Die X-Men zählen zu den beliebtesten Superhelden der Comicszene, die Verfilmungen der Marvel-Charaktere wurden Händchen haltend mit deren populärster Figur, Wolverine, in die Kinos geleitet. Letztlich waren die Filme jedoch die Kinder von Bryan Singer und dessen Abschied nach dem 2. Teil der Genickbruch für den Abschluss der Trilogie. Umso größer war die Frage, ob der neue X-Men-Film ohne Wolverine überleben kann. Die Antwort ist "nein", aber das ist nicht Wolverines Schuld.
Im Kontext der Geschichte war 1962 das Jahr der Kuba-Krise, die die Welt an den Rand des Abgrunds brachte und kurz hinunter schielen ließ. Aber auch das Jahr der US-amerikanischen Bürgerrechte, wurde James Meredith doch am 1. Oktober der erste afroamerikanische Student im Bundesstaat Mississippi, was dort zu Ausschreitungen und zwei Toten führte. Welche Periode als die Sechziger eignete sich also besser in ihrer Zweideutigkeit, um als Abenteuerspielplatz von Marvels "X-Men"-Reihe zu dienen? Schließlich standen die in der Gesellschaft diskriminierten Mutanten dort nicht nur aber auch für die Jahrhunderte lang unterdrückte Minderheit der Afroamerikaner. Umso überraschender, dass Matthew Vaughns X-Men: Erste Entscheidung die Bürgerrechtsfrage vollständig negiert.
Stattdessen versucht sich der Film als Charakterexposition für zwei seiner Figuren mit dem meisten Profil: Professor X und Magneto. Die Freunde und späteren Gegner aus Bryan Singers X-Men-Trilogie sollen hier zusammengeführt werden, allerdings ohne deswegen gleich zum Kanon zu gehören. Was nicht bedeutet, dass man sich nicht bei diesem bedienen kann. So übernimmt Vaughn die Eröffnungsszene aus X-Men, um seinem eigentlichen Hauptdarsteller seine spätere Motivation zu verleihen. Als Opfer emotionaler Folterung trifft der junge Erik Lehnsherr auf einen maliziösen Kevin Bacon, der versucht Deutsch zu sprechen, ohne sich dabei an seiner Zunge zu verschlucken. Es fallen Schüsse, es sterben Menschen und schon ist die Welt um einen Größenwahnsinnigen reicher.
Dies führt zum späteren Antrieb von Fassbenders Figur: Rache und Vergeltung. Über die Schweiz und Argentinien foltert er sich nach Florida, wo er auf die anderen Figuren von X-Men: Erste Entscheidung trifft. Zum Beispiel Moira MacTaggert, die von einer schottischen Genetikerin zur Strapse tragenden CIA-Agentin mutiert (in diesem Fall nicht wortwörtlich zu verstehen), aber auch Charles Xavier, ein saufender Schürzenjäger, der quasi seit dem Sandkasten mit Mystique aufgewachsen ist. Die beiden streben nun danach, den Hellfire Club und Sebastian Shaw aufzuhalten. Was der Hellfire Club eigentlich ist, warum Professor X und Mystique zusammen aufgewachsen sind und wieso CIA-Agentinnen auf Missionen ein kleines Schwarzes drunter tragen, hat das Publikum nicht zu interessieren.
Oder anders gesagt: der Film interessiert sich nicht dafür. Weder für die kleinen Details seiner arg konstruierten Handlung (der Hellfire Club plant den Nuklearen Holocaust, weil dann alle Menschen sterben und, so die These von Shaw, nur die Mutanten überleben), noch für deren Struktur oder, und das ist vielleicht der schlimmste Vorwurf: für seine Figuren. Über Professor X erfährt man abgesehen von der Sandkasten-Freundschaft zu Mystique lediglich, dass er stinkreich ist und ihm seine Mama früher keinen Kakao gemacht hat. Des Weiteren ist er für den restlichen Verlauf des Films eine gehende Version der Patrick-Stewart-Figur und erhält zwar mehr Leinwandzeit, aber deswegen nicht mehr Charaktertiefe als die übrigen Figuren wie Mystique, Beast, Havok, Banshee, Angel, Riptide, Emma Frost, usw. usf.
Sie alle sind austauschbare Gesichter, deren Auswahl durch Xavier und Lehnsherr man nicht wirklich nachvollziehen kann. Sie stellen ein willkürliches Ensemble dar, da sie für die Erzählung der vermeintlichen Geschichte unerheblich sind. Ihre Kräfte sind dabei unterschiedlich von Belang, von "geht so" (Beast) bis "gar nicht" (Mystique). Speziell die von Jennifer Lawrence porträtierte Gestaltwandlerin geht völlig unter, was umso bedauerlicher ist, da sie abgesehen von Jason Flemyngs Azazel die einzige (!) Figur repräsentiert, deren Mutation für das bloße Auge sichtbar ist. Und selbst dieses wahre Äußere wird die meiste Zeit über unterdrückt, was sicherlich auch mit der dafür notwendigen Maske zu tun hat und allein deswegen dankbar ist, da diese im Vergleich zu den Singer-Werken unfassbar hässlich gerät.
