Als perfektes Verbrechen gilt jenes, mit dem man ungeschoren davonkommt. So wie O.J. Simpson für den Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber. Nicht einmal verdächtigt für das Verschwinden seiner Gattin wurde 1982 der Amerikaner Robert Durst, genauso wenig 18 Jahre später, als eine langjährige Freundin ermordet wurde. Vor zwei Jahren hat Andrew Jarecki die Vorfälle fiktionalisiert, was zwar gut gespielt, aber planlos inszeniert ist.
Mit dunklen Familiengeheimnissen kennt sich Andrew Jarecki aus, schließlich machte er sich 2003 mit der Dokumentation Capturing the Friedmans einen Namen. Darin begleitete er ursprünglich einige New Yorker Geburtstags-Entertainer, ehe er feststellte, dass Vater und Bruder eines Clowns wegen Kindesmisshandlung verurteilt wurden. So mag sich Jareckis Interesse am Fall von Robert Durst erklären, dessen Frau Kathleen im Jahr 1982 plötzlich verschwand und dessen langjährige Bekannte Susan Berman an Weihnachten 2000 ermordet wurde.
In All Beauty Must Die, so der "deutsche" Verleihtitel für All Good Things, wird aus Robert Durst dann David Marks, aus Kathleen kurz Katie und aus Susan Berman letztlich Deborah Lehrman. An der Grundstruktur der Ereignisse ändert sich jedoch wenig. Die Handlung spielt kurz nach der Jahrtausendwende, als sie ein gealterter Ryan Gosling Revue passieren lässt. Wie er sich den beruflichen Avancen des Vaters widersetzte, in die lebenslustige Katie verliebte, sie ehelichte und Jahre später tötete. So zumindest die Implikation.
Irgendwann in der Mitte des Films, wenn David inzwischen doch für seinen Vater arbeitet und Katie zu einer Abtreibung gezwungen hat, realisiert Kirsten Dunsts Figur auf einmal: Ich war nie jemandem näher und kenne dich überhaupt nicht. Ähnlich ergeht es auch dem Publikum, dem nie wirklich Zugang zu diesen Charakteren geschenkt wird. Dass David und Katie sich ineinander verlieben, erscheint so willkürlich, wie sein späterer Entschluss, für den Vater zu arbeiten. All Beauty Must Die ist weniger Spielfilm als Star-Reenactment.
Stets bewegt sich Jarecki an der Oberfläche der Tatsachen. Das Imperium der Familie Marks? Basiert auf Hurenhäusern in der berüchtigten New Yorker 42nd Street. Die Selbstgespräche von David und sein verstörtes Verhalten? Könnten ein Anzeichen von Schizophrenie sein. So erklärt sich vermutlich auch seine vehemente Ablehnung von Nachkommen, musste er selbst doch als Kind den Suizid seiner depressiven Mutter miterleben. Die Zutaten für einen guten und dramatischen Thriller sind zwar vorhanden, nur das Rezept hat Jarecki irgendwie verhunzt.
Daher plätschert der Film so vor sich her. Die Ehe verschlechtert sich, doch keiner will sie zu Grunde gehen lassen. Dann verschwindet Katie und All Beauty Must Die gerät noch sprunghafter als er es zuvor bereits war. Und wäre da nicht Kirsten Dunst, die hier eine ihrer besten Schauspielleistungen abliefert, würde man das Interesse vermutlich vollends verlieren. Im Gegensatz zu Gosling, der seinen verschlossenen Psycho-Gatten hinter dem Rand seiner 70er-Jahre Brille vergräbt, bekommt man von Katies Charakter zumindest den Hauch einer Ahnung.
Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass sich für das Thema eine Dokumentation eher geeignet hätte. Beispielsweise wie sie Errol Morris vor einem Jahr mit Tabloid abgeliefert hat. Stattdessen ist Jareckis Spielfilmdebüt weder Fisch noch Fleisch, manövriert ungeschickt zwischen den dokumentarischen Fakten und dem Versuch einer packenden Narration. Zufrieden ist mit dem Ergebnis schlussendlich zumindest Robert Durst, der das Set besuchte und dem der Film gefiel. Kein Wunder, "dokumentiert" er doch dessen perfektes Verbrechen.