Der als reine Komödie angepriesene neue Film von und mit Til Schweiger entpuppt sich als eine Art Bestandsaufnahme zum Thema Patchworkfamilie, angereichert mit einer Prise Humor und durchaus glaubwürdigen Charakteren. Trotz kleinerer Schwächen und der sich langsam etwas abnutzenden typischen Schweigerinszenierung ist Kokowääh dennoch ein überraschend unterhaltsamer Film, auch weil zum ersten Mal seit Barfuss wieder die Geschichte, bzw. die Figuren im Vordergrund stehen.
Dass Til Schweiger seine Kritiker nicht mag, ist altbekannt, so lässt er diese seine Filme vor dem Start auch nicht sehen und so dauert es eben immer etwas länger, bis eine Rezension zu seinen Filmen erscheint. Dabei ist diese Paranoia vor schlechten Kritiken im Grunde nicht angebracht, denn mit Ausnahme seines bislang einzigen Fehlgriffs, Zweiohrküken, hat sich Schweiger, trotz nahezu identischer Filme als Regisseur etabliert und sorgte zumindest in den letzten Jahren oftmals im Alleingang für einen ordentlichen deutschen Marktanteil. Auf den ersten Blick sieht auch Kokowääh so aus, als würde Schweiger auf die Welle seiner letzten beiden Filme aufspringen, doch gaukelt der Trailer dem Zuschauer durchaus falsche Tatsachen vor.
Henry ist knapp über Vierzig, Drehbuchautor einer von der Absetzung bedrohten Soap und vor allen Dingen ein notorischer Frauenheld. Doch sein Leben wird schlagartig auf den Kopf gestellt, als er erfährt, dass ein One-Night-Stand vor 8 Jahren eine Tochter zur Folge hatte, die nun die nächsten Wochen gezwungenermaßen mit ihm verbringen muss. Da ist natürlich Ärger vorprogrammiert, auch weil ihr richtiger Vater, dessen Frau ihn damals mit Schweiger betrogen hat, befürchtet, seine Tochter an Henry zu verlieren. Und inmitten dieses Chaos bietet sich ihm noch die einmalige Karrierechance, an einer Drehbuchadaption eines Romans seiner großen Liebe und Ex-Freundin Katarina mitzuschreiben.
Zumindest in der Anfangsviertelstunde plagen den Zuschauer die Befürchtungen, einen Rohrkrepierer ertragen zu müssen. Grund dafür ist, wie auch in einigen weiteren Szenen des Filmes, dass Schweiger manchmal kleine Aussetzer hat und beispielsweise meint, dass es lustig wäre, sich über Gastarbeiter zu echauffieren oder nervigen Polizisten eine Abreibung zu verpassen. Abgesehen von einigen Gags dieser Sorte und der üblichen Einführung Schweigers als großen Frauenhelden, der mühelos 10 Frauen an einem Abend abschleppen kann, muss man jedoch eingestehen, dass er durchaus in der Lage ist, eine gute Geschichte zu erzählen. So legt er, wie in seinem bislang wohl besten Film Barfuss, den Fokus auf die Geschichte und deren Charaktere, während der Humor eher der Auflockerung gilt und eine untergeordnete Rolle einnimmt. Kokowääh zeigt dem Zuschauer das Leben einer Patchworkfamilie und mit welchen Problemen sich deren Mitglieder auseinander setzen müssen. Dabei wirken die geschaffenen Figuren und deren Konflikte echt und werden durch die über weite Strecken glaubhaft vorgetragene Geschichte getragen. Daraus resultieren einige wirklich starke Momente, bei der beispielhaft die Szenen mit dem Alleinlassen der Tochter und der darauf folgenden Fensterscheibenszene zu nennen ist.
Ebenfalls zu gefallen weiß die Metaebene des Filmes, die sich mit der Entstehungsgeschichte von Kokowääh befasst und gleichzeitig Schweiger die Möglichkeit gibt, sich in gewisser Weise selbst zu parodieren. So gibt es eine überaus gelungene Szene, in der Schweigers Charakter einen Regisseur, der regelmäßig 3 Millionen Besucher in Deutschland anzieht, als selbstdarstellerischen und eingebildeten Mainstreamregisseur bezeichnet. Sehr sympathischer Zug!
Bei der Inszenierung verlässt sich Schweiger einmal mehr auf seine Erfolge, denn ich Sachen Farbgebung und Kameraführung hebt sich Kokowääh nur selten von seinen Vorgängerfilmen ab. Man könnte fast meinen, dass er eine Art Checkliste abarbeiten musste. Nur so ist es zu erklären, dass auch die etwas überfrachtete Musikauswahl, die dabei eingesetzten Montagen, wie auch der durchaus gelungene Score kaum eine Variation zu seinen Vorgängerfilmen aufweist. Zu Bemängeln gibt es zudem noch die überraschend hohe Anzahl an Anschlussfehlern (besonders gut zu beobachten bei der Frühstücksszene), die selbst bei einem breiten Kinopublikum für einige Lacher sorgen konnte.
Ich bin 8 und keine 4 mehr! Mit diesen Worten reagiert der Charakter von Emma Schweiger auf einen Kommentar ihres Vaters und spricht dabei dem Zuschauer aus der Seele, denn leider muss sie ihre Sätze betonen wie ein 4-jähriges Kind, was ihre Glaubwürdigkeit deutlich einschränkt. Davon abgesehen liefert sie in ihrer ersten großen Rolle eine durchaus gelungene Leistung ab und harmoniert besonders mit ihrem erwachsenen Gegenüber hervorragend. Dieser spielt einmal mehr seine Paraderolle runter; das kann er und zeigt er auf gewohnte Art und Weise. Während dessen Love Interest Jasmin Gerat austauschbar ist, ist das eigentliche darstellerische Highlight des Filmes der hierzulande leider recht unbekannte Samuel Finzi. Dessen zerrissener Charakter hat sicherlich die größten Konflikte auszufechten, was Finzi sowohl in den lustigen, als auch in den ernsteren Momenten jederzeit hervorragend gelingt. Zu erwähnen sei noch das herrliche Cameo von Misel Maticevic, der in der Rolle des oben schon angesprochenen Regisseurs alle Lacher auf seiner Seite hat.
Obwohl Til Schweiger in Kokowääh zu großen Teilen seine altbekannten Muster variiert, gelang ihm nach Barfuss sein bislang zweitbester Film als Regisseur. Die Geschichte ist nah am Leben, dank seiner liebenswürdigen Charaktere glaubwürdig gezeichnet und setzt den Humor eher als Auflockerung der Story ein, anstatt diese in den Vordergrund zu stellen. Würde er jetzt nur noch die erwähnten kleinen humoristischen Aussetzer abstellen, sind wir guter Dinge, dass sein Zweiohrküken sicherlich bald in Vergessenheit geraten sein wird.