An der Regierung herumnörgeln gehört hierzulande zur Tagesordnung. Obwohl es uns verglichen mit vielen nichtwestlichen Ländern gut geht, findet sich immer etwas, über das man sich aufregen kann und worüber sich beschweren lohnt. Schnell wird dann vergessen, was dies für ein außerordentliches Privileg ist. Im Iran, dem Ort der Dokumentation The Green Wave, ist das Recht, seinen Unmut offen kundzutun, alles andere als selbstverständlich. Als Gottesstaat mit einem Rechtsverständnis, das an finsteres Mittelalter erinnert, sind Menschenrechte Utopie. 2009 schickte sich ein Präsidentschaftskandidat an, das zu ändern. Seine Wahl galt als sichere Sache, dann kam aber alles anders.
Es dauerte lange, bis sich in der westlichen Welt freiheitliche, demokratische Gesellschaften formierten, die auf Rechtsstaatlichkeit, den Errungenschaften der Aufklärung und dem Wertesystem des Humanismus fußten. Kolonialismus, Imperialismus, Gewaltherrschaften und Faschismus sorgten bis in die Neuzeit dafür, dass Europa kein besonders gutes Beispiel abgab. Und wendet man den Blick aktuell nach Osteuropa, entdeckt man Staaten, die noch einen weiten Weg bis zu "vollendeten Demokratien" vor sich haben. Gerade Letzteres erscheint verglichen mit den Zuständen im Iran aber beinahe wie Peanuts.
Dieses multiethnische Land, mit rund 74 Millionen Einwohnern, dessen größte Bevölkerungsgruppe aus Persern besteht, erlebte so etwas wie Demokratie noch nie: In der Antike Teil des Großreichs Persiens; von Alexander dem Großen erobert; wechselte es durch die Geschichte in viele Hände; war im Mittelalter islamisches Kalifat; wurde Teil der Türkei wie der Sowjetunion; bis es nach einer wechselhaften Zeit, nach dem II. Weltkrieg, unter einem Schah, der von den Westmächten unterstützt wurde, erneut Monarchie wurde. Dieses Regime fand aber seinerseits 1979 im Zuge der Islamischen Revolution unter Ayatollah Khomeini sein Ende und wurde von einem Gottesstaat abgelöst, der bis heute existiert und für den individuelle Freiheit und Menschenrechte unbekannt sind.
Ali Samadi Ahadis Film The Green Wave greift die Ereignisse um den 12. Juni 2009 auf, als im Iran Präsidentschaftswahlen stattfanden. Es hatte sich eine breite Mehrheit hinter Mir Hossein Mussawi formiert, dem Gegenkandidaten des amtierenden, regimefreundlichen und antiwestlich eingestellten Präsidenten Mahmud Ahmadineschad. Alles andere als ein Sieg Mussawis wäre eine Überraschung. Mussawi stand für eine deutlich liberalere Politik, mit Achtung der Menschenrechte, Pressefreiheit und einem Dialog mit dem Westen. Als Ahmadineschad, seinen Gefolgsleuten, Schergen und Handlangern klar wurde, dass diese Wahlen das Ende ihrer Herrschaft bedeuten könnten, wurden die Wahllokale geschlossen. Wenig später bestätigte das offizielle Ergebnis Ahmadineschad mit über 69 Prozent in seinem Amt - ein schlechter Witz, und eine schreiende Ungerechtigkeit in den Augen der meisten.
Die Menschen gingen auf die Straße, tobten, forderten ihre Rechte. Die Regierung reagierte mit brutaler Gewalt: Islamische Milizen prügelten und stachen auf die Demonstranten ein; es wurde geschossen; überall Verwundete und Tote; Menschen verschwanden, wurden gefoltert und umgebracht. Das Land drohte im Chaos unterzugehen. Die freie Presse wurde des Landes verwiesen; das Internet zensiert. Nur mittels Handys, Twitter und Blogs drangen Informationen nach außen.
