Zwei Männer und eine Frau, ausgebildete Mossad-Agenten, die ein einziges Ziel haben: einen Nazi-Kriegsverbrecher zu fangen und ihn nach Israel zu bringen, damit er vor ein Gericht gestellt werden kann. Eine offene Rechnung ist eine intensive wie beklemmende Erfahrung, ein Agentenfilm, bei dem die Charakterzeichnungen im Vordergrund stehen und eine doppelbödige Geschichte, bei der oft einiges nicht so ist, wie es scheint. Trotz eines Finales, das seinen richtigen Absprungspunkt verpasst und in übliche Schemata des Genres abzugleiten droht, kann der Film als Geheimtipp angesehen werden.
Die meisten Agenten-Thriller liegen heutzutage in dem immer mehr zur Grauzone verwischenden Bereich zwischen Bond und Bourne. Gelegentlich taucht mal ein "Exot" auf, der auf innovativ macht, beispielsweise Wer ist Hanna?, um letzten Endes aber doch wieder in den üblichen Schematismus zu verfallen. Deutlich vielschichtiger zeigte sich diesbezüglich zumindest Spielbergs München vor einigen Jahren. Der Film war allerdings sichtlich mehr Drama als knallharter Agenten-Streifen und setzte auf das erschütternde Geiseldrama um die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München 1972. Dieser reale Unterbau und gut ausgearbeitete Charaktere hoben ihn deutlich aus dem Mainstream heraus.
Vergleichbare emotionale und inszenatorische Qualitäten stechen auch bei Eine offene Rechnung hervor. Es ist die Geschichte der drei Mossad-Agenten Rachel (Jessica Chastain), Stephan (Marton Csokas) und David (Sam Worthington), die in den Jahren 1965-1966 während einer geheimen Mission in Ost-Berlin weilten. Sie hatten den Auftrag, den berüchtigten, ehemaligen Nazi-Arzt Dieter Vogel (Jesper Christensen), den "Chirurg von Birkenau", der inzwischen als niedergelassener Gynäkologe in der DDR arbeitete, gefangen zu nehmen und nach Israel zu schaffen, um ihn dort vor ein Gericht zu stellen.
Anfänglich verläuft alles nach Plan. Rachel spielt den Köder: In der Rolle einer jungen Frau, deren Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen will, begibt sie sich in die Praxis von Vogel. Während einer Untersuchung betäubt sie ihn mit einer Spritze und behauptet, dass er einfach zusammengebrochen sei. Kurz darauf tauchen als Rettungsassistenten verkleidet Stephan und David auf und geben vor, Vogel ins Krankenhaus zu schaffen. Tatsächlich haben sie vor, ihn nach West-Berlin zu bringen. Das Vorhaben misslingt aber, und nun wird nach ihnen gefahndet. Wochenlang müssen sich die drei samt ihrem Gefangenen in einer kleinen Wohnung verstecken. In dieser klaustrophobischen Enge sind die Nerven aller bald zum Zerreißen gespannt. Es wird immer fraglicher, ob es überhaupt noch eine Chance gibt, den Auftrag zu Ende zu führen. Zusätzlich heizt eine ménage a trois die Situation mächtig an, und der gefangene Vogel versucht bei jeder Gelegenheit, einen Keil zwischen die drei zu treiben.
Auf zwei wechselnden Zeitebenen wird die Geschichte erzählt. Die unmittelbare Handlung setzt allerdings im Jahre 1997 ein, während die drei in Israel, nach augenscheinlich erfolgreich abgeschlossenem Auftrag, bereits seit 30 Jahren als Helden gefeiert werden. Rachels Tochter hat sogar gerade ein Buch über die Taten ihrer Mutter und der beiden Männer veröffentlicht, um deren Mut zu ehren. Rachel wirkt aber ungemein bekümmert. Als laste ein unerträgliches Gewicht auf ihr, wegen etwas, was mit der Zeit in Ost-Berlin zusammenhängen muss; einer seit langem totgeschwiegenen Wahrheit, die für immer alles verändern würde.
Eine offene Rechnung ist alles andere als ein bequemer Film. Er ist fordernd, zuweilen sogar anstrengend. Die Szenen in der beengten Wohnung besitzen fast schon die Bühnenqualitäten eines beklemmenden Kammerspiels, und oft erinnert die Art der Inszenierung sogar an eine antike Tragödie. Ganz allmählich entblättert sich dabei die Wahrheit, Schicht für Schicht, wie beim Schälen einer Zwiebel, und wenn man letztendlich zum Kern gelangt, wird möglicherweise alles anders sein, als zunächst für möglich gehalten.
Die hohe erzählerische Qualität und enorme Dichte der Geschichte ist nebst John Madden auf dem Regiestuhl, der ein Gespür dafür beweist, mit bescheidenen Mitteln große Intensität zu erzeugen, den hervorragenden Schauspielern geschuldet. Allen voran Oscar-Preisträgerin Helen Mirren, die abermals unter Beweis stellt, dass sie zu den Besten ihres Fachs gehört. Die jüngere Garde legt sich allerdings ebenfalls mächtig ins Zeug. Jessica Chastain ist geradezu brillant, und Sam Worthington kann einmal unter Beweis stellen, dass er mehr kann, als Terminatoren mit Herz, Titanen-Schlächter oder gebrochene Marines auf weit entfernten Planeten zu spielen.
Basierend auf dem israelischen Film Ha Hov aus dem Jahre 2007 entstand ein packendes Agenten-Drama, das eine komplexe Geschichte um Schuld und Sühne erzählt. Der Film vermag dabei mit manch unerwarteter Wendung zu überraschen, wobei er den Zuschauer zuweilen labyrinthisch auf die falsche Fährte führt. Allerdings muss sich auch Eine offene Rechnung schlussendlich den Vorwurf gefallen lassen, des Effekts willen einen Haken zu viel zu schlagen und final nicht umhin gekonnt zu haben, alle Geheimnisse zu lüften, sodass man sich im Nachhinein kaum noch die Mühe machen muss, ein paar Puzzleteile im Kopf selbst zu ergänzen. Diese Verbeugung vor den Mainstream-Gepflogenheiten hätte der Film aber eindeutig nicht nötig gehabt.