Der Mann, der Hannibal Lecter ein Antlitz verlieh, das für alle Zeiten in die Annalen der Filmgeschichte eingehen wird, ist zurück. Diesmal spielt Hopkins einen schrägen Priester, der ein ausgesprochener Spezialist fürs Übernatürliche und die Besessenheit von Menschen ist. In seine kundigen Hände entsendet man einen zweifelnden jungen Geistlichen damit er lernt, dass die Hölle und die Dämonen darin keine bloße Erfindung sind. Wenn das irgendwie nicht altbekannt klingt? Und das ist es dann auch - samt seines archaischen Weltbildes und angestaubter Moral, die der Film, ob er das wollte oder nicht, mittransportiert. Wenn es nicht unbedingt sein muss, auslassen.
Seit Max von Sydow im Jahre 1973 den Teufel aus dem kindlichen Leib Linda Blairs in Der Exorzist austrieb, gab es, nebst weniger gelungenen Fortsetzungen, unzählige Aufgüsse und Variationen des Themas. Streng genommen, vermochten die alle für sich der kongenialen ersten Show aus Erbsensuppe und Besessenen-Yoga, welche die Gemüter spaltete, aber nichts Wesentliches mehr hinzuzufügen. Ein wirklich neuer Ansatz gelang vielleicht erst 2010 mit Der Letzte Exorzismus. Hierin treibt ein Priester den Teufel nur scheinbar aus. Von der Annahme ausgehend, dass die sogenannten Besessenen in Wirklichkeit alle psychisch traumatisierte Menschen sind, deren Besessenheit eine fixe Idee oder gar Psychose darstellt, liefert er die passende Austreibungs-Show, so dass sie anschließend glauben können, dass der Dämon fort ist und als "Geheilte" beginnen, ein normales Leben zu führen.
Der Letzte Exorzismus war überdies als Fiction-Doku getarnt, was ihm zusätzliche Hautnahmomente im Stile eines Blair Witch Projekts verlieh. Schlussendlich wurde aber auch in diesem Falle der originelle Ansatz final zugunsten eines üblichen Horrorspektakels gekippt. The Rite - Das Ritual geht noch viel klassischer vor: Erzählt wird - natürlich auf wahren Begebenheiten beruhend - die Geschichte des jungen, angehenden Priesters Michael Kovak (Colin O'Donoghue). Er hat gerade das Priesterseminar beendet, möchte aber kein Gelübde ablegen. Da ihm aus familiären Gründen ein Studium an einer regulären Universität verwehrt war (in seiner Familie werden die Männer traditionell entweder Bestatter oder Priester), musste er diesen Weg gehen. Ganz so einfach will ihn einer seiner Mentoren aber nicht ziehen lassen: Er schickt ihn nach Rom, dort soll er zwei Monate an einem Seminar über die Praxis des Exorzismus teilnehmen. Die Katholische Kirche beabsichtigt, wegen steigender Nachfrage, mehr Priester in den alten Riten auszubilden. Für Michael wäre anschließend ein Stelle als Exorzist in seiner Heimat drin, wenn er sich für die Kirche entschließen würde.
Mit gemischten Gefühlen begibt er sich nach Rom. Zu tief sitzen seine religiösen Zweifel, als dass er die Vorstellung von Teufel und Dämonen, die von Menschen Besitz ergreifen, einfach akzeptieren könnte. So glänzt er im Seminar auch eher mit kritischen Fragen, als mit gelehrigem Gehorsam. Der Dozent, ein Freund seines Mentors, schickt ihn deshalb zu Pater Lucas (Anthony Hopkins), der behandelt Menschen mit sehr unorthodoxen Methoden. Für Michael soll die Zeit dort zu einer Art Weihe und Festigung seines Glaubens werden - und tatsächlich bekommt er Dinge zu sehen, die er sich nie hätte träumen lassen. The Rite - Das Ritual ist rein handwerklich solide inszeniert und die beiden Protagonisten machen ihre Sache ebenfalls nicht schlecht, wobei O'Donoghue insgesamt besser abschneidet. Hopkins reißt sich zwar kein Bein aus, liefert aber immerhin mehr, als die lustlose Performance in The Wolfman. Hinzu gesellen sich noch ein paar nette Bilder der ewigen Stadt, die den Film optisch ein wenig aufpeppen. Damit erschöpft sich die Haben-Seite aber auch schon weitgehend.
Fies gemeint, könnte man The Rite - Das Ritual als einen Katholizismus-Werbespot bezeichnen. Immer wieder wird in allen erdenklichen Variationen betont, dass es der größte Coup des Teufels war, den Menschen glauben zu machen, dass er nicht existiert. An der Seite des zweifelnden, angehenden Priesters erlebt man Dinge, die sich selbstverständlich jeglicher rationaler Erklärung entziehen. Zwar wurde diesmal auf literweise künstliche grüne Kotze verzichtet, dafür gibt es wiedermal die übliche Verrenke-Show - wobei wenigstens nicht die Gravitation ausgehebelt wird oder in der Poltergeist-Effektkiste gewühlt wurde. Trotzdem läuft alles sehr schematisch und klischeehaft ab. Und wie eigentlich immer, steht auch diesmal eine junge Frau im Mittelpunkt der Heimsuchung durch die Höllenmächte. Das macht es wundervoll einfach, reaktionäres Gedankengut aus der untersten chauvinistischen Schublade des Vatikans unters Volk zu bringen.
Es wäre überaus erfreulich mal einen Horrorfilm zu erleben, der sich dem Thema Besessenheit und Exorzismus auf eine Weise nähert, die ohne dämonisierte Frauen auskommt, die den austreibenden Priester gleich besteigen wollen. Aber unter den muffigen Talaren der Kardinals- und Bischofshäupter lauert immer noch das Weib samt seiner Vagina, welches den Mann, der nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde, vom tugendhaften Weg abzubringen sucht. Wieder einmal ist alles Sexuelle und Triebhafte der Inbegriff des Bösen und der "Fleischverzicht" der Weg ins Paradies. Zwar sind die USA kein ausgesprochen katholisches Land, aber die moralische Zwangsjacke der christlichen Doktrin liegt dort ganz eng an. Keuschheit und Enthaltsamkeit stehen hoch im Kurs, was sich sogar in solche Fantasy-Schmonzetten wie Twilight widerspiegelt.
Mit einer bestimmten Weltanschauung ausgestattet oder die Welt und das Geschehen darin aus einem speziellen Blickwinkel interpretierend, wird man möglicherweise Gefallen an diesem Film finden. Als Horrorfilm, der ein schönes Gänsehautfeeling erzeugen will, versagt er aber. Die Geschichte des zweifelnden Priesters ist nicht interessant genug, die Austreibungen haben keinerlei Neureiz und der sakrale Schwulst tötet auf die Dauer noch den letzten Nerv. Regisseur Mikael Haftström bewies bereits mit Zimmer 1408, dass er wesentlich innovativeren Horror zu inszenieren vermag. The Rite - Das Ritual vermag aber in keinerlei Hinsicht, weder visuell noch von der Bildästhetik und schon gar nicht atmosphärisch, an diesen heranzukommen. So fügt sich auch dieser Streifen in die lange Liste von Produktionen ein, die man getrost übersehen darf.