Das Staunen nimmt kein Ende, angesichts der Masse an Filmen, in denen der Superstar des französischen Kinos, Gerard Depardieu, in letzter Zeit sein Stelldichein gibt. Nach Mammuth, Small World oder Das Labyrinth der Wörter hat er nun einen Auftritt in einer bissigen Komödie. Der wirkliche Star in diesem Film ist aber die französische Filmdiva Catherine Deneuve. Sie darf die scheinbar biedere Ehefrau eines Industriellen in den 1970er Jahren spielen. Als ihr Gatte gesundheitlich schlapp macht, zeigt sich was unter den stillen Wassern wirklich schlummert. Intelligentes Kino mit viel Dialogwitz, auf die Dauer aber etwas überspannt und zu wenig abwechslungsreich.
Ein wenig an 8 Frauen erinnernd, zaubert Regisseur Francois Ozon eine überdrehte Farce im 70er-Retro-Style auf die große Leinwand. Man schreibt das Jahr 1977 - wer diese Zeit bewusst miterlebte, wird sich sofort zurückerinnert fühlen - Suzanne Pujol (Catherine Deneuve), die Gattin eines spießigen Regenschirmfabrikanten, ist längst nicht mehr mit ihrem Leben zufrieden: Ihr Gatte, Robert Pujol (Fabrice Luchini), optisch an einen Finanzbeamten erinnernd, benimmt sich in den seltenen Augenblicken, in denen er überhaupt zuhause weilt, wie ein halbcholerischer, herrschsüchtiger Tyrann (ein wenig lässt hier Luis de Funes grüßen). Er ist Geschäftsführer einer großen Regenschirmfabrik. Dass diese aber eigentlich seiner Frau gehört, die sie als Mitgift in die Ehe brachte, lässt ihn in seiner Selbstgefälligkeit nicht einmal mit der Wimper zucken. Seine Frau hat für ihn ohnehin nur einen Stellenwert vergleichbar mit dem Interieur seiner Luxusvilla.
Genauso fühlt sich Suzanne auch, wie ein Schmuckstück. Schön, kostbar, aber (inzwischen) auch als selbstverständlich empfunden; von wirklich wahrgenommen kann nicht die Rede sein. Robert zieht es ohnehin vor, seine Triebe in Richtung seiner Sekretärin zu richten. Als eines Tages wegen der schlechten Arbeitsbedingungen in der Fabrik ein Streik ausbricht, macht Roberts Herz plötzlich schlapp. Nach seinem Herzanfall übernimmt Suzanne das Ruder in der Fabrik und sorgt dafür, dass es allen in einer Art "sozialistischer Eintracht" besser geht. Zu diesem Zweck verbündet sie sich auch mit einem alten Bekannten, Maurice Babin (Gerard Depardieu), dem örtlichen Abgeordneten der kommunistischen Partei. Nach und nach entblättert sich, dass "das Schmuckstück" es faustdick hinter den Ohren hat und insgeheim immer schon eine Art Doppelleben führte.
Treffsicher und pointiert wird in Das Schmuckstück die Welt des gehobenen, patriarchalen Bürgertums der Endsiebziger aufs Korn genommen. Dabei befinden sich rollenstereotype Klischees wie gesellschaftliche Konventionen gleichermaßen auf der Zielscheibe - und fein eingewoben werden ein paar Breitseiten an die Adresse der aktuell Regierenden in Frankreich geschossen. Im Wesentlichen steht aber das (geheime) Leben der Geschlechter in der Oberschicht und die wohlgezimmerte heile Fassade dieser "Eliten" im Mittelpunkt. Die Emanzipation zu Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts ist an dem Punkt angekommen, dass sich Frauen in den westlichen Ländern von den ökonomischen Fesseln, die sie an ihre Ehemänner banden, befreit haben und sich als das (sexuell) dominierende Geschlecht behaupten; lediglich die selbstfabrizierte Illusion der Männer aber ließ diese glauben, dass sie in früheren Jahrzehnten das Ruder wirklich in der Hand hatten.
Vergnügten sich Bonzen, Industrielle und wohlbetuchte Geschäftsleute selbstgefällig in Nachtclubs und mit leichten Mädchen, setzten ihnen ihre Schmuckstücke zuhause im Revanche-Akt den einen oder anderen Kuckuck ins Nest. Mit viel Biss und dem Charme, der dem französischen Film oft innewohnt, werden auch diese Niederungen genommen. Leider ist Das Schmuckstück aber keine durchgehende Lichtshow feinsinnig-bissiger Pointen. Der Film wurde Deneuve regelrecht auf den Leib geschneidert und mit ihrer tadellosen Leistung steht und fällt er auch, wohingegen Depardieus Part im Vergleich eher bescheiden ausfällt.
Spürbares Manko des Films ist vor allem, dass er trotz seiner treffsicheren und intelligenten Dialoge insgesamt derart plapparhaft wird, dass es zuweilen schon anstrengend ist, zu lauschen. Bei teils minutenlangen Dialogen kommt unwillkürlich der Eindruck auf, dass es im Grunde nicht allzu viel zu erzählen gab, so dass mit reichlich Geschnatter kompensiert werden musste. Hinzu kommt, dass es auch optisch - trotz des akribischen 70er-Jahre-Looks, von der Tapete über die Vase, den Trainingsanzug und die Frisur - insgesamt wenig visuelle Abwechslung gibt, da sich meist nur in wechselnden Räumlichkeiten aufgehalten wird. Fans des französischen Kinos und vor allem Deneuve-Fans sollten aber trotzdem voll auf ihre Kosten kommen.