Wer sich seine Stimmung gerne von depressiven Beziehungsfilmen herunterziehen lässt, der wird kaum umhinkommen, ein Ticket für diesen Oscar-nominierten Film zu lösen. Spielfilmdebütant Derek Cianfrance wirft einen Blick auf eine junge Familie und zeigt dabei den Beginn und den Niedergang ihrer Beziehung auf eine realistische Art und Weise, die von zwei hervorragend agierenden Hauptdarstellern getragen wird.
Mehr oder weniger ungewollt hat die MPAA (das amerikanische Pendant zur FSK) die Werbetrommel für diese Oscar-nominierte Love Story gerüttelt. Es war nämlich seit langer Zeit der erste Film außerhalb des Horrorbereiches, der, aufgrund der intensiven Sexszenen, ein NC-17 Rating (in Deutschland mit FSK 18 vergleichbar) bekommen hat. Nach mehreren Protesten gelang es zwar unter Berufung, die Freigabe des Filmes eine Stufe nach unten zu drücken, aber die Neugier bzgl. der Freigabe wird deshalb sicherlich nicht ebenfalls gesunken sein.
Was zu Beginn noch wie ein alltäglicher, fast schon idyllischer Morgen einer jungen Familie beginnt, ist im Grunde schon der Anfang vom Ende. Das jung verheiratete Paar Dean und Cindy steht am Ende ihrer Beziehung, und auch die Tochter Frankie scheint nicht mehr Grund genug, um der Familie eine weitere Chance zu geben. Dabei hat das Ganze doch so unglaublich romantisch angefangen, und man hätte nicht im Traum ahnen können, dass es einmal so ein Ende finden würde.
Ein wenig dreist ist es ja schon, Blue Valentine im Trailer als wunderbare Feel-Good-Love-Story zu präsentieren. Zwar nimmt dieses Szenario durchaus einen Teil der Spielzeit in Anspruch, doch über große Strecken bekommt der Zuschauer unbeschönigt das Ende einer Beziehung präsentiert. Dabei wechselt der Film immer wieder die Zeitebene und zeigt dem Zuschauer noch den wunderbaren Beginn des verheirateten Pärchens, nur um dieses in der folgenden Szene wieder streitend präsentiert zu bekommen. Wie es am Ende überhaupt so weit kommen konnte, lässt das fast schon autobiografisch anmutende Werk von Derek Cianfrance bewusst außen vor und verstärkt die Intensität damit, dass er seinen Hauptdarstellern viel Freiraum zur Improvisation gibt. Zwar wussten die Akteure, wie ihr Standpunkt ist und wie sie ihn wiederzugeben haben, jedoch kannten sie nicht die Reaktion des Gegenübers. Dies führt zu unglaublich real wirkenden Dialogen, wie man sie in filmischer Form nur selten zu hören bekommt, was die Glaubwürdigkeit des Filmes nochmals verstärkt.
Auch inszenatorisch gab Cianfrance den beiden Zeitebenen ihren eigenen Stil. Während das Kennenlernen des Paares noch farbenfroh und äußerst verspielt in Szene gesetzt wurde (als Highlight sei hier die im Trailer präsentierte Musiknummer zu erwähnen), dominiert in den anderen Momenten ein tristes, depressiv anmutendes Blau, das den Zuschauer jäh aus dem idyllischen Familienleben reißt. Dabei verliert Cianfrance trotz seiner schlichten, aber gleichzeitig harten Inszenierung seine Figuren zu keinem Zeitpunkt aus den Augen und verleiht seinem Werk damit zusätzliche Glaubwürdigkeit, die in einem nahezu perfekt anmutenden Finale gipfelt.
Es ist sicherlich eine große Herausforderung, wenn Darsteller ihre Rollen so unterschiedlich anlegen müssen wie die Independent-Stars Ryan Gosling und Michelle Williams. Doch sowohl in der romantischen Kennenlernphase und der bevorstehenden emotionsgeladenen Trennung stimmt die Chemie zwischen den Akteuren so sehr, dass sie sich gegenseitig zu Höchstleistungen anstacheln. So ist es immer noch unverständlich, dass sich die beiden trotz wiederholt großartiger Darbietungen noch nicht als große Hollywoodstars etabliert haben. Eine lobende Erwähnung geht noch an die zum Drehzeitpunkt gerade einmal fünf Jahre alte Filmtochter Faith Wladyka, die mit einer fast schon erfrischenden Natürlichkeit ihrem Charakter Leben einzuhauchen vermag.
Die Idee, eine Beziehung gleichzeitig aus der Frisch-verliebt- und der Zum-Scheitern-verurteilt-Phase zu zeigen, ist nicht neu. Schon 1967 ließ Stanley Donen Audrey Hepburn und Albert Finney in Zwei auf gleichem Weg Ähnliches durchmachen. Doch während dessen Film noch seine beschwingte Seite hatte, lässt Cianfrance die dunklere Seite sein Werk bestimmen. So ist Blue Valentine alles andere als leichte Kost und ein deprimierendes Beziehungsdrama, das nicht nur intensiv gespielt ist, sondern auch glaubwürdig und realistisch genug ist, um den Zuschauer in einer ähnlichen Stimmung aus dem Kino zu entlassen.