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In einer besseren Welt

(Haevnen, 2010)

Dt.Start: 17. März 2011 Premiere: 26. August 2010 (Dänemark)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 117 min Land: Dänemark, Schweden
Darsteller: Mikael Persbrandt (Anton), Trine Dyrholm (Marianne), Ulrich Thomsen (Claus), William Johnk Nielsen (Christian), Markus Rygaard (Elias), Wil Johnson, Eddie Kihani, Emily Mglaya (Sygeplejeske), Gabriel Muli (Tolk), Elsebeth Steentoft (Signe), Satu Helena Mikkelinen (Hanna), Camilla Gottlieb (Eva)
Regie: Susanne Bier
Drehbuch: Susanne Bier, Anders Thomas Jensen


Inhalt

Anton ist ein Arzt ohne Grenzen, der in einem afrikanischen Flüchtlingscamp Leben rettet. Doch sein eigenes Leben in der dänischen Heimat hat er nicht im Griff. Seine Ehe steht vor dem Aus, worunter sein zehnjähriger Sohn Elias leidet. Die Situation verschlimmert sich noch, als dieser sich mit dem neuen Mitschüler Christian anfreundet, dessen Mutter gestorben ist. In den Augen der Klassenkameraden werden die Freunde zu Außenseitern. Aus Frust wird bald blanke Wut.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

In einer besseren Welt hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 70%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
In einer besseren Welt hat eine Wertung von 70%
Tiefe, bewegende Themen, menschliche Abgründe wie auch stille und sinnliche Momente, das sind die Welten Susanne Biers. In ihrem neuesten Film liefert sie abermals den Beweis, dass sie für solche Storys ein Händchen hat. Die Geschichte um die Schüler Elias und Christian weist zu Beginn noch Züge klassischer Familiendramen auf, im Verlauf entwickelt sich aber eine Auseinandersetzung mit einem Thema, welches viele Gesichter hat und früher oder später jedem begegnet. Obwohl der umfassendere Kontext in der Geschichte damit regelrecht vorangelegt ist, klammert Bier dennoch einige Aspekte und Perspektiven aus. Das führt aber dazu, dass die Geschichte zu glatt und gewollt aussieht.

Bild aus In einer besseren Welt Susanne Bier wird oft in Verbindung mit der rigiden Filmschule Dogma 95 gebracht. Für die Puristen, die sich diesem Credo verschrieben, gilt ein strenger Canon: beginnend damit, dass ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht wird, ohne die nachträgliche Hinzunahme von Requisiten; über den Nichteinsatz von Spezialeffekten; bis dahin, dass der Regisseur weder im Vor-, noch im Abspann genannt werden darf. Insgesamt umfasst dieses Manifest, zehn Punkte (Gebote). Lars von Trier (Antichrist) ist einer der Begründer und prominentester Vertreter dieser Art des Filmemachens. In der Realität halten sich aber selten alle sogenannten Dogma-Filme an wirklich alle dieser "Gebote".

Der neueste Film Susanne Biers (Things we Lost in the Fire) erscheint zunächst wie ein Familien- und Jugenddrama mit "Buddy-Movie-Zügen". Im Mittelpunkt stehen zwei traumatisierte Familien. Elias, dessen Eltern sich getrennt haben, irrt orientierungslos durch seinen Alltag, Freunde hatte er keine und in der Schule wird er zusehends gemobbt. Christian ist ganz anders: Er hat seine Mutter verloren und gibt dafür seinem Vater die Schuld. Er staut in sich eine Menge Wut und Hass auf und lässt jeden, der ihm krumm kommt, gerne davon kosten. Nachdem sein Vater mit ihm von England zurück nach Dänemark zieht, kommt Christian in Elias' Schule. Dort sieht er wie Elias von einem wesentlich größeren Jungen drangsaliert wird. Christian folgt diesem heimlich und verprügelt ihn gnadenlos. Von da an sind Elias und Christian die besten Freunde.

Für Elias wird Christian schnell jemand, an dem er sich orientiert. Elias' Vater fehlt nicht nur deshalb oft, da sich seine Mutter von ihm trennte. Als Arzt, der für eine Flüchtlingsorganisation in Afrika arbeitet, ist er zuweilen Wochenlang im Einsatz. Elias kann nur via Internet und Webcam gelegentlich mit ihm reden. Auch Christians Vater glänzt mit Abwesenheit, aber während Elias seinen Vater vermisst, ist Christian regelrecht froh, wenn er seinen nicht sehen muss. Als sich Elias' Vater mal wieder in Dänemark aufhält, unternehmen er, Elias, dessen kleiner Bruder und Christian gemeinsam einen Ausflug. Plötzlich beginnt sich Elias' Bruder auf einem Spielplatz mit einem anderen Jungen zu streiten. Elias' Vater geht dazwischen, der Vater des anderen Jungen ist ebenfalls schnell zur Stelle. Dieser hält von friedlicher Schlichtung aber wenig und schlägt Elias' Vater ins Gesicht, dieser wehrt sich nicht, da die Anwendung von Gewalt gegen seine Grundsätze verstößt. Elias und Christian sind perplex und können das nicht verstehen, besonders der wehrhafte Christian nicht.

