Der Mensch ist das, was das Leben aus ihm machte und zudem, was er selbst aus sich gemacht hat. Familie, Freundeskreis, Sozialisation definieren die Grundlage der Persönlichkeit, ebenso, wie die Dinge, mit denen wir uns befassen. Nicht umsonst heißt es, dass man sich nicht mit einer Sache intensiv auseinander setzen kann, ohne, dass diese Einfluss auf einen ausübt. Das Lied in mir wartet mit einer Protagonistin auf, deren Filmfigur eigentlich wie der Absenz von alldem wirkt. Was es natürlich leichter macht, eine Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität zu erzählen. Das ist aber weder elegant, noch erzeugt es wirklich Spannung.
Maria (Jessica Schwarz) ist Schwimmerin und befindet sich gerade auf der Reise nach Chile (um an einem Wettkampf teilzunehmen?). Auf einem Zwischenstopp in Buenos Aires hört sie, wie eine Frau ihrem Kind ein Wiegenlied vorsingt. Über sich selbst erstaunt, ist sie in der Lage den Text des Lieds mitzusingen, obwohl sie eigentlich kein Wort Spanisch spricht. Daraufhin wird sie von einer plötzlichen, mächtigen Welle heimatlicher Sehnsucht übermannt und sie bricht in der Toilette des Flughafens heulend zusammen. Zu allem Übel verpasst sie damit auch ihren Anschlussflug, was sie aber nicht weiter zu stören scheint.
Die erwachende Erinnerung, an etwas was zum Greifen nahe ist, sich ihr aber noch entzieht, motiviert sie eine Zeitlang in Buenos Aires zu verweilen. Als sie in einem Hotel eincheckt, bemerkt sie aber, dass sie bestohlen wurde. Ihr Pass ist weg und nun muss sie sich mit den argentinischen Behörden rumschlagen. Sie informiert ihren Vater Anton (Michael Gwisdeck) in Deutschland telefonisch über ihre Lage und wartet die Dinge erst mal ab, wie beispielsweise die Annäherungsversuche eines deutschsprechenden Polizisten, der sich anbietet, ihr ein wenig zu helfen.
Ihr Vater, in großer Sorge, reißt ihr allerdings prompt nach. Marie ist zwar erstaunt, ihn plötzlich in Buenos Aires in ihrem Hotel anzutreffen, freut sich aber zunächst. Als sie ihn zu dem Lied befragt und was es mit diesem merkwürdigen Gefühl der heimatlichen Verbundenheit auf sich hat, gesteht er ihr, dass sie gar nicht sein leibliches Kind ist. Er und seine Frau haben sie im Alter von drei adoptiert, als ihre Eltern vom damaligen Militärregime verschleppt wurden. Dieses Geständnis verändert augenblicklich das Vater-Tochter-Verhältnis.
Es wäre vielleicht übertrieben, zu behaupten, dass solch eine Wendung regelrecht in der Luft lag oder dass sie gar vorhersehbar war. Doch etwas schwebte die ganze Zeit über im Äther düsterer Vorahnung, dafür hatten die Macher fein säuberlich gesorgt: eine Atmosphäre des sich Fragens umhüllte die Handlung von Beginn an. Das Lied in mir irritiert und verstört zugleich. Das liegt weniger am Thema, als vielmehr an den Logiklücken und den Entwicklungen. Die Militärdiktatur, die bis 1982 das Land beherrschte, bleibt ohnehin nur Streiflicht und dient zu nicht mehr als Mittel, um die Story zu erzählen, welche letzten Endes eine Selbstfindungsgeschichte ist, die sich (reichlich übers Knie gebrochen) zentral um einen Vater-Tochter-Konflikt dreht.
Der Film erzeugt schnell den Eindruck von Richtungslosigkeit und wirkt zudem schwach an Unterbau. Die Protagonistin, in ihrer Rolle, eine Schwimmsportlerin auf dem Weg nach Chile. Wer diese Frau aber eigentlich ist, erfährt man nicht. Arbeitet sie, studiert sie, hat sie Freunde, einen Partner? Ein Mensch regelrecht leer. Das macht es vielleicht leichter, den späteren Zusammenbruch plausibel erscheinen zu lassen - ist aber gerade für ein Psychodrama alles andere brillant. Mit 31 Jahren erfährt Marie, dass sie adoptiert wurde. Das wäre sicherlich für jeden ein Schock; im Film stellt es sich aber dar, als würde ihre Welt damit komplett aus den Angeln gehoben und als würden die drei Jahrzehnte, in denen sie Anton Vater nannte, nun schlagartig bedeutungslos.
Man muss das schon als plausibel ansehen wollen, ebenso wie den aufkommenden Konflikt und die Eskalation. Marie geht in der Folge ihren (nun) Adoptivvater derart harsch an, dass sie eher an einen übelgelaunten, rachsüchtigen, pubertierenden Teenager erinnert, als an eine erwachsene Frau, die versucht, sich mit alldem rational auseinanderzusetzen. Diese Psychodrama-Show wird lediglich von einigen wunderschönen Bildern der Megacity Buenos Aires aufgelockert und einem Quäntchen Ethno-Lokalkolorit, dass dem insgesamt eher dürftigen Konstrukt aus Selbstfindung und Sinnsuche ein wenig Charme verleiht.