In einer eigenwilligen ästhetischen Mischung aus Realaufnahmen, meist Handkamera oder Kamera-Handy, Trickfilmaufnahmen, die stark Anleihen bei Waltz with Bashir nehmen und Interviews, wird das Geschehen in betroffen machenden Bildern eingefangen. Gerade die Realaufnahmen bergen mitunter ein derart hohes Maß an Gewalt, dass man keinesfalls unberührt bleibt, wenn auch die Bilder aus dem Chaos der Straßenschlachten, die mit Handy-Kameras eingefangen wurden, oft sehr verwaschen und undeutlich sind. Als Unbeteiligter nimmt man an der Handlung durch die Augen junger Menschen teil, die für einen politischen Wechsel standen und einen liberaleren Präsidenten und eine freiere Gesellschaft wollten.
Allseits dominiert die Farbe grün. Es ist sowohl die Farbe des Gegenkandidaten Mussawi und seiner Anhänger, als auch die allgegenwärtige traditionelle Farbe des Islam. Und genau darin offenbart sich das wesentliche Dilemma des Iran und auch des Films: Regisseur Ali Samadi Ahadi, der vor wenigen Jahren die erfolgreiche Ethnoclash-Satire Salami Aleikum inszenierte, liefert mit The Green Wave ein Wut- und Betroffenheitstheater. Was im Iran passiert, ist sicherlich verdammenswert, aber es ist auch ein selbstgeschaffenes Problem: Diejenigen, welche aktuell auf die Barrikaden gehen, sind die Söhne und Töchter derer, die den Gottesstaat gewollt und errichtet haben. Und wie ihre Eltern glauben sie an die Islamische Republik (die Eigenbezeichnung des Irans, die allein schon ein Widerspruch in sich selbst ist).
Die meisten Intellektuellen, Liberalen, Demokratieanhänger und Verfechter einer klaren Trennung von Staat und Religion flohen unmittelbar nach der Islamischen Revolution aus dem Land. Die Nachgeborenen heute, die dank Vernetzung durch das World Wide Web sehen können, wie Gleichaltrige in den westlichen Nationen leben und sich entfalten können, wollen diese Privilegien nachvollziehbarer Weise auch für sich. Sie wollen Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit, das Recht auf Zugang zu unzensierten Medien, das Recht auf freie Meinungsäußerung, unveräußerliche Menschenrechte und eine faire Justiz. All jene Errungenschaften, die hier zu den Grundfesten unserer Gesellschaft zählen. Die Islamische Republik, den Gottesstaat, wollen sie aber nicht abschaffen. Dass der Westen aber erst durch die Aufklärung, Säkularisierung und Infragestellung des Gottesbildes und Relativierung der Position der Kirche sich diese Freiheitsgrade erwarb, bedenken sie nicht.
Es erinnert somit etwas an ein "Supermarktgebaren", der Wunsch Wertesysteme zu übernehmen, die überhaupt nicht Fuß fassen können, ohne dass das Fundament dafür vorhanden wäre. Im "christlichen Westen" musste die Machtstellung der Kirche auch erst mal gebrochen werden, bevor man die Gesellschaft umbauen konnte. Solange also islamistische Staaten, mit Religionsräten als wahre Herrscher im Land, sich nicht von innen heraus bereit sind zu wandeln, ist es auch schwerlich möglich unsere Wertesysteme zu "exportieren". Und dabei spielt es eine vernachlässigbare Rolle, ob der Marionetten-Präsident nun Ahmadineschad, Mussawi oder Kohlrabi heißt.
Um dieses Kernproblem drückt sich der Film aber herum. Im Gegenteil sagen die Anhänger Mussawis stets, dass sie nicht gegen das System an sich sind. Das mag sicherlich auch dem Selbstschutz dienen, denn als "Ungläubiger" hat man sein Leben im Iran sofort verwirkt. Gleichzeitig zeigte sich während der Unruhen und dem unmenschlichen Durchgreifen der Obrigkeit aber, dass die Menschen im Iran im Grunde nicht aus ihrer Haut können: In ihrer Verzweiflung über den Terror wendeten sie sich an den Religionsrat, um den aktuellen Nachfolger Khomeinis und wunderten sich, dass dieser Ahmadineschad in seinem Handeln den Rücken stärkte. Als ob diese Herren, irgendein Interesse hätten, dass liberalere Zeiten anbrechen. Doch der "Durchschnitts-Iraner" sieht nicht, dass die, zu denen er um Beistand betet, jene sind, welche dieses Land in eine Hölle verwandelten.