Howl - Das Geheul Poster

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Howl - Das Geheul

(Howl, 2010)

Dt.Start: 06. Januar 2011 Premiere: 21. Januar 2010 (Sundance Film Festival, USA)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 84 min Land: USA
Darsteller: James Franco (Allen Ginsberg), Mary-Louise Parker (Gail Potter), Jon Hamm (Jake Ehrlich), Jeff Daniels (Professor David Kirk), David Strathairn (Ralph McIntosh), Treat Williams (Mark Schorer), Alessandro Nivola (Luther Nichols), Aaron Tveit (Peter Orlovsky), Bob Balaban (Judge Clayton Horn), Todd Rotondi (Jack Kerouac), Allen Ginsberg, Jon Prescott (Neal Cassady), Cecilia Foss (Beatnik Poet)
Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman
Drehbuch: Rob Epstein, Jeffrey Friedman


Inhalt

Mit seinem wachrüttelnden Gedicht "Howl" sorgte der 29-jährige Allen Ginsberg im Jahre 1955 für einen Skandal, dem einer der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte der Literatur des 20. Jahrhunderts folgte. Vor dem Gericht in San Francisco stand nicht nur der Dichter selbst. Auch sein Verleger Lawrence Ferlinghetti musste sich und seinen Verlag City Lights vor der Justiz verteidigen. Die Anklage warf den Angeklagten Obszönität vor und so entbrannte ein Kampf um Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Howl - Das Geheul hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 70%
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Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Howl - Das Geheul hat eine Wertung von 70%
Gesellschaften wandeln sich nur von innen. Umso wichtiger sind in jeder Generation Menschen, die verkrustete Strukturen aufbrechen. Schriftsteller und Poeten sind nun nicht gerade diejenigen, welche Umstürze planen, Literatur und Lyrik vermögen dennoch die Grundfesten einer Gesellschaft zu erschüttern. In den 1950er Jahren tritt im puritanischen Amerika ein junger Dichter an, mit seinen provokanten Versen, die intellektuelle Rebellion zu proben. Howl - Das Geheul versucht sich an der umfassenden Aufgabe, den Dichter, sein Werk und den damaligen Zeitgeist abbilden zu wollen. Das Unterfangen gelingt sogar, aber der Funke will dennoch nicht ganz überspringen.

Bild aus Howl - Das Geheul Während man hierzulande im Parlament darüber berät, ob homosexuelle Paare in Zukunft in der Lage sein sollen, über das Kind des Lebenspartners hinaus auch fremde Kinder adoptieren zu dürfen, werden in der selbsternannten Vorzeigedemokratie der westlichen Welt in manchen Bundesstaaten (wieder) Gesetze erlassen, die homosexuellen Verkehr unter Strafe stellen. Nein, das alles ist nicht etliche Jahrzehnte her - es beschreibt den aktuellen Trend. In den westlichen europäischen Staaten ist es längst kein Aufreger mehr, wer, wo, wie und mit wem homosexuell lebt. Höchstens der italienische Staatschef erhitzt zuweilen die Gemüter, wenn er öffentlich die Meinung kundtut, es wäre besser, als lüsterner Sexgreis gerademal volljährigen Damen den Hof zu machen, als schwul zu sein. Über dem großen Teich ist die Situation weniger entspannt. Verklemmte gestrige Moral, Prüderie und erzkonservative Weltanschauung verhindern (immer noch), dass alle Menschen leben können, wie sie es selber für richtig erachten.

Was heutzutage mitunter die persönlichen Freiheitsgrade einengt, sorgte in den 1950er Jahren in den USA für Jugendrevolten auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln. Es war die Zeit von James Dean und Elvis Presley; Rollenvorbildern, die den jungen Menschen Hoffnung machten, den Muff der vorherrschenden konservativen Doktrin überwinden zu können. Rockabillys und Beatniks rebellierten jeder auf seine Weise. Zu dieser Zeit tritt der junge Lyriker Allen Ginsberg in Erscheinung. Seine Dichtung ist mehr als extravagant: sie ist provozierend, erotisierend, abenteuerlich und aufrührerisch. Er nimmt Anleihen beim englischen Philosoph William Blake und beim amerikanischen Mystiker Walt Whitman. Ginsberg ist beeinflusst vom Jazz, vom Buddhismus, von Drogen, ist politisch links-revoluzzerisch und anarchistisch. In seine Texte fließen überdies viele offenherzige Bilder sexueller Praktiken ein, vor allem homosexueller. Er findet viele Anhänger, sein Hauptwerk Howl (1956) erregt zuletzt gar so viel öffentliches Interesse und fördert den gesellschaftlichen Skandal, dass er sich dafür vor Gericht verantworten muss.

