Der Ur-Vater der Lindenstraße Hans W. Geißendorfer meldet sich im Kino mit einer Geschichte um die vielen Gesichter der Liebe zurück. Eva und Jo wollen nach Neuseeland, um dort von ihrer Heroin-Sucht wegzukommen und mit ihrem gemeinsamen Kind, das in Eva heranwächst, ein neues Leben zu beginnen. Dafür brauchen sie Geld. Als der Raub scheitert, der ihnen dazu verhelfen sollte und Jo festgenommen wird, flüchtet Eva und entwickelt ungeahnte Kraft und Entschlossenheit, um ihren Liebsten aus der Haft zu befreien. Aberwitziges Theater, das scheinbar ohne Sinn und Verstand inszeniert wurde.
Seit gefühlten 100 Jahren läuft bereits die Lindenstraße im deutschen Fernsehen. In Wahrheit feierte sie erst kürzlich ihr 25-jähriges Jubiläum, das bedeutet aber auch, dass es inzwischen eine ganze Generation gibt, die sich an eine Zeit ohne die Weekly-Soap nicht mehr erinnern kann. Zwar ist die Serie nicht mehr ganz so populär, wie noch Ende der 80er und zu Beginn der 90er, aber aus dem deutschen Fernsehgeschehen ist sie anderseits auch kaum mehr wegzudenken. Vater dieses Erfolges ist Produzent, Regisseur und Autor Hans W. Geißendörfer, der außer der Dauerserie, die ihren Stammplatz beim WDR hat, auch noch eine ganze Reihe von Filmen produzierte.
Sein neuestes Werk, bei dem er nicht nur mit dem Regie- und Produzentenstuhl vorliebnahm, sondern auch das Drehbuch beisteuerte, erzählt von der Liebe in all ihren schönen wie widersprüchlichen Facetten. Im Zentrum steht ein junges heroinabhängiges Paar, mit dem übermächtigen Wunsch nach Neuseeland auszuwandern. Dort wollen sie nicht nur ein neues Leben beginnen, sondern aus eigener Kraft clean werden. Eva und Jo (Anna Maria Mühe und Max von Thun) brauchen aber erst mal Geld, um die Tickets zu bezahlen; genau 3.000 Euro, die sie nicht haben.
Eva war einstmals eine begabte Musikstudentin, bis sie den Musiker Jo kennen lernte. Aus lauter Liebe und dem Wunsch ebenfalls zu spüren, was Jo empfindet, wenn er high ist, folgte sie ihm in die Sucht. Doch damit muss nun Schluss sein, da Eva schwanger ist. In der Abgeschiedenheit Neuseelands wähnen sie ihre Errettung. Dort verbrachte Eva einstmals einige Monate mit ihrer krebskranken Mutter, bevor diese verstarb. Um an das Geld für die Reise zu gelangen, schrecken die beiden vor nichts zurück: Sie überfallen einen Händler, den Eva gut kennt. Während sie ihn ablenkt, soll Jo die Kasse ausräumen. Der Raub endet aber in einem Fiasko.
Der Buchhändler zückt eine Pistole als er mitbekommt, dass jemand seine Kasse plündert. Eva schlägt ihn daraufhin mit einer Metallbüste brutal nieder, beide fliehen. Jo wird aber von der Polizei sofort gestellt. Eva springt in einen winterlichen Fluss, um zu entkommen. Ohne eine Möglichkeit irgendwo unterzukommen, irrt sie durch die Straßen von Bamberg und schläft in Hauseingängen, bis sie sich schlussendlich in die Wohnung des Lehrers Paul (Axel Prahl) schleicht, den seine Frau gerade verlassen hat. In ihrer Verzweiflung nimmt sie Paul als Geisel, quartiert sich in dessen Wohnung ein und plant, wie sie ihren Geliebten Jo aus der Haft befreien will.
