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Picco

(Picco, 2010)

Dt.Start: 03. Februar 2011 Premiere: 20. Januar 2010 (Festival, Deutschland)
FSK: ab 16 Genre: Krimi, Drama
Länge: 104 min Land: Deutschland
Darsteller: Constantin von Jascheroff (Kevin), Joel Basman (Tommy), Frederick Lau (Marc), Martin Kiefer (Andy), Aram Arami (Miguel), Ervin Baramovic, Leonie Benesch (Kevins Freundin), Rainer Bock (Herr Reinhard), Daniel Fripan, Konstantin Frolov (Hendrick), Jule Gartzke (Frau Schmitt), Willi Gerk, Edin Hasanovic, Ramona Kunze-Libnow, Matthias Kupfer (Falter)
Regie: Philip Koch
Drehbuch: Philip Koch


Inhalt

Der junge Straftäter Kevin ist neu im Jugendgefängnis und muss sich eine Zelle mit Tommy, Andy und Marc teilen. Es entwickelt sich eine zaghafte und zerbrechliche Freundschaft innerhalb eines Systems, in dem nur der Stärkere überlebt und in dem Gewalt den Alltag beherrscht. Kevin fällt es schwer, sich zu behaupten, und er muss sich entscheiden, ob er in dieser brutalen Hierarchie auf Seiten der Täter oder der Opfer stehen will.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Picco hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 78%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Picco hat eine Wertung von 78%
Der durchschnittliche Gefängnisfilm lebt von Elementen, wie der Gewalt. Diese hat vielfältige Gesichter. Sie kann psychisch oder physischer Natur sein, es kann jene der Wärter gegen die Insassen sein oder die der Häftlinge untereinander. Besonders bei letzterer handelt es sich meist um die Zurschaustellung von Dominanz und dem Austarieren einer sozialen Dynamik und Hierarchie unter den Gefangenen. Picco widmet sich vollauf diesem Element und zeichnet in einer leicht kafkaesk wirkenden Atmosphäre die furchtbaren Ereignisse nach, die vor wenigen Jahren zum Tod eines Jugendlichen in der JVA-Siegburg führten. Verstörender Film mit einem Finale, das lange im Gedächtnis haften bleibt.

Bild aus Picco Picco, so werden die Neulinge, das Frischfleisch in der JVA, dem Jugend-Knast genannt. Wer dazu gehört, der muss sich in einer Welt, die von Gewalt, Dominanz-Gebaren und dem Recht des Stärkeren geprägt ist, erst mal behaupten. In der Hierarchie ganz unten, kann schon ein schräger Blick, ein unbedachtes Wort oder ein Gerücht, das in Umlauf gebracht wurde, großes Unheil heraufbeschwören. Am schlimmsten trifft es die, welche in den überfüllten Vollzugsanstalten in einer Mehrbettzelle landen. Dort sind sie, als in der Hierarchie ganz unten rangierende, mit ein paar Häftlingen auf wenigen Quadratmetern eingesperrt, die als Gruppe bereits die Rangfolge festgelegt haben. Der Neue landet in einer Hölle, in der er gemobbt, drangsaliert und malträtiert wird, ohne dass ihm jemand zu Hilfe kommen wird. Wer sich an die Wärter wendet und einen anderen Insassen anschwärzt, dem ergeht es im Nachhinein noch übler.

Kevin ist solch ein Picco, und zu seinem Pech landet er in einer Vierbettzelle. Dort lauern die anderen drei Insassen auf ein Opfer. Diese sehr simpel strukturierte Welt unterteilt sich genau in das: In Opfer und Täter - und Opfer will niemand sein. Die erste Zeit ist Kevin der Häme und den derben Späßen seiner Mitinsassen ausgeliefert. Zu dritt können sie ihm problemlos ihren Willen aufzwingen. Diese Zeit ist für Kevin, der im Grunde nur seine Strafe absitzen möchte, ein richtiger Spießrutenlauf. Zwar gibt es eine Psychologin, die mit den straffälligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeitet, und die Wärter wirken väterlich bemüht, in dieser Anstalt, die sich ambitioniert als Erziehungsvollzug anpreist, doch wirklich helfen kann ihm niemand.

