworth. Der Zweitälteste hat sich zur Frau umoperieren lassen. Der Jüngste, Todd, ist homosexuell. Was denkt diese Frau, was empfindet sie? Dass sich ein Sohn zur Frau operieren lässt oder homosexuell ist, kann ja vorkommen. Aber bei all dem, was sich bei den McKerrows abspielt, müssen mehr Emotionen da sein, als Reed einfängt.

In Gesprächen nach dem Film gesteht Reed, dass sie schon immer Angst vor Marc hatte. Schon als Kind. Aber nun seien sie sich näher als jemals zuvor. "Nun", das heißt: Jetzt wo ich mit meiner Dokumentation durchs Land reise, gemeinsam mit meiner Mutter, meiner Freundin und meinem Bruder. Während Marc in einer Anstalt sitzt, allein. Ohne Frau und Tochter. "Meine Beziehung zu ihm ist besser als je zuvor", lächelt Reed ins Publikum. Man will es ihr nicht glauben. Dann schiebt sie Onkel Glenn in die Kamera. Niemand hat Marc mehr unterstützt als Onkel Glenn. In Prodigal Sons sieht man Onkel Glenn jedoch kaum. Genauer gesagt nur ein Mal und da wird seine Beziehung zu Reed hervorgehoben. Aber Kimberly und Marc sind sich näher, als sie es je waren. Obschon sie tausende Kilometer getrennt sind. Obschon sie sich für die filmische Dekonstruktion ihres Bruders feiern lässt, während dieser am 18. Juni 2010 verstarb. Seine Mutter würde wohl sagen, dass es das Beste ist, was passieren konnte. Zumindest für die McKerrows.



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