Der Film, der im Titel den Namen des berühmtesten Gedichtes Allen Ginsbergs trägt, versucht gleichermaßen die Stimmung der Zeit wiederzugeben, ist somit auch als chronistisches Werk zu verstehen; vor allem aber stehen die Verse im Mittelpunkt, die ein ums andere Mal rezitiert werden. Begleitet wird die Stakkato-Lyrik, von psychedelisch anmutenden Animationen, welche die Verse illustrieren. Die Ästhetik dieser Bilder birgt auf jeden Fall viel Experimentelles, ob man diese Visualisierung aber als gelungen oder nicht ansehen will, bleibt jedem selbst überlassen. Howl - Das Geheul entwickelt eine Vielschichtigkeit und Komplexität, die sich aus den unterschiedlichen Stilmitteln zusammenfügt und mit der Vielfalt der Genre-Elemente, die dort einfließen, ein manisches Ganzes bildet: Real-, wie Trickfilm, Biopic, Spielfilm-Dokumentation mit Interview-Charakter und Gerichts-, wie Gesellschaftsdrama. Dieses bunte Potpourri macht Howl - Das Geheul ebenso einzigartig, wie es dem Film zugleich etwas Rastloses, Unstetes und Wirres verleiht.

Zu den stärksten Augenblicken gehören mit Sicherheit die Momente, in denen Ginsberg - ganz fabelhaft von James Franco gegeben - über die Inspiration des Schreibens spricht: Interessant ist dieser Einblick in die Poetenpsyche für jedermann, faszinierend gerät dieser Trip aber besonders für all jene, die sich selbst schon einmal mit der Kunst des Schreibens auseinander setzten. Neben diesen tiefen Einblicken ist es besonders die Gerichtsverhandlung, die raumgreifend wirkt. Aus heutiger und insbesondere aus europäischer Sicht ist es eine reine Farce, Literatur verbieten zu wollen, wenn darin Begriffe wie: Ficken, Muschi, Schwanz und ähnliches auftauchen; zur Realsatire gerät die Vorstellung aber vollends, wenn über den "Wert" von Literatur als solche entschieden werden soll.

Es ist stets Kennzeichen eines politisch restriktiven Systems, wenn Kunst nach ihrer "Sinnhaftigkeit" in irgendwelche Kategorien gezwängt wird. Diesbezüglich gab es in Deutschland unsägliche zwölf Jahre, in denen entschieden wurde, was sein darf und was keine Existenzberechtigung besitzt. Das Kuriose mit den USA ist aber, dass sie als demokratischer Staat zuweilen solche Verhaltensweisen nicht ganz ablegen können. Allen Ginsberg leistete für seine Generation und die folgenden Pionierarbeit und brach einiges an diesen verkrusteten Strukturen auf. Als Nichtamerikaner vermag man die Leistung aber nicht ganz nachfühlen können, da solche Denkmuster so völlig abwegig erscheinen. Ginsberg, der Dichter; Howl, das Gedicht; und Howl - Das Geheul, der Film, sind trotz des grundsätzlich universellen Themas somit ein eher amerikanisches Ding. Und dem Film gelingt es nicht vollends, das Publikum in diese Zeit und diese Gesellschaft zu entführen. So sitzt man meist staunend davor, lauscht hypnotischer Beatnik-Lyrik, lässt sich mit halluzinogenen Bildern beflirren und ist schlussendlich der Meinung, es war zumindest nicht verkehrt, dabei gewesen zu sein.



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