Der deutsche Film scheint aber keine noch so absonderliche geistige Niederung zu scheuen. Nach einem halbwegs stimmungsvollen Beginn, der die Liebenden in Schwarz-Weiß-Bildern einfängt, während sie sich ihren Schuss setzen und auf ein wenig künstlerischen Gehalt hoffen lässt, setzt eine hanebüchene Story ein, deren Handlung nicht mehr, als ein unfreiwillig komische Verkettung von absurden Situationen darstellt. Schon die Flucht nach dem Überfall auf den Buchhändler gerät zu einer kleinen Groteske in sich, die beinahe die Qualität, der Auseinandersetzung der Entenhausener Polizei mit den Panzerknackern erreicht, als es einer davon stolpernden Drogenabhängigen gelingt, einem Haufen Uniformierter zu entkommen. Nicht genug, dass Eva in ihrem Junkie-Zustand das Bad in einem dezemberkalten Fluss überlebt, wird ihr drogenkranker Lover überdies nicht ins Krankenhaus gebracht; nein, er darf den Kalten Entzug alleine und ohne ärztlichen Beistand in seinem Verlies durchstehen. Und wenn er sich zu lauthals beschwert, prügeln die Wärter gleich mal auf ihn ein. Die Handlung ist aber wohlgemerkt im Heute angesiedelt und nicht etwa 1940!
Damit nicht genug, entwickelt der Film ab dem Augenblick der Geiselnahme sogar Züge eines RAF-Dramas. Eva, eben noch endfertig, gesundet, kleidet sich wie Gudrun Enslin und kommuniziert via metaphysischer Verbindung mit Jo im Gefängnis, so dass sie einen Plan zur Flucht kreieren kann. Obendrein entwickelt Paul, den sie tagelang brutal gefesselt hatte, ein derart massives Stockholm-Syndrom (eine Gefühlsstörung, die Geiseln entwickeln und beginnen, mit den Geiselnehmern zu kooperieren), dass er ihr bei der Umsetzung ihres Planes sogar behilflich ist. Und sogar Evas Ex-Freund, der sie immer noch obsessiv liebt, Jo aber ebenso verabscheut, da sie ihn verließ, um mit ihm zusammen zu sein, steht Spalier als Eva Hilfe braucht.
Man kommt bei der Vielzahl der irrationalen Wendungen schon ins Grübeln, welche man nun heraussucht, um diesem lächerlichen Konstrukt ein Gesicht zu verleihen. Aber selbst als (schlechter) Witz taugt der Streifen kaum, da die (unfreiwillige) Komik im Grunde ernst gemeint ist. In der Welt habt ihr Angst entpuppt sich als groteskes Sammelsurium schreiend überzeichneter Charaktere, die alle auf die eine oder andere Weise traumatisiert sind, sowie Klischees aus der Mottenkiste und einem völlig unglaubwürdigen Versuch, eine Art magischen Realismus zu etablieren. Zwar gelingt es dem Film, viele verschiedene Formen von Liebe irgendwie anzuschneiden, mehr als ein oberflächliches Ankratzen ist es aber meist nicht. Das liegt allein schon daran, dass viele Charaktere regelrecht mit der Brechstange eingeführt werden und über keinerlei Unterbau verfügen.
Zum wenigen Guten gehören einige schöne Bilder des beschaulichen Bamberg und eine musikalische Untermalung, die meist unvermittelt einsetzt und stimmungsvolle Momente produziert. Über die Qualität der Leistung der Darsteller etwas zu sagen, fällt aber schwer, da die aberwitzige Geschichte sich immer wieder übermächtig in den Vordergrund drängt und verhindert, dass die Figuren sich zu mehr als Karikaturen entwickeln. Alles in Allem ist dieser Film ein einziges großes inszenatorisches Fragezeichen. Die beiden Stunden Spielzeit wären sogar besser in einer langen Lindenstraße-Nacht investiert.