Eine berechnende Businessfrau, die sich auf eine Reise begibt, um ihr früheres kindliches Ich wiederzuentdecken, und Sophie Marceau in der Hauptrolle. Das hört sich nach Potenzial für einen sinnlichen Trip an. Der kreative Ansatz wurde aber leider derart uninspiriert umgesetzt und intensitätslos inszeniert, dass Vergissmichnicht wirkt, als wäre er gemacht worden, da er zufälligerweise auf der To-Do-Liste stand. Wirklich schade um die verschwendete Idee.
Sophie Marceau auf der großen Leinwand stellt fast immer ein außergewöhnliches Erlebnis dar. Das süße Mädchen, das in der 80ern auf Feten ging, Kuschelblues tanzte und hoffte, dass sich ihr Märchenprinz sich in sie verlieben würde, ist längst zur Diva des französischen Films gereift. Letztes Jahr war sie in den deutschen Kinos in einer Nebenrolle in Lol - Laughing out loud zu sehen; einem Film, der ein wenig wie eine Neuauflage von La Boum wirkte; dieses Jahr hatte sie bereits eine Hauptrolle in Auf der anderen Seite des Bettes, einer frechen Komödie über Geschlechterstereotypen und Rollentausch; und nun legt sie mit Vergissmichnicht noch einen nach.
Marguerite (Französisch ausgesprochen) ist eine überaus durchsetzungsfähige Karrierefrau, die früh lernte, in der männerdominierten Geschäftswelt auf Augenhöhe mit den andersgeschlechtlichen Alphatieren mitzuspielen. Um gar keine Schwäche zu zeigen, änderte sie sogar ihren Namen in Margaret (Englisch ausgesprochen). In der internationalen Businesswelt wird ohnehin nur Englisch gesprochen. Liiert ist Marguerite/Margaret (Sophie Marceau) mit einem Top-Manager, mit dem sie gemeinsam in einem großen Konzern arbeitet, der mit Kernkraftwerken handelt. Privatleben gibt es kaum und falls bei ihr früher etwas wie ein Kinderwunsch existierte, ist der längst ihrer Karriere zum Opfer gefallen.
Nun plötzlich, an ihrem 40. Geburtstag erhält sie Post aus der Vergangenheit. Briefe, die sie als siebenjähriges Mädchen verfasste und in denen sie festhielt, was sie alles sein möchte, wenn sie eines Tages groß ist - und natürlich auch all jenes, was sie keinesfalls werden wollte. Diese Briefe deponierte sie bei einem Notar und veranlasste, dass sie ihrem erwachsenen Ich in der Zukunft an seinem 40. Geburtstag zugestellt werden. Margaret ist von diesem infantilen Unfug zunächst alles andere als begeistert und pfeffert die Briefe in den nächsten Papierkorb, um sie gleich anschließend wieder herauszuholen. Irgendwie treibt sie doch die Neugier, sich selbst noch einmal durch Kindesaugen wahrzunehmen.
Vergissmichnicht stellt gleich im doppelten Sinne ein Reise zu sich selbst dar: Da ist einerseits die siebenjährige Marguerite, die sich vorzustellen versucht, was sie viele Jahre in der Zukunft wohl für ein Leben führen wird und auf der anderen Seite die harte Businessfrau, die vielleicht die letzte Chance ergreift, darüber zu reflektieren, was für ein Mensch sie einstmals war und was sie für einer wurde. Somit erinnert der Film vom Motiv her ein wenig an The Kid - Image ist Alles, doch die Gemeinsamkeiten erschöpfen sich bereits bei dieser oberflächlichen Ähnlichkeit.
Steril und lustlos heruntergespielt wirkt diese Reise, die im Grunde viel Poetisches enthalten könnte. Und was besonders für einen französischen Film negativ ins Gewicht fällt: Er scheint ohne jegliches Gespür für Witz, Ironie und Charme inszeniert worden zu sein. Immer wenn man denkt, jetzt eine Pointe oder eine schräge Wendung, plätschert die schon fast im Belanglosen erstickende Handlung weiterhin nivelliert vor sich hin. Das einzige, was auch nur im Entfernten an etwas wie einen Running Gag heranreicht, ist das ewige: Speak Englisch - Speak French, welches sich Margeret und ihr Freund im Streit oft gegenseitig an den Kopf werfen; und das als Metapher für jetzt sind wir geschäftlich oder jetzt reden wir privat verstanden werden kann. Das mag auf kalte Businessmenschen zielen, die über Ein-Aus-Schalter verfügen, die sie betätigen, um ihre Persönlichkeit nach Belieben umzuschalten; als satirische Spitze verfehlt dieses Element in Vergissmichnicht aber leider seine Wirkung.
Man muss sich an Sophie Marceau nun schon gar nicht sattsehen können, um mit diesem Streifen warm zu werden. Neben seinem offensichtlichen Charmedefizit und dem Verfehlen dessen, was er beim Publikum auslösen wollte, stellt sich noch die Frage, für wen dieser Film eigentlich gemacht wurde: Die kindliche Sicht kommt viel zu kurz, um eine jüngere Zielgruppe zu begeistern (vom Mangel an Witz ganz abgesehen); der Erwachsene Zuschauer wird sich aber ebenfalls kaum hineingezogen fühlen, angesichts der Tatsache, dass die Charaktere viel zu oberflächlich gezeichnet wurden, so dass es zwangsläufig nicht berühren kann. Mit oder ohne Marceau: Dieser Film ist ein echter Flop.