Ein nicht minder großes Ärgernis ist die ADHS-Handlung, die während der ersten anderthalb Stunden keine fünf Minuten am Stück an ein und demselben Ort mit ein und denselben Charakteren verbringen kann. Man fragt sich, warum Vaughn nicht die exorbitante Zahl der langweiligen Figuren reduziert und sich stattdessen auf zwei bis drei von ihnen, dafür aber eindringlicher, konzentriert hat. Statt dem lahmen Alex Summers zum Beispiel dessen Bruder Scott a.k.a. Cyclops (beide Brüder verfügen ohnehin, was die Filme angeht, über dieselbe Kraft), dazu eine junge Jean Grey und notfalls noch Beast. Man hätte mehr Zeit für weniger Figuren und man könnte seine Handlung für zehn, fünfzehn Minuten an einem Ort entfalten, ohne dauernd von London nach Argentinien nach Moskau und Las Vegas zu hopsen.
Selbst die zum Ziel gesetzte Entfaltung der Freundschaft von Charles und Erik misslingt, da Vaughn sich ihr mit derselben (geringen) Aufmerksamkeit widmet, wie den übrigen Mutanten. Warum hier eine Freundschaft entsteht, die auch noch in 60 Jahren existiert - berücksichtigt man den semi-kanon-artigen Charakter von X-Men: Erste Entscheidung mit der X-Men-Trilogie) - bleibt unklar, gibt Vaughn der Freundschaft der beiden doch kaum Raum zur Entfaltung. Letztlich ist ihm ein Film über irgendwie gar nichts gelungen, taugt die Geschichte doch weder über eine divergierende Freundschaft, noch über gesellschaftlichen Rassismus und Diskriminierung. Allenfalls als "mutierende" Analogie auf den Kalten Krieg mit Mutanten als kleinsten gemeinsamen Nenner für Kapitalisten und Kommunisten.
Hinzu kommt ein leicht missratener Look, der sich speziell in der Gestaltung der Mutanten niederschlägt. Dass es die 68 Personen aus dem Make-Up-Department nicht hingekriegt haben, insbesondere Mystique, aber auch Azazel und Beast ansehnlich auf die Leinwand zu zaubern, ist so erstaunlich wie bedauerlich. Auch die visuellen Effekte variieren, von peinlich berührend in der ersten Zurschaustellung der Kräfte von Erik Lehnsherr bis solide (wozu mit Abstrichen das Finale zählt). Erfreulich ist dagegen, dass das Endprodukt nicht mit nutzlosem und fehlerhaftem 3D-Effekt in den Kinos startet, wie es heutzutage gang und gäbe ist. Dies könnte jedoch auch damit zusammenhängen, dass es zeitlich einfach nicht mehr für eine Konvertierung gereicht hat. Was bei den unumgänglichen Fortsetzungen anders sein dürfte.
Doch was ist gut an X-Men: Erste Entscheidung oder zumindest besser als an X-Men: Der letzte Widerstand und/oder X-Men Origins: Wolverine? Zum einen gibt Kevin Bacon - vom Finale abgesehen - einen gelungenen, charismatischen Antagonisten, der in gewisser Weise tatsächlich eine Bedrohung für die Mutanten und die normale Bevölkerung darstellt. Zum anderen trumpft der Film gelegentlich mit charmanten Ideen auf, seien es Cameos von Figuren und Darstellern aus früheren X-Men-Abenteuern oder etwaige Einbindungen der Mutantenkräfte, die besonders gut in den ersten Szenen von Fassbender zum Tragen kommen. Auch das Schauspielerensemble schlägt sich wacker, von Bacon über Fassbender bis hin zu den Jungdarstellern der eindimensionalen Nebenrollen.
Am Ende reicht dies jedoch alles nicht aus, um die wenig inspirierte und ausgearbeitete Geschichte im Slideshow-Format inklusive ihrer unbeachteten Figuren zu überdecken. Dass dann im Abspann noch Musik von Take That runtergedudelt wird, ist der negative Höhepunkt. Somit setzt Regisseur Matthew Vaughn, der einst den Trilogieabschluss inszenieren sollte (was er sich dann aber nicht zutraute), seine abfallende Karriere seit dem starken Layer Cake bis hin zum durchschnittlichen Kick-Ass fort. Ein Schicksal, das Bryan Singer, der seiner Zeit Superman Returns den Vorzug gab und hier als ausführender Produzent zurückkehrte, ebenso blüht, wie der gesamten Reihe. Denn auf X-Men: Erste Entscheidung lässt sich ein Zitat aus dem Film münzen: es ist schlimmer als wir dachten.