Langsam, trist, wortkarg und vom Feuilleton dafür geliebt. So charakterisierte Regisseur Oskar Roehler die Berliner Schule. All diese Eigenschaften treffen auch auf Isabelle Stevers dritten Spielfilm zu. Die als Horrorfilm angelegte Liebesgeschichte fasziniert zwar gelegentlich durch ihre Distanz zu Figuren und Handlung, kann aufgrund der fehlenden Bindung jedoch den Zuschauer nicht vollends für sich gewinnen.
Die Berliner Schule beschreibt einige Regisseure von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), deren Kino sich nicht der Sensation und dem Melodram verschrieben hat und sich stattdessen auf die nüchterne Abbildung der Realität und Normalität des Alltags fokussiert. Immer spröde, immer streng sei die Berliner Schule laut Oskar Roehler. "In den Filmen passiert eigentlich nichts. Sie sind langsam, trist und es wird nie etwas wirklich gesagt", so der Skandalregisseur. Kein Wunder also, dass auch Glückliche Fügung, der jüngste Film von Isabelle Stever, Absolventin und Dozentin an der dffb, zur Berliner Schule gerechnet wird.
Langsam und unmelodramatisch entfaltet sich hier ein tristes Abziehbild der Realität, in dem nicht viele Worte fallen. Genaugenommen enthält eine einzelne Szene eines Quentin Tarantino Films mehr Wörter als Glückliche Fügung insgesamt. Die Figuren aus Stevers jüngster Arbeit sind nicht nur schwer, sondern im Grunde unmöglich zugänglich. Was wer wieso macht, bleibt dem Zuschauer fremd. Somit erhält das Publikum zu keinem Zeitpunkt ein Verständnis für die Figuren oder die Geschichte, was in diesem Fall weniger frustrierend wie faszinierend ist. Diesbezüglich ist Stevers Film über die Unfähigkeit, langfristig zufrieden zu sein, sozusagen selbstreflexiv.
Die Regisseurin erachtet ihr Werk dabei als Horrorfilm, was insofern zutreffend ist, da die fehlende Nähe und Zuneigung zwischen den beiden Hauptfiguren etwas Unbehagliches hat. Der Zuschauer ist von Hannes' Entscheidung, mit seinem schwangeren One Night Stand zusammen zu ziehen ebenso vor den Kopf gestoßen wie Simone selbst. Sie sucht den Kontakt zu einem ominösen Ex-Freund, den sie sich sogar an einem verregneten Abend ins Haus einlädt, wo dieser in fremden Klamotten auf ihren Lebenspartner trifft, während sie im Bad auf diesen wartet. Der erhoffte Zoff bleibt aus. Hannes stellt keine Fragen, behält die Contenance und bringt Simone damit aus der ihrigen.
Wie selbstverständlich die beiden vermeintlich einsamen Seelen ihre "Beziehung" beginnen, mit einem vorsichtigen, einsilbigen Abtasten der Interessen und Vergangenheit, hat aufgrund seiner rhetorischen Leere und unterschwelligen Distanz mehr etwas von einer ungezwungenen Zweckgemeinschaft denn einer Liebesliaison. Dennoch fragt man sich nicht gemeinsam mit Simone, warum Hannes eigentlich mit ihr zusammen ist, sondern eher, warum sie eigentlich mit ihm zusammen bleibt. Immer wieder versucht sie subversiv die Beziehung zu torpedieren, ist zickig, abweisend und doch treu. Dadurch bleibt Annika Kuhls Figur zwar befremdlich, aber nicht zwingend unsympathisch.
Gleichwohl wird der Horror, den Simone im Film empfindet, für den Zuschauer nicht greifbar. Der Horror liegt hier nicht in der nüchternen Realität der Bilder, sondern in Simones Rezeption dieser Realität. Da das Publikum jedoch keinen Zugang zur psychischen Blockade der Protagonistin erfährt, wird auch das Miterleben des Horrors blockiert. Glückliche Fügung fasziniert bisweilen, vereinnahmt einen jedoch nie vollständig. Dazu ist der Film in seiner tristen, wortkargen Monotonie zu oberflächlich. Laut Oskar Roehler kommen Filme der Berliner Schule "bei der Kritik immer gut weg". Bei Stevers Film war dies eher nicht der Fall. Berliner Schule ist eben nicht gleich Berliner Schule.