Heimlich findet Christian heraus, an welchem Ort der fremde Schläger arbeitet und teilt das Elias mit, damit dessen Vater ihn zumindest anzeigen kann. Elias' Vater entschließt sich für einen anderen Weg: Gemeinsam mit den beiden Jungs fährt er zur Arbeitsstätte des Schlägers, um ihn wegen seines (Fehl-)Verhaltens zur Rede zu stellen. Der zeigt keinerlei Einsicht oder Reue und schlägt erneut zu, abermals wehrt sich Elias' Vater nicht. Daraufhin entwickelt Christian einen höchst illegalen Racheplan und überredet Elias, mitzumachen.

Bier ist mit In einer besseren Welt ein sehr dichter und vielschichtiger Film gelungen, aber die Momente des Beziehungsdramas, der Väter-und-Söhne-Geschichte und auch die Buddy-Movie-Motive sind lediglich Vehikel, um ein viel umfassenderes Thema zu bearbeiten: Gewalt und die Folgen und Konsequenzen, die sie stets nach sich zieht. Die Figuren ihrer Geschichte sind alle auf die eine oder andere Weise traumatisiert oder zumindest "beschädigt". Damit beweist die Filmemacherin und Autorin, dass sie ein besonderes Händchen für tief menschelnde Dramen hat und ihr die unbequemen Charaktere liegen. Das Parkett, auf dem sie sich aber diesmal bewegt, wirkt dennoch merkwürdig glatt und selbst die finale Wendung kommt nicht überraschend.

Trotz Traumata und innerer Schäden sind besonders die Erwachsenen, die Eltern von Elias und auch Christians Vater, ausgesprochene Gutmenschen, die verständnisvoll und reflektiert auf jedes Fehlverhalten und jede Grenzüberschreitung ihrer Kinder reagieren. Besonders Elias' Vater gerät in seiner konsequenten Gewaltablehnung regelrecht zur messianischen Christusfigur. Das wirkt überzogen bis unglaubwürdig: liebevoller Familienvater, der seinen Fehler, der die Familie auseinander riss, bitter bereut und Arzt, der in Afrika unter ständiger Gefahr für Leben und Gesundheit anderen selbstlos hilft. Bier lässt zwar schlussendlich zu, dass diese Figur an ihren moralischen Scheidepunkt gelangt und "versagt". Doch wirkt dieser Akt der Grausamkeit mehr wie ein Affekt, geboren aus angestautem Ärger und dem Zorn des Augenblicks, denn als absichtsvolle "Gewalttat". Im Kontext der Handlung bekommt die Figur des Arztes dadurch kein ernstliches Stigma - sie erscheint fast noch sympathischer, da nun wesentlich menschlicher.

Außer Acht wird überdies noch eine andere Form von Gewalt gelassen, obwohl es sich geradezu in der Schilderung der familiären Elemente anböte. Susanne Biers Welt ist die der gutbürgerlichen Eliten. Menschen mit ordentlichen Berufen, die ihren Kindern niemals ein Haar krümmen würden. Hier wird ein wenig zu sehr mit Wattebäuschchen geworfen und wenn die Kinder richtig über die Stränge schlagen, kommt höchstens ein schluchziges Ich bin so enttäuscht von Dir. Und selbst der prügelnde Prolet schlug beim ersten Mal lediglich zu, um (in seinem Selbstverständnis) seinen Sohn zu "schützen".

In der Endabrechnung präsentiert sich In einer besseren Welt als durchaus sensible, moralische, aber nicht moralisierende Geschichte. Gut und Böse liegen für Susanne Bier oft nah beieinander und schon die Entscheidung, wohin wir uns zuweilen wenden, kann darüber entscheiden, ob Gutes oder Schlechtes folgt. Die Grauzonen fehlen aber meist und zu selten dringt die Botschaft durch, dass eine gute Tat aus der Perspektive anderer womöglich eine unheilvolle ist. Trotz solcher Kritikpunkte besitzt der Film aber eine eigentümliche Kraft und Faszination. Erzählerisch ist In einer besseren Welt mitunter stark fordernd, aber auf solch einem inszenatorisch hohem Niveau, dass es für Cineasten eine Wonne sein kann. Und Bier weiß natürlich auch mit den Bildern umzugehen, was dem Film sinnliche und zuweilen poetische Züge verleiht. Trotz einer gewissen Einseitigkeit in der Behandlung des Grundthemas also, besitzt diese Geschichte viele großartige Momente, die sie durchaus sehenswert machen.



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