Das Thema liegt im Trend: Filme wie Food, Inc. und Fast Food Nation aus den USA oder We feed the World des österreichischen Regisseurs Erwin Wagenhofer haben in den vergangenen Jahren die Essgewohnheiten der Menschen und die Zustände der Nahrungsmittelproduktion thematisiert. In ihrer neuen Dokumentation wirft die Französin Coline Serreau einen Blick auf die Landwirtschaft und zeichnet ein beunruhigendes und aufwühlendes Bild einer Industrie, die systematisch unseren Grund und Boden verseucht. Ihre Einseitigkeit ist dabei ein kleiner Makel.
Eigentlich, so findet der französische Agrarökonom und Umweltschutzaktivist Pierre Rabhi, müssten sich die Menschen vor dem Verzehren landwirtschaftlicher Produkte "nicht mehr guten Appetit wünschen, sondern viel Glück". Denn um den Zustand der Böden, auf denen diese Produkte entstehen, ist es vielerorts nicht gut bestellt. Chemische Dünger und Pestizide haben in weiten Teilen der Welt den Boden vergiftet. Und das, was der Mensch dem Boden eintrichtert, um bessere Erträge zu erhalten, entnimmt er ihm bei der Ernte wieder. Und das ist nur ein Teil des Problems: Die Entscheidung, welches Saatgut verwendet werden darf, wird durch die Industrie festgelegt. Darunter leidet die Vielfalt. Vertrieben wird in erster Linie nicht-reproduzierfähiges Saatgut. Der Kunde soll schließlich jedes Jahr neu bestellen. Überall dort, wo Geld zu verdienen ist, wird in Kauf genommen, dass viele Hektar große Landflächen unfruchtbar werden, die Biodiversität verloren geht, Menschen Hunger leiden, weil sie sich nicht mehr selbst versorgen können. Als Reaktion auf diesen "Angriffskrieg gegen die Erde" einiger weniger bliebe in erster Linie nur eine Rückbesinnung auf Altbewährtes: die geknechteten Landwirte müssten ihre Autonomie zurückbekommen.
In Deutschland ist die französische Regisseurin Coline Serreau vor allem durch ihre Spielfilme bekannt. 1985 erschien Drei Männer und ein Baby, den Hollywood schnell für sich entdeckte. 20 Jahre später machte sie mit Saint Jacques... Pilgern auf Französisch wieder erfolgreich auf sich aufmerksam. Doch die 1947 in Paris geborene Serreau, die in der Regel ihre Drehbücher selbst verfasst, war von Beginn an eine kämpferische Filmemacherin, sei es in der Rolle der Feministin, die das Patriarchat für "gewaltsame und todbringende Entgleisungen unserer Gesellschaftssysteme" verantwortlich macht. Oder als Umweltaktivistin, wie in Der grüne Planet - Besuch aus dem All, an dem sie Mitte der 90er Jahre arbeitete.
Good Food Bad Food entstand nun mehr aus einem Zufall heraus. Bei einer Reportage über Pierre Rabhi in Marokko packte Serreau der Ehrgeiz, ihre Recherchen zu vertiefen. Auf weiteren Reise nach Indien, Brasilien, in die Ukraine und die Schweiz interviewte sie Menschen, die ähnliche innere oder äußere Feldzüge wie Rabhi führen, gegen die in ihren Augen widersinnigen, auf Dauer gefährlichen und allein rücksichtslos profitorientierten Machenschaften multinationaler Konzerne. Die Empörung und Wut darüber, wie staatliche Institutionen das Vorgehen der Monopolisten tolerieren, ja teilweise sogar fördern, ist Serreau in jedem Moment anzumerken. Nicht nur ihre Gesprächspartner sprechen eine eindeutige Sprache, auch die Kamerafahrten, die Bilder und die Musikuntermalung, die von der Regisseurin eingesetzt werden, tun das.
Ausgewogenheit beim Gegenüberstellen subjektiver Wahrheiten, die sich fast immer widersprechen, gehört zu den Grundsätzen einer faktenorientierten Analyse. Nun macht Serreau keinen Hehl daraus, dass sie sich für eine Wahrheit entschieden hat. Lösungsorientiert solle ihr Film werden, hat sie gesagt. Den Menschen Gehör verschaffen, die erklären können, wie "unser Gesellschaftsmodell in der ökologischen, finanziellen und politischen Krise versinken konnte". Doch diejenigen, die sich durch sie angegriffen fühlen dürfen - ob zu Recht oder zu Unrecht, spielt hierbei keine Rolle - erhalten keine Chance, sich zu rechtfertigen oder sich selbst zu entlarven.
Dies legt einen kleinen Schatten auf die Enthüllungen. Wer darüber hinwegsieht, erfährt einiges, das ihn fassungs- und ratlos zurück lässt. Den Zuschauer wachzurütteln, dieses Ziel erreicht die Filmmacherin zweifelslos. Zu wenig ist dem Konsumenten der westlichen Industriestaaten bekannt. Die Idee, viereckige Tomaten zu produzieren, die einfacher verpackt werden können, gehört zu den harmloseren Absurditäten. Dass ein französischer Umweltwissenschaftler verklagt wurde, weil er eine verloren geglaubte Kartoffelsorte wiederbelebte, die nicht zum staatlichen Katalog der zur Verwendung freigegebenen Sorten gehört, steht auf der Skala des Unsinnigen schon eine Stufe höher. Spannend ist es zudem, die Verfechter eines Umdenkens kennen zu lernen: die indische Erkenntnistheoretikern Vandana Shiva etwa oder Joao Pedro Stedile von der brasilianischen Landlosenbewegung MST oder den Ukrainer Antoniets Semen Swiridonowitsch, der sich schon zu Zeiten der Sowjetunion der Verwendung von Chemikalien auf seiner Kolchose widersetzte und mit traditionellen Methoden den von ihm verlangten Plan übertraf. Allein wegen dieses agrarökologischen Rundgangs um die Welt ist Good Food Bad Food ein Film, den man dem an Aufklärung interessierten Konsumenten nur ans Herz legen kann.