Es gilt möglichst wenig aufzufallen und das einzustecken, was ausgeteilt wird; solange zumindest bis jemand noch tiefer in der Hierarchie rutscht. Eines Tages passiert das: Die Vergangenheit eines Jugendlichen holt ihn ein. Er finanzierte seine Drogensucht früher als Stricher; als die anderen davon Wind bekommen, ist er als "Homo" und "Schwuchtel" gebrandmarkt und wird zum Freiwild. Was folgt, ist für ihn die Hölle auf Erden, bis sich der Jugendliche aus lauter Verzweiflung das Leben nimmt. Kevin, der sich aus der Angelegenheit raushielt, obwohl er sich im Vorhinein mit dem jungen Mann etwas angefreundet hatte, macht sich Vorwürfe, doch nun droht er wieder das Opfer zu werden. Er muss sich entscheiden, sich wehren, zeigen, dass er nicht der Letzte in der Kette der Gewalt ist. Es kommt zu einer verhängnisvollen Nacht, nach der die Dinge niemals mehr die gleichen sein werden.

Etwas abstrakter als die direkte Verfilmung Siegburg der Geschehnisse in der gleichnamigen JVA, in der drei Häftlinge einen vierten stundenlang quälten, terrorisierten und folterten bis er regelrecht mithalf, sein freiwilliges Ableben zu inszenieren, greift Picco diese Geschichte auf. Der unmittelbare Bezug bleibt dennoch im Kern erhalten. Der Film investiert zudem viel Zeit und Mühe, das gruselige Drumherum, die Stimmung, die Atmosphäre, den Jargon und die Ausweglosigkeit einzufangen und glaubhaft wiederzugeben. Dennoch gerät die Innenschau der JVA zuweilen merkwürdig entrückt. Ein eigentümliches Flair stellt sich ein: Der Ort wirkt kafkaesk, dass die Handlung in Deutschland spielt, merkt man allenfalls an den Hoheitsabzeichen der Wärter, in welchem Jahrzehnt die Geschehnisse angesiedelt sind, zeigt sich nur dann, wenn Besuch aus der Außenwelt eintrifft.

Die Figuren in Picco sind gleichsam einer Versuchsanordnung gefangen; dazu zählen ebenfalls die Wärter und die betreuende Psychologin. Es stellt sich ein Käseglocken-Effekt ein, in dem der Fokus scharf auf der sozialen Dynamik zwischen den Häftlingen ruht. Alle stehen unter einem immensen Druck und lauern darauf, ein Ventil für ihre Frustration und Aggression zu finden. Wenn das passiert, möchte man alles, nur nicht der Unterste in der Hierarchie sein. Ganz ohne dass sich ein paar Längen einstellen, gelingt dem Film sein Unterfangen aufzurütteln aber nicht. Nicht alle Entwicklungen sind immer handlungsfördernd, und es braucht zudem ordentlich Zeit, bis Picco dramaturgisch zu seinem zweiten bedeutenden Höhepunkt gelangt.

Was dann an Gewalt zur Schau gestellt wird, dient trotz offenkundiger Brutalität zu keiner Zeit zur Befriedigung niederer Instinkte. Besonders das Finale ist schonungslos, ohne aber jemals voyeuristisch zu werden. Selbstredend ist die hohe Authentizität den sehr akzentuiert agierenden Jungdarstellern zu verdanken. Diese tragen den Film und sorgen überhaupt dafür, dass die furchtbaren Ereignisse mit echten Menschen verknüpft werden können. Das stundenlange Foltermartyrium, das somit zum unmittelbaren Hautnah-Erleben wird, ist dennoch nichts für Zartbesaitete. Und es ist durchaus anzunehmen, dass der Film damit die Gemüter spalten wird, wie es Filme mit dieser Herangehensweise oft tun.

Einen gewissen heilsam-pädagogischen Effekt kann man aber nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Viele Kriminelle schrecken hohe Strafen nicht ab. Das beweist allen voran die USA, in der bis heute immer noch in 38 Bundesstaaten die Todesstrafe angewendet werden kann. Und trotzdem haben die USA eine weitaus höhere Verbrechensrate als die westlichen europäischen Nationen. Wenn also die Justiz schon nicht in der Lage ist, Verbrecher abzuschrecken, können Filme wie Picco möglicherweise dazu beitragen, durch die Innenschau der Gefängniswelt Jugendliche zum Nachdenken zu bewegen. Beispielsweise dadurch, dass solche Filme immer wieder gerade in sogenannten Problemschulen im Unterricht gezeigt werden.



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