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Sweetgrass

(Sweetgrass, 2009)

Dt.Start: nicht bekannt Premiere: 04. Februar 2009 (Berlinale, Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 101 min Land: Frankreich, USA
Darsteller: n/a
Regie: ilisa Barbash, Lucien Castaing-Taylor
Drehbuch: nicht bekannt


Inhalt

Im Sommer 2003 trieb eine Gruppe Hirten eine Herde aus hunderten Schafen ein letztes Mal durch die, im extremen Nordwesten der USA gelegenen, Beartooth Mountains in Montana. Die rund 300 Kilometer lange, mit Herausforderungen gespickte Reise führte sie durch weite, grüne Täler, mit Schnee bedeckte Felder und über gefährlich enges Gebirge. Die unglaubliche Zahl der Schafe und die Umstände des Treks beginnen bei manchem Schäfer mit der Zeit an den Nerven zu zerren.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Sweetgrass hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 63%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Florian Lieb
Sweetgrass hat eine Wertung von 63%
Vor fast 20 Jahren suchte Großstadtheld Billy Crystal in City Slickers das Abenteuer, indem er einen Vieh-Trek begleitete. Ein spätromantisches Unterfangen, betrachtet man Lucien Castaing-Taylors visuell-anthropologischen Sweetgrass. Hier wird während eines Schaf-Treks geflucht, geweint und gejammert in einer Dokumentation, die eher beobachtenden denn erklärenden Charakter hat.

Bild aus Sweetgrass Was das Publikum in Sweetgrass erwartet, erfährt es gleich zu Beginn, wenn die Kamera in eine Schafherde hält und so lange die Tiere anstarrt, bis sich schließlich eines der Schafe erbarmt und zurück blickt. Die kommenden rund anderthalb Stunden werden wenig besser, präsentiert sich Castaing-Taylors Dokumentation als sprichwörtlich das: ein Dokument dessen, was geschieht. Vom Scheren der Schafe, über die Geburt von Lämmern bis zum Aufbruch und der Begleitung des Treks zur Sommerweidung in die Berge Montanas nimmt die Kamera stets den Platz eines beobachtenden Begleiters ein. Gegen Ende scheut sich der Film beispielsweise nicht, Minutenlang einen der Cowboys beim Besatteln seines Pferdes zu Filmen, während er undeutlich mit diesem wie mit einem Kleinkind redet.

So avanciert Sweetgrass zum reinen, fast schon meditativen Bilderzeugnis, ohne Reflektion oder wirklichen Informationsgehalt. Eine Erzählstimme, Musik oder Stellungnahme der Beteiligten bleibt aus. Es ist jene Ruhe und Bedächtigkeit, die der Dokumentation viel Lob auf internationalen Filmfestivals einbrachte. "Ein Film voller Poesie, Archaik und Komik" schrieb damals Der Tagesspiegel und lobte die Beteiligten für ihre "Hommage auf das Zusammenleben von Mensch und Tier". Wie gesagt: unreflektiert. Denn zusammengelebt wird hier wenig zwischen Schaf und Mensch, werden die "Bergsteigenden, verfickten Schwanzlutscher", wie einer der Schäfer die Tiere an einer Stelle beschimpft, doch weitestgehend wie Gegenstände behandelt.

Geht es ans Scheren der Wolle, schnappen sich die Schäfer die Schafe zwar nicht vom Band, dennoch mutet das Szenario an, als würde man mit schlechter Laune einen Daimler-Stern an den Kofferraum kloppen. Der Kopf der Schafe landet zwischen den eigenen Beinen, zumindest bei den Tieren, die sich nicht ergebend auf den Rücken drehen lassen, ehe ihre Wolle wie ein Pelz verschwindet und man sie durch eine Luke nach draußen schiebt. Es scheinen gestählte Tiere zu sein, bedenkt man das darauffolgende Geburtsszenario. Neugeborene Lämmer werden wie Abfalltüten über den Boden gezerrt, gebärende Mütter spüren das Gewicht des Schäfers Knie am Hals, während dieser ein Lamm zur Welt bringt, um anschließend andere Neugeborene wie auf einem Marktstand auf dieses draufzuwerfen.

Das Schaf soll zur Adoptivmutter verkommen, die Frage ist: Welches Lamm kommt in den Genuss? Die Aussortierten knallt man dann schon mal mit Schmackes gegen den Zaun. Ist der eigentliche Trek erstmal in Gange, richten sich die Emotionen weg von der riesigen Herde hin zu den Hunden, die den Trek begleiten und nicht auf ihre Herrchen hören wollen. Eine Hommage an das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier - Poesie findet sich hier eher in dieser euphemistischen Umschreibung. Dass der Job dieser Männer - und bisweilen auch Frauen - kein dankbarer ist, soll nicht bestritten werden. Die Kontrolle über eine rund 3.000 Tiere beherbergende Herde zu behalten, die Abende auf sich alleine gestellt zu verbringen (ein Schäfer ruft seine Mutter an und heult sich sprichwörtlich über sein schmerzendes Knie aus), während Bären in der Nacht die Schafe reißen, ist sicherlich hart.

Und so schön die Landschaftsaufnahmen der Berge Montanas in Sweetgrass auch sind, so hypnotisch das ewige Blöken der Schafe geraten mag, will die Dokumentation doch nicht vollends faszinieren. Denn man erfährt nicht, warum diese Männer tun was sie tun, ob sie es aus Liebe oder Idealismus machen oder weil ihnen beruflich sonst keine Wahl bleibt. Was sie fühlen, wenn sie Hunderte von Schafe kontrollieren und die Abende in Einsamkeit verbringen müssen. Ein Statement hier und da hätte ebenso wenig geschadet, wie ein paar Informationen zur Geschichte des Berufszweigs und der Region, beziehungsweise zur Beziehung dieser beiden Komponenten zueinander. Denn der hier gezeigte Schaf-Trek war einer der letzten in Montana und was das bedeutet, speziell für jene norwegisch-amerikanische Rancherfamilie, wäre sicherlich ein oder zwei Sätze wert gewesen.



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