Wenn eine Gruppe von Menschen unter der Erde eingeschlossen ist und verzweifelt einen Ausgang sucht, darf man eine packende Story erwarten. Außerdem lockt tolle 3D-Technik in Verbindung mit einem Filmtitel, der als "James Camerons Sanctum" beworben wird, und verspricht ein mitreißendes Filmerlebnis. Herr Cameron hätte hier vielleicht etwas genauer hinsehen sollen, bevor er seinen Namen für die Bewerbung des Films zur Verfügung gestellt hat.
Die Zutaten des Films sind eine Wahnsinnshöhle, ein Wahnsinnssturm und Wahnsinnshöhlentauchertechnikschnickschnack. Das fertige Produkt enthält also eine Höhle, deren Ausmaß zwar mittels gezauberter Simulation auf einem Rechner des Expeditionsteams kurz dargestellt wird, tatsächliche Einblicke von der wahren Größe, etwa wenn Teile des Teams in das System herunterklettern, sind leider rar. Schade, denn hierbei hätte außerdem absolut unproblematisch die Zeit genutzt werden können, um die Charaktere genauer vorzustellen.
Ein Sturm mit viel Regen, der den Forschern den Ausgang überschwemmt, ist als spannungstreibendes Moment nicht übel. Wenn der Sturm dann aber so plötzlich auftaucht, dass der Zuschauer nur vor vollendete Tatsachen gestellt wird, kann sich dabei kaum Spannung aufbauen. Warum nimmt sich der Film nicht die Zeit und zeigt, wie sich der Sturm - ohne, dass es die Charaktere mitbekommen - langsam weit entfernt zusammenbraut? So hakt der Zuschauer den Sturm nur achselzuckend als Fakt ab und hofft auf kommende spannende Ereignisse.
Eine weitere Zutat ist Höhlentauchen. Cool, denkt sich der Taucher und versteht auch, was im Film abgeht. Die wenigen Nichttaucher unter den Zuschauern werden es dabei nicht ganz so leicht haben. Anders als beispielsweise bei The Abyss, wo der Taucher (und damit der Zuschauer) eine kurze, konsistente Einweisung erhalten hat, werden in Sanctum leider so gar nicht die Besonderheiten das Tauchens erklärt. Vielmehr wird in der Erklärungssequenz mit schnellen Schnitten von einer Person zur nächsten gewechselt und die Hektik der Situation fokussiert. Der Zuschauer, der keine Tauchervorkenntnisse hat, bleibt damit zwangsläufig unwissend außen vor. Was für Gefahren gibt es beim Tauchen, insbesondere beim Höhlentauchen? Es wäre schön gewesen, hier kurz etwas zu hören, dann könnte der Zuschauer auch viel besser mitfiebern. Viel der möglichen Spannung bleibt hier schlicht verschlossen.
Der Aufhänger der Story ist nicht wirklich neu. "Wir müssen den Ausgang finden, innerhalb kurzer Zeit, sonst..." ist aber grundsätzlich ein guter Einstieg für eine spannende Geschichte, die allen Beteiligten Druck macht. In Sanctum kommt davon beim Zuschauer deutlich zu wenig an. Spannungslevel und Storydichte liegen ungefähr auf Wochentags-TV-Niveau, das ist für eine Cameron-Produktion deutlich zu wenig. Klaustrophobie anybody? Da darf man von einem Höhlen-/Tauchfilm eigentlich etwas erwarten. Eine Szene, bei der Victoria Unterwasser Probleme hat und in Panik gerät, schafft es zumindest für Beklemmung zu sorgen.
Die 3D Umsetzung liefert ansonsten eher einen ungewollt gegenläufigen Effekt: Durch die erweiterte Perspektive wirkt die Umgebung oft großzügig und offen. Dies wirkt dem Aufbau von Beklemmungsgefühl beim Zuschauer entgegen. Das ist vor allem interessant, wenn man aus offiziellen Informationen herausliest, dass die beiden Drehbuchautoren und natürlich James Cameron den Film unbedingt in 3D machen wollten, der Regisseur hiervon wohl aber erst überzeugt werden musste. Insgesamt liefert Sanctum eine Abfolge dramatischer Sequenzen, die den Zuschauer unerfreulich unberührt lassen.
Sanctum strotzt von Logik-/Anschlussfehlern - die vermutlich der Mehrzahl der Zuschauer als Nichttaucher gar nicht auffallen werden, also Schwamm drüber. Die Taucher unter den Zuschauern werden allerdings viel Spaß beim Finden der Unstimmigkeiten haben.
Auch die Schauspieler vermögen es nicht, eine Brücke zum Publikum zu schlagen. Im Film gelingt es zu keinem Zeitpunkt, diese Figuren mit Charakter und Leben zu füllen. Die alte Regel, je weniger ausgearbeitet eine Figur ist, desto belangloser für den Zuschauer, wenn sie stirbt, ist in Sanctum lehrbuchmäßig zu verfolgen. Ion Gruffudd ("Carl")durchlebt - ohne hier etwas verraten zu wollen - eine Charakterentwicklung, die einfach nicht glaubwürdig ist. Auch der Charakter von Alice Parkinson ("Victoria"), Carls Freundin, birgt Unstimmigkeiten. Sie wird als Frau vorgestellt, die Carl im Himalaja beim Bergsteigen/klettern kennen gelernt hat. Mit dieser Hintergrundinformation wirkt es eher unglaubwürdig, dass gerade sie in der Höhle bergsteigerische Schwierigkeiten haben soll. Genauso wenig nachvollziehbar ist, dass Victoria nach einer Blitz-Einweisung zum Ersten mal Tauchen soll und ausgerechnet ohne Tauchpartner, einem Kreislaufgerät im kalten Süßwasser ohne wärmenden Tauchanzug einen extrem anspruchsvollen, langen Höhlen-Tieftauchgang absolviert. Die im Film enthaltene Vater-Sohn Kiste kommt über Standardklischees nicht hinaus - wie bereits erwähnt "TV-Niveau". Dan Wyllie als "Crazy George" ist die einzige Figur, der ankommt. Aber Freunde der Seesterne - wenn schon von Taucherkrankheit die Rede ist, dann muss diese dem Zuschauer erklärt werden, damit Spannung aufgebaut wird!
Ohne den Namen Cameron würde der Film vermutlich schnell im Dunkel eines von mittelmäßigen Titeln überfluteten, höhlenartigen Filmarchivs verschwinden. Zumindest die Taucher unter den Kinogängern freuen sich, mal ein paar Unterwasseraufnahmen zu sehen und fiebern dem nächsten Tauchgang entgegen.